Nancy, wo das Gold der Herzöge von Lothringen noch immer das Kopfsteinpflaster erhellt
Stanislas Leszczynski, der abgesetzte König von Polen und Schwiegervater von Ludwig XV., hätte seinen Lebensabend in seinem Herzogtum Lothringen ganz ruhig verbringen können. Stattdessen hinterließ er Nancy einen der schönsten Plätze Europas. Drei Jahrhunderte später glänzen die goldenen Gitter von Jean Lamour noch immer unter den Straßenlaternen, und die Einwohner von Nancy überqueren ihr architektonisches Meisterwerk so beiläufig, als würden sie durch ihr eigenes Wohnzimmer gehen. Diese Vertrautheit mit der Pracht gibt den Takt vor: Hier ist Schönheit ein Teil des Alltags.
Nancy, der große Unbekannte im Grand Est
Die Stadt zieht Architekturfans an, die den Touristenmassen von Strasbourg oder Colmar entfliehen wollen. Allein die Place Stanislas rechtfertigt die Reise, doch Nancy hält für neugierige Besucher noch weitere Überraschungen bereit. Das Art Nouveau Erbe der École de Nancy kann sich durchaus mit dem aus Brüssel oder Barcelona messen. Nur wenige ausländische Touristen wissen davon.
Wer das pulsierende Großstadtleben oder die Nähe zu hohen Bergen sucht, wird in Nancy vielleicht nicht fündig. Die Stadt ist überschaubar, das Gelände flach und die direkte Umgebung bietet keine spektakulären Höhenzüge. Für ein kulturell dichtes Wochenende mit einer bodenständigen Gastronomie gibt es im Nordosten Frankreichs jedoch kaum eine bessere Adresse.
Ein moderates Budget für eine Kunststadt
Nancy ist im Vergleich zu den großen touristischen Zielen bezahlbar. Plane etwa 60 bis 100 Euro pro Tag für ein Paar ein. Eine Hotelübernachtung kostet zwischen 70 und 120 Euro, ein komplettes Essen zwischen 15 und 25 Euro. Die städtischen Museen verlangen moderate Eintrittspreise, die meist bei 6 bis 8 Euro liegen.
Die Place Stanislas und die Ville Neuve
Die Place Stanislas gehört zum UNESCO-Welterbe und bildet zusammen mit der Place de la Carrière und der Place d'Alliance ein städtebauliches Ensemble aus dem 18. Jahrhundert von seltener Geschlossenheit. Die harmonischen Fassaden, die Brunnen von Barthélemy Guibal und die berühmten, goldverzierten schwarzen Gitter wirken wie eine Theaterkulisse unter freiem Himmel.
Am Abend gewinnt der Platz eine ganz neue Dimension. Die Beleuchtung betont die Vergoldungen, und die Café-Terrassen bleiben bis spät in die Nacht belebt. Im Sommer projiziert eine kostenlose Licht- und Tonschau animierte Fresken auf die Fassaden des Rathauses.
Tipp vom Experten: Um den Platz ohne Menschenmassen zu fotografieren, solltest du an einem Wochentag vor 8:00 Uhr kommen. Das schräge Licht lässt das Gold wie zu keiner anderen Tageszeit erstrahlen.
Die Ville Vieille und ihre geheimen Gassen
Auf der anderen Seite des Arc Héré zeigt die Ville Vieille (Altstadt) ihr mittelalterliches Gesicht. Enge Gassen schlängeln sich zwischen Renaissance-Häusern mit kunstvoll verzierten Fassaden hindurch. Die Porte de la Craffe, ein Überbleibsel der Befestigungsanlagen aus dem 14. Jahrhundert, markiert den nördlichen Eingang des Viertels. Ihre zwei massiven Türme dienten bis ins 19. Jahrhundert als Gefängnis.
Die basilique Saint-Epvre überragt dieses Viertel mit ihrer neugotischen Silhouette. Im Inneren befinden sich beeindruckende Glasmalereien, die von europäischen Königshäusern gestiftet wurden. Weniger bekannt ist die rue des Maréchaux, in der sich herrschaftliche Stadtpalais aneinanderreihen, deren Tore den Blick in stille, gepflasterte Innenhöfe freigeben.
Die École de Nancy: Die Herrschaft des Art Nouveau
Ende des 19. Jahrhunderts wurde Nancy zu einem der wichtigsten Zentren des Art Nouveau in Europa. Künstler wie Émile Gallé, Louis Majorelle und die Gebrüder Daum erfanden einen Stil, bei dem die Natur jede Kurve und jedes pflanzliche Motiv inspirierte. Das Musée de l'École de Nancy, das in einer Villa aus dem Jahr 1900 in einem Garten liegt, stellt ihre Kreationen aus: Glaswaren, Möbel und kunstvolle Schmiedearbeiten.
Um Art Nouveau vor Ort zu erleben, solltest du durch das quartier Saurupt mit seinen Villen und geschwungenen Fassaden spazieren. Auch die Chambre de Commerce und die Brasserie Excelsior sind im Stadtzentrum hervorragende Beispiele für diesen Stil.
Tipp vom Experten: Die Villa Majorelle, ein Meisterwerk des Architekten Henri Sauvage, kann nur nach Voranmeldung besichtigt werden. Reserviere unbedingt mehrere Tage im Voraus, da die Plätze schnell ausgebucht sind.
Der Parc de la Pépinière: Die grüne Lunge der Innenstadt
Nur einen Steinwurf von der Place Stanislas entfernt bietet dieser 23 Hektar große Park eine willkommene Atempause. Die Einheimischen kommen hierher zum Joggen, Picknicken oder einfach zum Flanieren unter jahrhundertealten Bäumen. Ein Rosengarten, ein kleiner kostenloser Tierpark und ein Musikpavillon beleben die Anlage. Sonntags bevölkern Familien die Rasenflächen.
Die Statue von Claude Gellée, auch bekannt als Le Lorrain, wacht über den Haupteingang. Der aus der Region stammende Maler gilt als einer der Meister des klassischen französischen Landschaftsbildes, auch wenn sein Ruhm über die Jahrhunderte etwas verblasst ist.
Wo kann man in Nancy essen und trinken?
Die lothringische Küche ist deftig. Eine echte quiche lorraine wird ohne geriebenen Käse zubereitet: nur Speck, Sahne und Eier in einem Mürbeteig. Die bergamotes de Nancy, diese quadratischen Bonbons mit dem Aroma des ätherischen Bergamotte-Öls, findest du bei Lefèvre-Lemoine, einem Konditor, der seit 1840 besteht.
Für ein herzhaftes Essen solltest du die potée lorraine oder den pâté lorrain probieren, eine in Weißwein marinierte Fleischpastete im Blätterteig. Die Brasserie Excelsior steht unter Denkmalschutz und serviert bürgerliche Küche in einem prachtvollen Art-Nouveau-Ambiente. Etwas entspannter geht es auf dem marché couvert zu, wo du regionale Produkte direkt vor Ort genießen kannst.
Wo übernachtet man in Nancy und Umgebung?
Die meisten Hotels konzentrieren sich im historischen Zentrum. Ein Zimmer nahe der Place Stanislas ermöglicht es, das nächtliche Flair zu genießen und alles zu Fuß zu erkunden. Das Bahnhofsviertel bietet preisgünstigere Alternativen, nur zehn Gehminuten vom Zentrum entfernt. Wer es ruhiger mag und ein Auto hat, findet in den 25 km entfernten Winzerdörfern der Côtes de Toul idyllische Gästezimmer.
Wie kommt man nach Nancy und wie bewegt man sich fort?
Der TGV verbindet Paris in 1 Stunde und 30 Minuten mit Nancy. Von Strasbourg aus dauert die Fahrt mit dem TER etwa 1 Stunde und 15 Minuten. Der aéroport de Metz-Nancy-Lorraine bedient einige europäische Ziele, ist aber eher klein. Luxemburg, eine Autostunde entfernt, bietet deutlich mehr internationale Verbindungen.
Vor Ort ist im Zentrum alles zu Fuß erreichbar. Ein Bus- und Straßenbahnnetz verbindet die Außenbezirke. Ein Auto ist sinnvoll, wenn du die Umgebung erkunden möchtest: das Weingebiet Côtes de Toul, die Hügel von Sion-Vaudémont oder die Stadt Metz in 45 Minuten Entfernung.
Wann ist die beste Reisezeit?
Frühling und Herbst bieten die besten Bedingungen mit milden Temperaturen und einem Licht, das die goldenen Fassaden besonders schön zur Geltung bringt. Der Sommer kann heiß und gewittrig sein. Im Winter ist es zwar kalt, doch der marché de Noël an der Place Stanislas ist die Reise wert: Er zählt zu den schönsten Frankreichs, ohne dabei so überlaufen zu sein wie der in Strasbourg.
Ich war für einen Tag von Paris aus dort. Ich war wirklich begeistert von dieser Stadt! Mir hat die Architektur der Place Stanislas gefallen, die Parks und der gesamte ausgeschilderte Rundgang rund um die dekorative Kunst (Musée de l'École de Nancy, Villa Majorelle). Es ist eine sehr angenehme, friedliche Stadt, in der man gut von der Hauptstadt abschalten kann. Es gibt auch tolle lokale Spezialitäten zu probieren, besonders die Macarons und die Bergamotten-Bonbons. Ich habe es bereut, nicht genug Zeit gehabt zu haben, um alles zu sehen, deshalb werde ich für ein Wochenende wiederkommen.