Réunion, die Insel, die vergessen hat, flach zu sein
Nach 11 Stunden Flug ab Paris landest du in Frankreich. Aber nicht irgendein Frankreich: Hier speit ein aktiver Vulkan mehrmals im Jahr Lava, ganze Dörfer sind nur zu Fuß erreichbar und an manchen Küsten patrouillieren Haie. Auf gerade einmal 2.512 km² vereint die Insel Landschaften, die so eigentlich nicht zusammengehören dürften. Üppige tropische Wälder treffen auf mondartige Steinwüsten, schwarze Sandstrände wechseln sich mit türkisfarbenen Lagunen ab.
Réunion, ein Paradies für Wanderer, nicht für Strandurlauber
Wenn du von endlosen Stränden und süßem Nichtstun träumst, buche lieber ein Ticket nach Mauritius, das nur 45 Flugminuten entfernt liegt. Réunion ist ein Ziel für Wanderer und Liebhaber von Nervenkitzel. Die Insel bietet mehr als 1.000 km markierte Wanderwege und 42% ihres Territoriums gehören seit 2010 zum UNESCO-Welterbe. Es ist ein Gebirge mitten im Indischen Ozean, keine klassische Postkarten-Idylle.
Ein weiterer Punkt: Es wird Französisch und Kreolisch gesprochen, Englisch verstehen nur wenige. Wenn du kein Französisch sprichst, kann es bei der Buchung einer Unterkunft oder der Bestellung im Restaurant schwierig werden. Auch der Lebensrhythmus ist speziell: Viele Geschäfte schließen sonntags und montags, und die Busse fahren abends nur bis spät am Nachmittag oder frühen Abend.
Ein ordentliches Budget für ein französisches Überseegebiet
Plane für ein Paar etwa 80 bis 120 Euro pro Tag ein. Unterkünfte in Gästehäusern oder Gîtes liegen bei 60-90 Euro pro Nacht, ein Restaurantbesuch bei 15-25 Euro, ein Mietwagen ab 200 Euro pro Woche. Aktivitäten gehen ins Geld: Canyoning oder Paragliding kosten 60-90 Euro, ein Helikopterflug über 200 Euro.
Die Cirques, Kathedralen aus Fels und Nebel
Drei gigantische Talkessel, die durch Erosion rund um den Piton des Neiges entstanden sind, nehmen das Herz der Insel ein. Mit 3.071 Metern ist er der höchste Punkt im Indischen Ozean. Jeder dieser Kessel hat seinen eigenen Charakter und verdient mehrere Tage Erkundung.
Mafate, der Talkessel ohne Straßen
Mafate ist nur zu Fuß oder per Helikopter erreichbar. Es gibt dort keine Straßen. Etwa 800 Menschen leben in Dörfern wie La Nouvelle oder Marla, wo alle Versorgungsgüter aus der Luft eingeflogen werden. Die Kinder verlassen den Talkessel nach der Grundschule. Der Name stammt angeblich von einem entflohenen Sklaven, der sich hier im 19. Jahrhundert versteckte.
Insider-Tipp: Reserviere deine Gîtes weit im Voraus telefonisch, hebe Bargeld ab, bevor du startest, und nimm ausreichend Wasser mit. Die Bergdörfer von Mafate haben weder Geldautomaten noch verlässlichen Handyempfang.
Cilaos und Salazie
Um nach Cilaos zu gelangen, musst du eine legendäre Straße mit über 400 Kurven bewältigen. Das auf 1.200 Metern gelegene Dorf versprüht mit seinen kreolischen Häusern das Flair eines Kurortes. Es ist der ideale Ausgangspunkt für die Besteigung des Piton des Neiges, die meist nachts von der Berghütte Caverne Dufour gestartet wird, um den Gipfel zum Sonnenaufgang zu erreichen.
Salazie, der grünste und regenreichste der drei Kessel, zählt rund hundert Wasserfälle, darunter den Voile de la Mariée, den du direkt von der Straße aus sehen kannst. Das Dorf Hell-Bourg, das zu den schönsten Orten Frankreichs zählt, bewahrt wunderschöne kreolische Villen mit blühenden Gärten.
Der Piton de la Fournaise, Wandern auf einem aktiven Vulkan
Der Piton de la Fournaise zählt zu den aktivsten Vulkanen der Erde und bricht mehrmals jährlich aus. Seine Lavaströme ergießen sich regelmäßig über den Grand Brûlé in Richtung Meer. Die klassische Wanderung beginnt am Pas de Bellecombe auf 2.311 Metern. Rechne mit 5 bis 6 Stunden für die Hin- und Rücktour zum Krater Dolomieu, eine Strecke von 13 km mit 500 Höhenmetern.
Der Pfad führt zunächst durch die Plaine des Sables, eine ocker- und violettfarbene Steinwüste, die an den Mars erinnert. Starte noch vor Sonnenaufgang, um die Wolken zu vermeiden. Überprüfe den Status der Wanderwege auf der Website der Forstbehörde ONF, da der Zugang zum Krater bei vulkanischer Aktivität gesperrt wird.
Die Küste zwischen geschützten Lagunen und wilden Stränden
Die Strände konzentrieren sich an der Westküste, zwischen Saint-Paul und Saint-Leu. Ein durch ein Korallenriff geschütztes Becken sorgt für ruhiges Wasser in l'Hermitage-les-Bains, Saint-Gilles und Boucan-Canot. Dies ist die einzige sichere Badezone der Insel, die durch Hai-Schutznetze gesichert ist.
Denn Bullenhaie kommen tatsächlich vor. Zwischen 2011 und 2019 entfielen etwa 16% der weltweiten tödlichen Hai-Attacken auf Réunion. Baden und Surfen sind außerhalb der markierten Zonen streng verboten. Im Süden bietet der Strand von l'Étang-Salé mit seinem schwarzen Vulkansand zwar ein eindrucksvolles Panorama, ist aber zum Schwimmen nicht geeignet.
Unvergessliche Erlebnisse
Beim Canyoning in den Schluchten von Salazie oder Cilaos kannst du dich an schwindelerregenden Wasserfällen abseilen. Das Paragliding ab Saint-Leu bietet einen Flug in Richtung Ozean an mehr als 300 Tagen im Jahr. Von Juni bis Oktober kommen Buckelwale zum Kalben in die Gewässer, und mehrere Anbieter ermöglichen es, mit ihnen für ca. 75 Euro zu schwimmen.
Réunion auf dem Teller: Täglich Cari
Das Cari, die lokale Curry-Variante, ist das tägliche Standardgericht. Huhn, Schwein oder Fisch werden mit Zwiebeln, Ingwer, Tomaten und frischer Kurkuma geschmort. Dazu gibt es Reis, Grains (Hülsenfrüchte) und ein scharfes Rougail. Das Rougail Saucisse ist ein lokaler Klassiker: geräucherte Würstchen in einer würzigen Tomatensoße.
Als Aperitif gibt es Samoussas, Bouchons (gedämpfte Teigtaschen) und Bonbons Piments, dazu einen hausgemachten Rhum Arrangé. Bourbon-Vanille, Litschis, Victoria-Ananas, Ingwer: Jede Familie hat ihr eigenes Geheimrezept. Die Märkte in Saint-Paul am Freitag und Saint-Pierre am Samstag quellen über vor tropischen Früchten und Gewürzen.
Wann ist die beste Reisezeit für Réunion?
Der Winter der Südhalbkugel von Mai bis Oktober bietet trockenes und kühles Wetter, ideal zum Wandern. Die Temperaturen an der Küste sind angenehm, in der Höhe deutlich frischer. Dies ist auch die beste Zeit zur Walbeobachtung.
Der Sommer der Südhalbkugel von November bis April bringt Wärme und Feuchtigkeit, mit einem Zyklonrisiko von Januar bis März. Die Wanderwege werden matschig und die Aussichtspunkte verschwinden oft im Nebel. Vermeide die französischen Schulferien, da die Insel dann überfüllt ist und Unterkünfte oft ausgebucht sind.
Wie kommst du nach Réunion?
Der Flughafen Roland Garros in Saint-Denis empfängt die Flüge aus dem französischen Mutterland. Air France, Air Austral, Corsair und French Bee bieten Direktflüge in 11 Stunden an. Rechne mit 500 bis 900 Euro für einen Hin- und Rückflug je nach Saison. Von Mauritius aus kosten Flüge 80 bis 150 Euro. Für Europäer ist kein Visum erforderlich.
Wie bewegst du dich auf Réunion fort?
Ein Mietwagen ist unverzichtbar. Die Busse namens "Car Jaune" bedienen die Küstenorte für 2 Euro, fahren aber weder zum Vulkan noch zu den Startpunkten der Wanderwege. Sie stellen ihren Betrieb gegen 19:00 Uhr ein. Plane 200 bis 350 Euro pro Woche für den Mietwagen ein. Kraftstoff ist etwas günstiger als in Europa.
Für Mafate funktionieren nur deine Beine oder der Helikopter. Die Unternehmen Hélilagon und Corail Hélicoptères bieten Transfers und touristische Rundflüge zwischen 200 und 350 Euro an.