Deutschland: Zwischen unbegrenzten Autobahnen und mittelalterlichen Gasthäusern
Auf einer bayerischen Autobahnraststätte rast ein Sportwagen mit 220 km/h vorbei, während nur wenige Kilometer entfernt Gäste in einer Taverne mit jahrhundertealten Holzbalken gemeinsam an einem Tisch sitzen. Die Bedienung stellt die Ein-Liter-Krüge mit einer Gelassenheit ab, die man hier einfach erwartet. Diese Szene bringt Deutschland auf den Punkt: ein Land, in dem modernste Technik und Traditionen, die die Zeit überdauert haben, ganz selbstverständlich koexistieren.
Ein Reiseziel für jeden Geschmack
Deutschland ist ideal für Reisende, die Kontraste schätzen, ohne dafür halbe Weltreisen unternehmen zu müssen. Innerhalb einer Woche kannst du die Underground-Clubs von Berlin erleben, durch die urwüchsigen Wälder in Bayern wandern und anschließend durch malerische Dörfer mit Fachwerkbauten schlendern, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Wer neugierig ist, wird hier belohnt.
Wer hingegen eine Schönwettergarantie oder mediterranes Lebensgefühl sucht, wird in Deutschland weniger glücklich. Das Klima ist kontinental und kann durchaus rau sein. Die Menschen sind hilfsbereit, aber anfangs eher zurückhaltend. Eine Sprachbarriere gibt es für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum natürlich nicht. Die Infrastruktur ist exzellent, die Züge sind (meist) pünktlich und das Land zählt zu den sichersten in Europa.
Ein angemessenes Budget für Westeuropa
Im Vergleich zu unseren Nachbarn in der Schweiz ist Deutschland recht erschwinglich. Plane für einen durchschnittlichen Aufenthalt etwa 70 bis 120 Euro pro Tag ein. Übernachtungen in soliden Hotels kosten meist zwischen 80 und 120 Euro für ein Doppelzimmer, eine Mahlzeit liegt bei 10 bis 25 Euro und ein Tagesticket für den Nahverkehr kostet etwa 8 Euro.
Großstädte: Geschichte und Moderne hautnah

Berlin ist keine klassische Schönheit. Die Stadt versucht es auch gar nicht erst zu sein. Sie wurde zerstört, durch eine Mauer geteilt und danach mit einer chaotischen Energie wiederaufgebaut, die sie einzigartig macht. Die Museumsinsel, ein UNESCO-Welterbe, vereint fünf bedeutende Institutionen. Das Holocaust-Mahnmal in der Nähe vom Brandenburger Tor sorgt für einen Moment des Innehaltens.
Berlin lebt vor allem in seinen alternativen Kiezen. Kreuzberg und Friedrichshain bieten eine der besten Street-Art-Szenen Europas, legendäre Techno-Clubs und eine türkische Küche, die sich vor Istanbul nicht verstecken muss. Der Kebab bei Mustafa's Gemüse ist das Anstehen wert.

München spielt in einer anderen Liga. Die bayerische Landeshauptstadt strahlt bürgerliche Eleganz und gelebte Tradition aus. Der Marienplatz mit seinem Glockenspiel lockt die Massen an, der Viktualienmarkt ist ein Paradies für lokale Spezialitäten und das Schloss Nymphenburg erinnert an die Glanzzeit der Wittelsbacher.
Geheimtipp: Meide München während des Oktoberfests, wenn du nicht explizit wegen des Volksfestes kommst. Die Hotelpreise verdreifachen sich und die Stadt wirkt überlaufen. Das Frühlingsfest im April bietet eine ähnliche Atmosphäre bei deutlich weniger Andrang.
Hamburg überzeugt mit seinem riesigen Hafen, der architektonisch beeindruckenden Elbphilharmonie und dem Kiez auf St. Pauli. Frankfurt wird oft wegen seines Geschäftslebens unterschätzt, bietet aber mit dem Museumsufer eine der größten Museumsdichten Europas direkt am Main.
Schlösser wie aus dem Märchenbuch

Schloss Neuschwanstein in Bayern ist das klassische Postkartenmotiv Deutschlands. Auf einem Felsvorsprung vor der Alpenkulisse erbaut, diente es als Vorlage für das Disney-Schloss. König Ludwig II. ließ es in einem romantischen Wahn errichten, der die Staatskasse leerte. Die Führung dauert 30 Minuten und in der Hochsaison solltest du die Tickets unbedingt Wochen im Voraus buchen.
Das Schloss Heidelberg, das halb als Ruine über der Universitätsstadt am Neckar thront, bietet eine deutlich ruhigere und romantischere Stimmung. Die Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg, Stammsitz der preußischen Kaiserfamilie, liegt auf einem isolierten Bergkamm und bietet bei gutem Wetter einen Blick bis zum Schwarzwald.
Für eine geschichtsträchtige Erfahrung ist die Wartburg in Thüringen einen Besuch wert, wo Luther das Neue Testament übersetzte. Ein echter Geheimtipp ist die Burg Eltz im Moseltal, die nie zerstört wurde und sich seit 850 Jahren im Besitz derselben Familie befindet.
Tiefe Wälder und bayerische Berge

Der Schwarzwald macht seinem Namen alle Ehre. Die dichten Nadelbäume sorgen selbst am Tag für eine fast mystische Dunkelheit. Die Triberger Wasserfälle, mit 163 Metern die höchsten des Landes, sind leicht zugänglich. Dörfer wie Schiltach im Kinzigtal bewahren ihre Fachwerkbauten und Uhrmachertraditionen.
Die Bayerischen Alpen an der Grenze zu Österreich bieten ein grandioses Panorama. Garmisch-Partenkirchen ist der perfekte Ausgangspunkt für Erkundungen. Die Zugspitze ist mit 2.962 Metern der höchste Gipfel Deutschlands und lässt sich per Seilbahn oder, für Sportliche, zu Fuß erklimmen. Am Königssee kannst du dich mit Elektrobooten durch die steilen Felswände fahren lassen, wo nur das Echo der Berge zu hören ist.
Der Bodensee, der sich mit der Schweiz und Österreich teilt, ist ideal, um am Wasser zu entspannen und den Blick auf die Berge zu genießen.
Geheimtipp: Der Spreewald bei Berlin lohnt sich. Dieses Labyrinth aus Kanälen in einem Auwald erkundest du am besten mit einem traditionellen Kahn. Es ist das kleine deutsche Amazonien, nur eine Stunde von der Hauptstadt entfernt.
Dörfer abseits der Touristenpfade
Das Ahrtal, ein Weinbaugebiet westlich von Köln, produziert Weine, die man in dieser Breitengradlage kaum vermutet. Die Steillagen, Weinstuben und das zum Weingut umgebaute Kloster Marienthal sind einen Stopp wert. In Altenahr kannst du entlang der Ahr wandern und die Burgruinen bestaunen.
Dinkelsbühl in Bayern blieb von den Zerstörungen der Kriege weitgehend verschont. Die Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert umschließt noch immer die Altstadt mit ihren bunten Fachwerkhäusern. Es ist deutlich weniger überlaufen als Rothenburg ob der Tauber und bietet ein authentischeres mittelalterliches Erlebnis.
Im Osten des Landes beherbergt Quedlinburg in Sachsen-Anhalt über 1.300 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten Architekturgeschichte. Auch Dresden ist wegen seiner Weihnachtsmärkte, die zu den ältesten Europas zählen, und der nach 1945 rekonstruierten Altstadt ein lohnendes Ziel.
Deutschland auf dem Teller: Mehr als nur Bratwurst

Die deutsche Küche hat einen oft zu Unrecht schlechten Ruf. Ja, es gibt über 1.500 Wurstsorten, aber jede Region hat ihre eigenen Spezialitäten. Der Sauerbraten, tagelang in Essig und Gewürzen mariniert, ist ein echtes Highlight. Schwäbische Spätzle, frisch und mit Käse überbacken, sind das perfekte Soulfood nach einer langen Wanderung.
Berlin erfand 1949 die Currywurst, die bis heute der beliebteste Street-Food-Klassiker ist. Zudem beherbergt die Stadt die größte türkische Gemeinschaft außerhalb der Türkei, was erklärt, warum die Döner-Kebab-Kultur hier so exzellent ist.
In Bayern isst man das Weißwurstfrühstück traditionell vor Mittag mit süßem Senf und einer Brezel. Der Schweinshaxe, eine knusprige Spezialität, passt perfekt zum Bier im Biergarten. Der Schwarzwald gab der weltberühmten Schwarzwälder Kirschtorte ihren Namen: Schokolade, Kirschen und Sahne mit einem Schuss Kirschwasser. Musikliebhaber kommen in Leipzig und Bayreuth auf den Spuren von Johann Sebastian Bach und Richard Wagner voll auf ihre Kosten.
Wann ist die beste Reisezeit?
Das Klima ist meist kontinental. Die beste Reisezeit liegt zwischen Mai und September. Die Temperaturen liegen dann meist zwischen 18 und 25 Grad, die Tage sind lang und die Straßencafés gut besucht. Der Mai bietet blühende Obstbäume und deutlich weniger Touristen als der Hochsommer.
Der Winter lohnt sich vor allem wegen der Weihnachtsmärkte von November bis Dezember, die Berlin, Köln und München in ein Lichtermeer verwandeln. In den Bayerischen Alpen gibt es zudem ordentliche Skigebiete. Stell dich jedoch auf frostige Temperaturen und kurze Tage ein.
Anreise nach Deutschland
Mit dem Flugzeug erreichst du die großen Städte von Frankreich aus in 1,5 bis 2 Stunden. Frankfurt und München sind die wichtigsten Drehkreuze. Billigflieger wie Eurowings oder Ryanair fliegen Berlin, Köln oder Düsseldorf ab 30 bis 50 Euro an.
Mit dem Zug ist etwas mehr Geduld gefragt, beispielsweise dauert die Fahrt Paris-Berlin etwa 8,5 Stunden mit Umstieg. Der Fernbus ist mit FlixBus eine günstige Alternative, oft schon ab rund 20 Euro. EU-Bürger benötigen lediglich einen gültigen Personalausweis oder Reisepass.
Unterwegs in Deutschland
Das Netz der Deutschen Bahn ist hervorragend. Die ICE-Züge verbinden die großen Städte mit hoher Geschwindigkeit, etwa in 4 Stunden zwischen Berlin und München. Frühbucher sparen oft bis zu 50% bei den Ticketpreisen. Die meisten Städte verfügen zudem über einen eigenen Flughafen.
Das Deutschland-Ticket für 49 Euro pro Monat ermöglicht die unbegrenzte Nutzung des gesamten regionalen Nahverkehrs. Busse sind ebenfalls eine zuverlässige und günstige Option. Ein Mietwagen ist ideal, um ländliche Regionen zu erkunden. Auf einigen Autobahnabschnitten gibt es kein Tempolimit. Rechne mit etwa 40 bis 60 Euro pro Tag für einen Kompaktwagen.