Chinon, dort wo Jeanne d'Arc die Geschichte Frankreichs veränderte
Am 23. Februar 1429 durchquerte eine siebzehnjährige Bäuerin nach elf Tagen auf dem Pferderücken die schlammigen Gassen von Chinon. Sie war gekommen, um einen ungekrönten König davon zu überzeugen, ihr eine Armee anzuvertrauen. Der Thronsaal existiert heute nicht mehr, doch die Mauern der Festung, die über der Vienne thronen, bewahren das Gedächtnis.
Vier Jahrhunderte zuvor war es genau dieser Ort, an dem Henri II Plantagenêt über ein Reich herrschte, das sich von Schottland bis zu den Pyrenäen erstreckte. Und noch immer ist es Chinon, wo Rabelais die Abenteuer von Gargantua erdachte, inmitten einer Landschaft aus Kalksteinhängen und in den Tuffstein gehauenen Kellern.
Eine Stadt für Geschichts- und Weinliebhaber
Chinon ist das richtige Ziel für alle, die das Mittelalter der Pracht der Renaissance vorziehen. Wer die französischen Gärten und monumentalen Treppen von Chambord oder Chenonceau sucht, wird hier nicht fündig. Die königliche Festung ist eine beeindruckende Ruine, kein möbliertes Schloss. Ihr Reiz liegt in der tiefen historischen Atmosphäre und den weiten Ausblicken über das Tal.
Weinliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Die Appellation Chinon produziert einige der renommiertesten Rotweine des Loiretals, die auf Cabernet Franc basieren. Die in die Tuffsteinfelsen gegrabenen Höhlenkeller bieten Verkostungen in einem außergewöhnlichen Ambiente. Familien mit kleinen Kindern sollten wissen, dass die Stadt etwas Kondition erfordert: Die gepflasterten Straßen führen steil hinauf zur Festung und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind nur zu Fuß erreichbar.
Ein angemessenes Budget für das Loiretal
Plane für eine Unterkunft mit gutem Standard 80 bis 150 Euro pro Nacht ein. Eine Mahlzeit in einem guten Restaurant kostet zwischen 25 und 45 Euro. Verkostungen in den Weingütern sind oft kostenlos oder gegen einen kleinen Unkostenbeitrag möglich.
Die königliche Festung und ihre Geister
Die 500 Meter langen Festungsmauern, die den Felssporn krönen, beherbergen eigentlich drei verschiedene Burgen, die zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert erbaut wurden. Das Histopad, ein Tablet mit Augmented Reality, rekonstruiert acht Räume so, wie sie zur Zeit von Karl VII. aussahen. Man sieht die möblierte königliche Kammer, Wandteppiche und Bedienstete bei der Arbeit. Hier dient die Technik der Geschichte, ohne sie zu verfälschen.
Das Musée Jeanne d'Arc im Uhrturm versammelt Gemälde und Skulpturen, die die Jungfrau von Orléans durch die Jahrhunderte hindurch darstellen. Ein Escape Game ermöglicht es, die unterirdischen Gänge und Türme auf spielerische Weise zu erkunden. Der Blick von den Wällen ist allein schon den Eintritt wert: die Schieferdächer der Altstadt, die Windungen der Vienne und Weinberge, soweit das Auge reicht.
Geheimtipp: Ein kostenloser Shuttlebus verbindet das Stadtzentrum mit der Festung für alle, die den Aufstieg vermeiden möchten. Erkundige dich am Fremdenverkehrsamt auf der Place Jeanne d'Arc.
Mittelalterliche Gassen und der Schatten von Rabelais
Die Altstadt lässt sich gut in einem halben Tag zu Fuß erkunden. In der rue Voltaire und der rue Haute Saint-Maurice drängen sich die schönsten Fachwerkhäuser und Stadtpalais aus Tuffstein. Einige Fassaden stammen aus der Regierungszeit von Karl VII., andere aus der Renaissance. Die Innenhöfe, die durch diskrete Durchgänge zugänglich sind, bergen so manche Überraschung.
Das Musée Le Carroi, untergebracht im Maison des États Généraux, zeichnet die lokale Geschichte seit dem Mittelalter nach. Die halb in den Fels gehauene Chapelle Sainte-Radegonde bewahrt ein Fresko aus dem 12. Jahrhundert, das eine königliche Jagd der Plantagenêt darstellt. Rabelais-Fans sollten den sieben Kilometer langen Weg nach La Devinière auf sich nehmen, um das Geburtshaus des Schriftstellers inmitten der Weinberge zu besichtigen.
Der Wein von Chinon und seine Tuffsteinkeller
Die AOC Chinon erstreckt sich über 2.300 Hektar und 26 Gemeinden entlang der Vienne. Der Cabernet Franc, lokal auch Breton genannt, ergibt Rotweine mit Aromen von roten Früchten und Veilchen, die die für Loireweine typische Frische besitzen. Die Böden variieren von Kiesterrassen bis zu Kalksteinhängen: Erstere liefern fruchtige Weine für den baldigen Genuss, letztere komplexe Tropfen, die zwanzig Jahre lang lagern können.
Die Caves Painctes unter der Festung dienten einst als Treffpunkt der Confrérie des Bons Entonneurs Rabelaisiens. Das Domaine Pierre Sourdais bietet eine Besichtigung des Kellers, den der Winzer selbst in den Fels gehauen hat. Das Domaine Couly-Dutheil besitzt Galerien aus dem 10. Jahrhundert direkt unter den Festungsmauern. Die meisten Weingüter empfangen Besucher ohne Termin, ein vorheriger Anruf ist jedoch gern gesehen.
Geheimtipp: Auf dem Markt am Donnerstagmorgen auf der Place Jeanne d'Arc kann man lokale Weine zusammen mit Ziegenkäse und Rillons de Touraine probieren. Eine Kombination, die hervorragend funktioniert.
Rund um Chinon: Schlösser und Dörfer
Die Abbaye royale de Fontevraud liegt 25 Autominuten entfernt und beherbergt die Grabmäler von Eleonore von Aquitanien und Richard Löwenherz. Das château d'Azay-le-Rideau, das wie ein weißes Steinschiff auf der Indre ruht, ist der Inbegriff eines Renaissanceschlosses. Das château du Rivau mit seinen fantasievollen Gärten ist besonders bei Familien beliebt.
Candes-Saint-Martin, das zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählt, liegt am Zusammenfluss von Loire und Vienne. Die Stadt Richelieu, die vom Kardinal aus dem Nichts erschaffen wurde, ist ein einzigartiges Beispiel für den Städtebau des 17. Jahrhunderts. Die Voie Verte, ein auf einer ehemaligen Eisenbahnstrecke angelegter Weg, verbindet Chinon mit Richelieu auf einer 20 Kilometer langen, flachen und schattigen Radstrecke.
Wo essen und trinken in Chinon?
Das Nemrod, eröffnet im Jahr 2024, verkörpert die neue Gastronomie von Chinon. Der Chefkoch Nicolas Gaulandeau, ein Jäger und Sammler, verarbeitet Produkte aus den umliegenden Wäldern und Bauernhöfen mit modernen Techniken wie Räuchern, Fermentieren oder Vakuumgaren. Das Restaurant trägt den Titel Maître Restaurateur. Das Ardoise bietet solide bistronomische Küche mit Produkten aus kurzer Lieferkette.
Au Chapeau Rouge, gegenüber der Festung, ist seit Jahren eine verlässliche Adresse. Hinter der Fassade aus dem 16. Jahrhundert verbirgt sich ein Dekor der Belle Époque, in dem saisonal Fisch aus der Loire und Wild serviert werden. Für eine einfachere Mahlzeit bietet das Café de la Paix eine angenehme Terrasse auf dem Hauptplatz. Fouées, im Holzofen gebackene kleine Brötchen, die mit Rillettes oder weißen Bohnen (mogettes) gefüllt werden, sind der lokale Snack schlechthin.
Wo übernachten in Chinon und Umgebung?
Das Hôtel Diderot in einem Gebäude aus dem 15. Jahrhundert nahe der Stiftskirche Saint-Mexme besticht durch seinen dezenten Charme, einen Garten und hausgemachtes Frühstück. Das Best Western Hotel de France am zentralen Platz bietet standardisierten Komfort in einem historischen Gebäude. Das Ibis Styles am Stadtrand eignet sich für Reisende mit Auto, die auf das Preis-Leistungs-Verhältnis achten.
Privatunterkünfte (Chambres d'hôtes) sind oft die beste Wahl. Au Relais Saint Maurice im mittelalterlichen Viertel bietet thematische Zimmer, die an Jeanne d'Arc oder Heinrich II. erinnern. La Closerie Saint-Martin in einem Winzerweiler verfügt über fünf individuell gestaltete Zimmer und bietet an vier Abenden pro Woche ein Abendessen (Table d'hôtes) an. Die Preise beginnen bei etwa 60 Euro pro Nacht inklusive Frühstück.
Anreise und Fortbewegung in Chinon
Von Paris dauert die Anreise etwa drei Stunden: TGV bis Tours in 1 Stunde 15 Minuten, dann TER bis Chinon in 45 Minuten. Neun Züge täglich verbinden Tours mit Chinon. Von Rennes oder Nantes aus muss man in Tours oder Le Mans umsteigen. Mit dem Auto erreicht man Chinon von Paris über die A10 in 3 Stunden, von Tours in 50 Minuten und von Saumur in 40 Minuten.
Vor Ort lässt sich das historische Zentrum leicht zu Fuß erkunden. Ein Auto ist jedoch notwendig, um die umliegenden Schlösser und Weinberge zu entdecken. Der Service CLAN am Quai Danton vermietet Fahrräder, Kanus und Kajaks, um die Region auf eine andere Art zu erkunden. Die Compagnie de Navigation Vienne-Loire bietet traditionelle Bootsfahrten bis zum Zusammenfluss mit der Loire an.
Wann ist die beste Reisezeit?
Frühling und Herbst bieten die besten Bedingungen: milde Temperaturen, goldenes Licht auf dem Tuffstein, blühende Weinberge oder die Zeit der Weinlese. Der Sommer kann heiß sein und die Gassen sind stärker besucht, doch die Guinguette am Fuße der Festung belebt die Abende. Der Winter ist ideal für Ruhesuchende, auch wenn einige Restaurants schließen und die Öffnungszeiten der Festung eingeschränkt sind.
Chinon ist eine sehr hübsche Stadt mit einem gut erhaltenen historischen Zentrum. Natürlich empfehle ich Ihnen, bei einem kurzen Aufenthalt zuerst das Schloss zu besichtigen. Sie können wunderbar durch die kleinen Straßen des belebten Zentrums schlendern, besonders in der Hochsaison. Es gibt dort zahlreiche Restaurants und schöne Läden.