Toulon: Vom Militärhafen zur mediterranen Terrasse
Noch vor zwanzig Jahren trug das Viertel direkt am Arsenal einen wenig schmeichelhaften Spitznamen: Chicago. In den engen Gassen reihte sich damals eine Matrosenkneipe an die nächste, während die Damen der Nacht auf die Freigänger aus der Marine warteten.
Heute zieren pastellfarbene Fassaden die Straßenzüge, in denen sich nun Concept Stores, Kunstgalerien und Cocktailbars finden. Diese Verwandlung beschreibt die Stadt treffend. Lange Zeit von Reisenden ignoriert, die schnurstracks Richtung Nizza oder Saint-Tropez weiterfuhren, hat sich Toulon neu erfunden, ohne dabei sein authentisches Gesicht als Arbeiter- und Hafenstadt zu verlieren.
Toulon: Riviera ohne Glanz und Gloria
Wer nach dem Glamour der Côte d'Azur sucht, ist hier falsch. In Toulon gibt es weder Milliardärsyachten noch Luxusboutiquen. Rugbyfans, Liebhaber der Marinegeschichte und Freunde des echten provenzalischen Lebens kommen hingegen voll auf ihre Kosten. Der RC Toulon sorgt im stade Mayol für Begeisterung, auf den Märkten duftet es nach Lavendel und Oliven, und die Strände sind vom Stadtzentrum aus bequem zu Fuß erreichbar.
Allerdings trägt die Architektur noch die Narben der Bombenangriffe von 1944. Einige Viertel wirken wenig einladend, und der industrielle Ruf der Stadt hält sich hartnäckig. Für Reisende, die die Region Var erkunden wollen, ohne das Budget zu sprengen, oder die den sommerlichen Menschenmassen von Saint-Tropez entfliehen möchten, ist Toulon jedoch ein idealer Ausgangspunkt.
Ein moderates Budget für die Provence
Rechne mit 70 bis 120 Euro pro Tag für zwei Personen, was deutlich günstiger ist als im restlichen Teil der Côte d'Azur. Unterkünfte beginnen bei 60 Euro pro Nacht, eine Mahlzeit auf dem überdachten Markt kostet 12 bis 15 Euro, und die meisten Museen verlangen nur geringe Eintrittspreise. Die Fahrt mit der Seilbahn auf den Mont Faron kostet 8 Euro für Hin- und Rückweg.
Die Altstadt und der Hafen
Der cours Lafayette ist jeden Morgen Schauplatz eines provenzalischen Marktes, auf den die Einheimischen zu Recht stolz sind. Oliven, Kräuter der Provence, Ziegenkäse und sonnengereifte Früchte: Die Stände sind prall gefüllt mit Farben und Aromen. Dienstags und samstags erstreckt sich der Markt bis zur place Louis-Blanc.
Hinter dem Hafen offenbart die Altstadt ein Labyrinth aus mittelalterlichen Gassen mit schattigen Plätzen. Auf der place Puget steht ein besonderer Brunnen: die fontaine des Trois Dauphins, die nach zwei Jahrhunderten mittlerweile halb von Moos und Pflanzen bewachsen ist. Die im 11. Jahrhundert gegründete cathédrale Notre-Dame de la Seds birgt ein historisches Kuriosum: Franz I. ließ sie 1543 in eine Moschee umwandeln, um die mit Frankreich verbündeten osmanischen Korsaren zu beherbergen.
Geheimtipp: Lass dir den Kiosk für cade gegenüber dem Markt von Le Mourillon nicht entgehen. Dieser Fladen aus Kichererbsenmehl und Olivenöl, der im Holzofen gebacken wird, schmeckt warm als Aperitif am besten. Es ist die lokale Spezialität schlechthin.
Das Künstlerviertel und die Markthallen
Die rue des Arts verkörpert den Aufbruch der Stadt. Wo früher leerstehende Ladenlokale stagnierten, haben lokale Kreative Boutiquen, Ateliers und Galerien eröffnet. Das Designfestival Design Parade, das jeden Sommer in der Villa Noailles stattfindet, hat das Viertel als kreatives Zentrum etabliert. Sogar die renommierte Schule Camondo hat hier einen Standort eröffnet.
Nur wenige Schritte entfernt wurden die Halles municipales Esther Poggio nach zwanzig Jahren Renovierungszeit wiedereröffnet. Das Art-déco-Gebäude von 1929 beherbergt heute 21 Stände von Produzenten und Handwerkern. Hier kann man Austern aus der Bucht, Pizza aus dem Holzofen oder mediterrane Spezialitäten genießen. Das Café Toulonnais auf dem Dach bietet zudem einen Panoramablick, der sich perfekt für den Aperitif eignet.
Die place de l'Équerre mit ihren belebten Terrassen ist zum abendlichen Treffpunkt geworden. Das Petit Chicago, eine Musikbar im Stil eines Speakeasy, würdigt mit Jazz- und Bluesabenden die zwielichtige Vergangenheit des Viertels.
Le Mourillon und die Strände
Dieses Viertel östlich des Stadtzentrums funktioniert wie ein Dorf in der Stadt. Der marché du Mourillon belebt die Vormittage, in der rue Lamalgue finden sich erstklassige Käsereien und Metzgereien, und trotz des sommerlichen Andrangs bleibt die Stimmung angenehm lokal. Hier leben die Toulonnaiser, die sich den Blick aufs Meer leisten können.
Die plages du Mourillon erstrecken sich über sieben Hektar Sandstrand, gesäumt von angelegten Gärten und Spielplätzen. Vier aufeinanderfolgende Buchten bieten ruhiges, flaches Wasser, ideal für Familien. Bars und Restaurants säumen die Promenade Frédéric Mistral. Weiter östlich belohnen die wilden Buchten von Méjean und Magaud, die über den sentier des Douaniers erreichbar sind, Wanderer mit türkisfarbenem Wasser direkt unter den Klippen.
Geheimtipp: Im Sommer werden abends an den Stränden von Le Mourillon spontane Boule-Partien ausgetragen. Die Einheimischen laden dich sicher gern zum Mitspielen ein, natürlich mit einem Glas pastis in der Hand. Stell dich darauf ein, dass du verlierst.
Der Mont Faron und das militärische Erbe
Die Seilbahn zum Mont Faron, eingeweiht 1959, ist das Wahrzeichen der Stadt. Die rote Kabine erklimmt in wenigen Minuten 584 Höhenmeter und bietet einen spektakulären Blick auf die Bucht, die Hyères-Inseln und das Maures-Massiv. Auf dem Gipfel erinnert das Mémorial du Débarquement an die Befreiung der Provence im August 1944. Zudem gibt es dort einen Zoo mit Raubkatzen.
Weiter unten bewacht die Tour Royale seit dem 16. Jahrhundert den Hafeneingang. Die massive Festung mit sieben Meter dicken Mauern kann für 2 Euro besichtigt werden. Das Musée national de la Marine, untergebracht im monumentalen Arsenal-Tor von 1738, zeigt Schiffsmodelle, alte Seekarten und Navigationsinstrumente. Der Eintritt kostet 7 Euro.
Der Militärhafen selbst ist eine Sehenswürdigkeit für sich. Es handelt sich um den größten Marinestützpunkt Europas, und bei einer Fahrt mit den Pendelbooten lässt sich der Flugzeugträger Charles de Gaulle aus der Nähe betrachten, wenn er im Hafen liegt.
Ausflüge in die Umgebung
Nur zwanzig Autominuten entfernt bewahrt Sanary-sur-Mer mit seinen bunten Fischerbooten im Hafen und den blumengeschmückten Gassen den Charme eines Fischerdorfs. Le Castellet, auf einem Hügel gelegen, bietet ein typisch provenzalisches Panorama mit darunterliegenden Weinbergen. Bandol produziert einige der besten Rotweine der Provence.
Die îles d'Hyères, die mit der Fähre vom Hafen aus erreichbar sind, sind einen ganzen Tagesausflug wert. Porquerolles und Port-Cros locken mit paradiesischen Stränden und Wanderwegen durch unberührte Natur.
Wo essen und trinken in Toulon?
Die cade bleibt die wichtigste Spezialität, ein Kichererbsenfladen, den man am Kiosk in Le Mourillon oder bei traditionellen Bäckern findet. Die anchoïade, eine Sardellenpaste zum Bestreichen von geröstetem Brot, gehört zum provenzalischen Aperitif. Die huîtres de la rade, die in lokalen Austernbänken gezüchtet werden, genießt man am besten in den Markthallen oder am Hafen.
Für ein Essen direkt am Wasser bietet das Côté Jardin an der Promenade Frédéric Mistral mediterrane Küche in grüner Umgebung. La Fabricca di Marco serviert frische Pasta in einem Trattoria-Ambiente. In Le Mourillon zieht das Restaurant Le Dolce mit Fischgerichten und Meerblick ein treues lokales Publikum an.
Für einen Drink kombiniert das O'Boulodrome in der rue Chevalier-Paul eine Weinhandlung mit Indoor-Boulebahnen. Der Street Bar auf der place de l'Équerre belebt die Abende mit seiner vollen Terrasse. Fans von lokalem Bier sollten nach dem Bière de la Rade Ausschau halten, das in der Region Toulon gebraut wird.
Wo übernachten in Toulon und Umgebung?
Das Viertel Le Mourillon bietet den besten Kompromiss aus Strandnähe, Restaurants und lebendiger Nachbarschaft. Es gibt zahlreiche Airbnb-Unterkünfte, in denen man wie ein Einheimischer wohnen kann. In den kleinen Straßen ist das Parken zudem kostenlos.
Im Stadtzentrum bietet das hôtel Okko in der Nähe der place de la Liberté moderne Zimmer und eine Rooftop-Bar mit Aussicht. Das Grand Hôtel Dauphiné direkt am Hafen kombiniert maritimes Dekor mit einem erstklassigen Bistro-Restaurant. Für den kleineren Geldbeutel finden sich in Bahnhofsnähe zahlreiche erschwingliche Optionen.
Außerhalb der Stadt verfügt das hôtel Rives d'Or in La Seyne-sur-Mer über eine Dachterrasse mit Blick auf die Bucht. In Six-Fours-les-Plages bietet die Pension Villa Krilou vier Zimmer in direkter Strandlage.
Anreise und Fortbewegung
Der TGV verbindet Paris in weniger als vier Stunden direkt mit dem Bahnhof von Toulon. Regelmäßige Verbindungen bestehen zudem nach Lyon, Montpellier und Marseille. Der aéroport de Toulon-Hyères, 20 km vom Zentrum entfernt, bedient einige Inlands- und Europaziele. Ein Shuttle bringt Reisende für 1,40 Euro zum Bahnhof.
Mit dem Auto aus Paris sind etwa acht Stunden über die Autobahnen A7 und A8 einzuplanen. Die Autobahn bis Nizza ist mautpflichtig. Von Marseille aus dauert die Fahrt etwa eine Stunde.
Vor Ort lässt sich das Stadtzentrum problemlos zu Fuß erkunden. Das Busnetz verbindet den Mont Faron, Le Mourillon und die Nachbargemeinden. bateaux-bus (Pendelboote) überqueren die Bucht Richtung La Seyne und Saint-Mandrier für 2 Euro pro Fahrt.
Wann ist die beste Reisezeit?
Mai bis Oktober sind ideal, mit über 300 Sonnentagen pro Jahr und milden Temperaturen. Juli und August sind zwar belebt, aber im Vergleich zum restlichen Teil der Côte d'Azur gut erträglich. Das Festival Design Parade belebt den Sommer, das Jazz Festival findet im Juli statt. Der Winter ist mild, aber windig, und die Stadt kehrt zu ihrem gemächlichen lokalen Rhythmus zurück.
Toulon bietet eine einzigartige geografische Lage, eine große Stadt direkt am Mittelmeer.
Die Stadt erstreckt sich zwischen ihren Kalksteinhügeln und der wunderschönen Bucht, in die sich der Handelshafen und der geschäftige Militärhafen schmiegen.
Ich mag das authentische Flair dieser Metropole, die sich gerade neu erfindet. Die Stadt bietet eine tolle Auswahl an Adressen (Restaurants, Bars, Museen). Für einen Ausflug mit Freunden solltet ihr euch auf den Weg zu den Stränden von Le Mourillon machen.
Toulon ist eine raue Stadt, in der sich verschiedene Einflüsse vermischen. Sie ist einen Abstecher wert!