Vaison-la-Romaine, drei übereinanderliegende Städte am Fuße des Ventoux
Bis 1924 hieß der Ort schlicht Vaison. Dann begann l'abbé Sautel, ein Pfarrer mit einer Leidenschaft für Archäologie, zu graben. Was er unter den Gemüsegärten und Hausfundamenten freilegte, veränderte nicht nur den Namen der Stadt, sondern auch ihre gesamte Zukunft.
Fünfzehn Hektar an gallo-römischen Überresten kamen zum Vorschein und machten diese kleine Gemeinde im Vaucluse zur größten öffentlich zugänglichen archäologischen Stätte Frankreichs. Hier liegen die antike Stadt, das mittelalterliche Viertel und der provenzalische Ortskern nur wenige Meter voneinander entfernt, getrennt durch eine römische Brücke, die nach 2000 Jahren Dienst noch immer von Autos befahren wird.
Provence für alle, die verstehen wollen, statt nur zu schauen
Die Stadt ist genau das Richtige für Reisende, die sich für Geschichte interessieren, Weinliebhaber und Wanderer. Die Kombination aus antikem Erbe, den Weingärten der Côtes du Rhône und der schnellen Anbindung an den Mont Ventoux sowie die Dentelles de Montmirail macht Vaison zu einem idealen Ausgangspunkt für die Erkundung des nördlichen Vaucluse. Allein der Dienstagsmarkt, einer der renommiertesten der gesamten Provence, ist die Anreise wert.
Wer nach Meer, Party oder dem perfekten Instagram-Motiv im Luberon sucht, wird hier nicht fündig. Vaison ist ein Ziel für den zweiten Blick. Die Stadt trägt auch eine tiefe Narbe in ihrer Geschichte: Das katastrophale Hochwasser der Ouvèze vom 22. September 1992 forderte in der Gemeinde 37 Menschenleben. Die römische Brücke hielt stand, doch die tiefer gelegenen Viertel wurden verwüstet. Heute hat die Stadt ihre Wunden geheilt, und die Einheimischen ziehen es vor, dass ihre Gäste sich an ihr Erbe erinnern, statt an die Katastrophe. Und damit haben sie recht.
Praktisch und unkompliziert
Vaison lässt sich wunderbar zu Fuß erkunden. Parkplätze stehen in der Nähe der antiken Stätten kostenlos zur Verfügung. Die Stadt bietet genügend Restaurants, Hotels und Geschäfte für einen autarken Aufenthalt. Das mediterrane Klima kann die Besichtigungen im Hochsommer anstrengend machen, daher sind Kopfbedeckung und ausreichend Wasser ein Muss. Sicherheitsbedenken gibt es keine.
Ein moderates Budget für die Provence
Der Eintrittspass für alle archäologischen Stätten kostet 9 Euro pro Erwachsenem, 4 Euro für 10- bis 17-Jährige, Kinder unter 10 Jahren haben freien Eintritt. Plane für eine Nacht in einer Pension oder einem Charme-Hotel 80 bis 150 Euro ein. Ein Mittagessen kostet etwa 15 bis 25 Euro, ein gehobenes Abendessen 35 bis 55 Euro. Ein kompletter Tag vor Ort schlägt mit etwa 60-100 Euro pro Person zu Buche.
Die Zeit der Römer: Puymin, La Villasse und das antike Theater
Der archäologische Park ist in zwei Bereiche unterteilt, die links und rechts des Tourismusbüros liegen. Auf dem site de Puymin besichtigt man die maison à l'Apollon Lauré, eine 2000 m² große Domus, die einen sehr konkreten Eindruck vom römischen Alltag vermittelt: prunkvolle Säle mit Marmorböden, private Bäder und Küchen. Direkt daneben erstreckte sich die maison à la Tonnelle auf 3000 m². Die Bewohner lebten hier auf großem Fuß.
Das théâtre antique, direkt in den Hügel von Puymin gehauen, bot im 1. Jahrhundert Platz für 6000 Zuschauer. Es wird auch heute noch für Vorstellungen genutzt, und der Blick von den oberen Rängen reicht weit über die umliegenden Hügel. Das musée Théo Desplans befindet sich auf demselben Gelände und beherbergt die kaiserlichen Statuen aus weißem Marmor von Hadrian und seiner Frau Sabine, die 1912 in den Gruben des Theaters gefunden wurden.
Das quartier de La Villasse auf der anderen Seite der Hauptstraße zeigt die kommerzielle Seite der antiken Stadt. Man läuft über gepflasterte Straßen entlang alter Ladenfronten, vorbei an öffentlichen Thermen und Patrizierhäusern. Das Ensemble vermittelt ein Bild einer wohlhabenden Stadt der Gaule narbonnaise, der Hauptstadt des gallischen Volkes der Vocontier.
Tipp vom Einheimischen: Der Pass ist 24 Stunden gültig. Wenn du am späten Nachmittag ankommst, beginne am ersten Abend mit La Villasse und kehre am nächsten Morgen nach Puymin zurück. Die kostenlosen Führungen finden in der Saison dienstags und donnerstags um 14:30 Uhr statt und sind absolut empfehlenswert.
Die mittelalterliche Oberstadt: Calades und Panoramen
Um in den mittelalterlichen Stadtkern zu gelangen, überquert man die pont romain. Der einzelne Bogen, der sich 17 Meter über das Flussbett der Ouvèze spannt, steht seit 1840 unter Denkmalschutz. Er ist das wohl meistfotografierte Bauwerk der Stadt, und das zu Recht.
Auf der anderen Seite schlängelt sich der Weg zwischen den an die Felsen gebauten Steinhäusern bergauf. Die gepflasterten Gassen, im Provenzalischen calades genannt, führen zum tour du beffroi, zu alten befestigten Toren und kleinen, von Brunnen gekühlten Plätzen. Oben angekommen, bieten die Ruinen des château comtal, 1195 von Raymond VI., dem Grafen von Toulouse, erbaut, einen Panoramablick, der für den Aufstieg mehr als entschädigt. Man sieht die Unterstadt, die Reben und in der Ferne den Ventoux.
Zurück in der Unterstadt solltest du dir Zeit für die cathédrale Notre-Dame-de-Nazareth und ihren Kreuzgang aus dem 11. und 12. Jahrhundert nehmen. Sie ist eines der schönsten Beispiele provenzalischer Romanik, und der Garten des Kreuzgangs strahlt eine seltene Ruhe aus. Auch die etwas abseits gelegene chapelle Saint-Quenin ist wegen ihres dreieckigen Chors, einer architektonischen Kuriosität, die in der Provence einzigartig ist, einen Abstecher wert.
Weine, Märkte und Bergdörfer: die genussvolle Provence
Der grand marché du mardi matin existiert seit 1483, als Papst Sixtus IV. Vaison das Recht verlieh, einen Markt abzuhalten. Im Sommer kommen bis zu 450 Aussteller, die die gesamten Straßen des Zentrums einnehmen. Obst, Gemüse, Ziegenkäse, Oliven, miel de lavande, Wurstwaren, provenzalische Stoffe: Es ist ein echter Markt für den Alltag, keine Touristenfalle. Komm früh, gegen 8:00 Uhr, um die Stände der lokalen Produzenten vor dem großen Ansturm zu erleben. Samstagvormittags findet zudem ein Bio-Erzeugermarkt auf der contre-allée Burrus statt.
Seit 2016 besitzt die Stadt ihre eigene Appellation, die AOC Côtes du Rhône Villages Vaison-la-Romaine. Die Weinberge erstrecken sich über 188 Hektar auf fünf Gemeinden. Die Rotweine auf Basis von grenache, syrah und mourvèdre zeichnen sich durch würzige Noten und das Aroma der Garrigue aus. Zahlreiche Weingüter öffnen ihre Tore für Verkostungen, und die Caves des Collines, 3 km entfernt an der Straße nach Roaix, vereinen Weinkeller und Craft-Brauerei.
Tipp vom Einheimischen: Die Dörfer rund um Vaison beherbergen einige der besten Lagen der südlichen Rhône. Séguret, als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet, ist nur 10 Minuten entfernt. Gigondas und Rasteau, beide in 20 Minuten erreichbar, produzieren weltberühmte Weine. Kombiniere eine Wanderung in den Dentelles de Montmirail mit einem Besuch bei einem Weingut für den perfekten Tag.
Wo essen und trinken in Vaison-la-Romaine?
Die am häufigsten empfohlene Adresse der Stadt ist Le Moulin à Huile, direkt am Fuß der mittelalterlichen Oberstadt, mit einer Terrasse über der Ouvèze. Amandine und Jérôme verarbeiten hier frische Produkte aus der Region auf einem Niveau, das auch vom Gault-Millau-Guide anerkannt wird. Menüs zwischen 40 und 56 Euro, Reservierung empfohlen. Für eine unkomplizierte Pizza mit Blick auf die Calades ist die Pizzeria du Vieux Vaison in der Oberstadt eine gute Wahl.
Les Maisons Du'O oberhalb der mittelalterlichen Stadt bietet Marktküche in einem zeitgenössischen Ambiente mit Panoramablick. Es ist eines der beliebtesten Lokale, denke in der Saison unbedingt an eine Reservierung. Für ein entspanntes Glas Wein mit einer Platte Wurstwaren und flammekueche ist La Pause im Zentrum mit seiner Auswahl an Bio-Weinen und Craft-Bieren eine angenehme Entdeckung.
Wo übernachten in Vaison-la-Romaine und Umgebung?
Für eine Übernachtung an einem geschichtsträchtigen Ort bietet sich die Hostellerie Le Beffroi an, die zwei Stadtpalais aus dem 16. und 17. Jahrhundert im Herzen der mittelalterlichen Oberstadt belegt. Die 22 Zimmer sind individuell gestaltet, der Pool bietet einen Blick über das Tal und das Restaurant La Fontaine überzeugt mit provenzalischer Küche. Die Anfahrt mit dem Auto durch die engen Gassen ist sportlich, aber der Charme macht das wett.
In der Unterstadt ist das Hôtel Burrhus gut gelegen, modern und leichter erreichbar. Freunde von Gästezimmern (Chambres d'hôtes) werden in Vaison und den umliegenden Dörfern zahlreiche Adressen zwischen 80 und 130 Euro pro Nacht finden. Für eine totale Immersion in den Weinbergen schau dich in der Gegend von Séguret oder in den Hügeln zwischen Rasteau und Cairanne um, wo viele Weingüter Ferienwohnungen (Gîtes) anbieten.
Anreise und Mobilität in Vaison-la-Romaine
Vaison hat keinen eigenen Bahnhof. Von Avignon aus dauert die Fahrt mit dem Auto über die D977 etwa eine Stunde, alternativ gibt es den Regionalbus ZOU! ab dem Busbahnhof von Avignon. Von Orange aus sind es 30 Minuten Fahrt. Mit dem Auto von Paris kommend führt die A7 bis zu den Ausfahrten Bollène oder Orange, danach sind es noch 30 bis 45 Minuten über die Landstraße.
Aus dem Ausland sind die nächstgelegenen Flughäfen Marseille Provence (2 Stunden Fahrt) und Avignon (1 Stunde). Die Stadt selbst lässt sich problemlos zu Fuß erkunden. Ein Mietwagen ist jedoch notwendig, um die Umgebung, den Ventoux, die Dentelles und die Weindörfer zu entdecken.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die ideale Reisezeit liegt von April bis Juni sowie von September bis Oktober: angenehme Temperaturen, durchgehend geöffnete Sehenswürdigkeiten und ein moderates Besucheraufkommen. Im Juli bespielt das Festival Vaison Danses drei Wochen lang das antike Theater mit internationalen Ensembles. Alle drei Jahre verwandeln die Choralies die Stadt in ein riesiges Festival für Chorgesang. Vermeide den August, wenn du hitzeempfindlich bist und das Gedränge auf dem Markt meiden möchtest.
Ein Muss, wenn ihr im Vaucluse oder in der Ardèche unterwegs seid! Eine Stadt, die ihrem Namen alle Ehre macht, mit wunderschönen Überresten und einer ziemlich unglaublichen Mischung aus verschiedenen Epochen. Das Wasser in der Stadt sorgt für eine tolle Atmosphäre. Man spürt hier richtig die provenzalische Lebensart. Die Highlights? Die historischen Stätten wie zum Beispiel die römische Brücke.