Der Riese der Provence: Aufstieg zum Mont Ventoux
Auf 1.910 Metern Höhe peitscht dir der Wind so stark um die Ohren, dass du deine Kopfbedeckung gut festhalten musst. Die mondartige Landschaft aus weißem Kalkstein erstreckt sich bis zum Horizont, während sich in der Ferne die Silhouette der Alpen abzeichnet. An klaren Tagen glitzert tief unter dir das Mittelmeer. Dieser kahle Gipfel, der die Ebene des Comtat Venaissin überragt, fasziniert Menschen seit vielen Jahrhunderten.
Warum den Mont Ventoux besteigen?
Der Riese der Provence ist seit 1990 von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Diese Auszeichnung würdigt ein seltenes Naturphänomen: An seinen Hängen trifft mediterrane Flora direkt auf alpine Arten. Lavendel und Steineichen wachsen am Fuß des Massivs, weiter oben folgen Buchen und Tannen, bis schließlich eine Geröllwüste beginnt, in der Pflanzen gedeihen, die man sonst nur in den Alpen vermuten würde. Dieser biologische Kontrast erklärt sich durch den abrupten Höhenunterschied des Berges, der isoliert inmitten der provenzalischen Hügellandschaft steht.
Der Dichter Petrarca bestieg den Gipfel bereits im Jahr 1336. Seine Wanderung gilt als die erste in der Geschichte, die rein zum Vergnügen unternommen wurde. Seither zieht der Berg unaufhörlich Wanderer, Radfahrer und Neugierige an. Die Tour de France hat ihn bereits 18 Mal in ihre Route aufgenommen und damit seinen Ruf als legendäre Sportstätte gefestigt.
Drei Hänge, drei Charaktere
Über Bédoin: die Herausforderung
Dies ist die mythische Route der Tour de France. Die Straße steigt auf 21 Kilometern um 1.600 Höhenmeter an. Radfahrer fürchten die Abschnitte mit bis zu 11,5 Prozent Steigung. Zu Fuß dauert der Aufstieg vom Weiler Sainte-Colombe aus etwa 4,5 bis 5 Stunden bis zum Gipfel.
Über Malaucène: der Wald
Die Nordseite führt durch riesige Kiefern und Zedernwälder. Der Duft von Harz begleitet den gesamten Anstieg. Die Station Mont Serein ist ein idealer Ausgangspunkt für Wanderer, die lange Zustiege vermeiden möchten. Von dort aus erreichst du den Gipfel über den GR4 in weniger als 2 Stunden.
Über Sault: die sanfte Route
Der zugänglichste Weg erstreckt sich über 25 Kilometer, weist jedoch eine moderate Steigung auf. Das Plateau von Sault ist bekannt für seine Lavendelfelder und bietet eine Postkartenkulisse, bevor der eigentliche Aufstieg beginnt.
Tipp vom Experten: Der Gipfel kann je nach Wetterlage von Mitte November bis Mitte April gesperrt sein. Im Sommer solltest du früh morgens starten, um der drückenden Hitze und den überfüllten Parkplätzen zu entgehen. Der Mistral kann am Gipfel Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h erreichen, prüfe daher vor dem Aufbruch immer den Wetterbericht auf meteo-ventoux.fr.
Am Gipfel: ein Panorama über drei Regionen
Die Orientierungstafel hilft dabei, die markanten Punkte in der Landschaft zu identifizieren. Bei klarer Sicht reicht der Blick vom Mont Blanc bis zu den Pyrenäen, von den Cévennes bis zum Mittelmeer. Das meteorologische Observatorium und der Sendemast markieren den höchsten Punkt. Eine Stele erinnert an den britischen Radrennfahrer Tom Simpson, der während der Tour de France 1967 an den Hängen des Berges verstarb.
Was du von der Gipfelterrasse aus entdecken kannst:
- Die Dentelles de Montmirail, ein fein gezacktes Kalksteinmassiv im Südwesten
- Die Alpilles und das Luberon am Horizont
- Das Rhônetal und die Kette der Alpen bei klarem Wetter
- Die Gorges de la Nesque, eine spektakuläre Schlucht am Fuß des Massivs
Fauna und Flora: ein Kondensat der Klimazonen
Gämsen haben sich an der Nordflanke angesiedelt. Sie teilen sich den Lebensraum mit Wanderern und zeigen kaum Scheu. In den Geröllfeldern am Gipfel haben rund 60 seltene Pflanzenarten Zuflucht gefunden, darunter die blaue Akelei oder die weiße Distel. Botaniker aus aller Welt kommen hierher, um dieses Mosaik aus Biotopen zu beobachten, in dem alpine Flora nur wenige Kilometer von mediterranen Olivenbäumen entfernt überlebt.
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Das Panorama am Gipfel des Mont Ventoux ist wirklich außergewöhnlich. Um dorthin zu gelangen, erwartet euch eine Wanderung, die mit ein bisschen Anstrengung gut machbar ist. Im Sommer solltet ihr früh morgens losgehen und wegen der Hitze genug Wasser einplanen. Es ist zwar auch möglich, mit dem Auto hochzufahren, aber das ist weniger schön.