L'Isle-sur-la-Sorgue, da wo sich die Räder noch drehen
Es ist 7:00 Uhr an einem Sommersonntag. Die weißen Lieferwagen der Antiquitätenhändler verstopfen bereits die Uferstraßen. Auf der Avenue des Quatre Otages klappt ein Antiquar einen Tisch aus der Zeit des Zweiten Kaiserreichs auf, während der Duft von frischem Kaffee aus den langsam erwachenden Straßencafés aufsteigt. In wenigen Stunden werden 300 Stände diese kleine Stadt im Vaucluse in den zweitgrößten Antiquitätenmarkt Frankreichs nach Paris verwandeln. Momentan jedoch wird die Stille nur vom Plätschern der Kanäle und dem Quietschen der alten, moosbewachsenen Wasserräder durchbrochen.
Ein Paradies für Trödler und mehr
Für Liebhaber von Antiquitäten und Kunst ist der Ort ein Volltreffer. Mit über 350 fest ansässigen Antiquitätenhändlern, sieben an den Wochenenden geöffneten Antiquitätendörfern und zwei internationalen Messen pro Jahr hat sich die Stadt ihren Ruf als Zentrum für Sammlerstücke erarbeitet. Wer große Menschenmengen meidet, wird sonntags allerdings weniger Freude haben. Einen Parkplatz zu finden, gleicht dann einem Kampf, und die Preise in den Cafés ziehen entsprechend an.
Ein Auto ist für Ausflüge in die Umgebung fast unumgänglich, auch wenn sich das Zentrum bequem zu Fuß erkunden lässt. Fontaine-de-Vaucluse, Gordes, Roussillon und die Orte im Luberon liegen weniger als 30 Minuten entfernt. Wer es geruhsam mag, dem reicht ein Tag für die Stadt. Wer die Region erkunden möchte, sollte drei bis vier Tage einplanen.
Budget in der Provence: weder günstig noch ruinös
Rechne mit 80 bis 150 € pro Nacht für eine solide Unterkunft im Stadtzentrum, für charmante Adressen entsprechend mehr. Ein Restaurantbesuch schlägt mit 20 bis 45 € pro Person zu Buche. Bei den Antiquitäten gibt es hingegen keine Grenze: Vom Flohmarktfund bis zum Sammlerstück hängt das Budget allein von deinem persönlichen Geschmack ab.
Kanäle und Wasserräder: das historische Herz
Die Sorgue teilt sich in mehrere Arme, die den Stadtkern umschließen. Im 19. Jahrhundert trieben 62 Wasserräder Papiermühlen, Seidenspinnereien und Gerbereien an. Heute sind zwar nur noch fünf in Betrieb, doch sie verleihen der Stadt ihren unverwechselbaren Charakter. Der vom Tourismusbüro ausgeschilderte Rundweg der Wasserräder führt in 45 Minuten zu fünfzehn dieser historischen Anlagen.
Die Straßennamen wie rue de la Loutre (Ottergasse), rue de l'Anguille (Aalgasse) oder rue de la Truite (Forellengasse) zeugen davon, dass der Ort einst ein Fischerdorf war. Im 16. Jahrhundert schützte eine Zunft die Interessen der Fischer. Ihre flachen Boote, die Nègo-Chin, wurden für die geringe Wassertiefe genutzt. Der Name bedeutet auf Provenzalisch so viel wie ertrinkender Hund.
Geheimtipp: Am ersten Sonntag im August belebt ein schwimmender Markt die Kanäle. Die Händler verkaufen ihre Waren traditionell kostümiert direkt aus den Nègo-Chin heraus. Eine einzigartige Tradition, für die man seinen Aufenthalt bei Gelegenheit anpassen sollte.
Antiquitätendörfer: Wo man wirklich fündig wird
Der Sonntagsmarkt zieht Massen an, doch Kenner bevorzugen die festen Antiquitätendörfer. Das Village des Antiquaires de la Gare, untergebracht in einer ehemaligen Spinnerei aus dem 19. Jahrhundert, vereint rund hundert Galerien auf mehreren Etagen. Hier findet man Stilmöbel, barocke Kronleuchter, Stühle aus den 50er Jahren, Glasballons und Kuriositäten aus ganz Europa.
Das Isle aux Brocantes richtet sich an kleinere Budgets mit Vintage-Möbeln, Dekorationsartikeln und Gartenaccessoires. Die Cour aux Antiquaires spricht mit seltenen Stücken und asiatischer Kunst eher Sammler an. Insgesamt gibt es sechs solcher Dorfsiedlungen, jede mit ihrem eigenen Schwerpunkt.
Geheimtipp: Die großen internationalen Messen an Ostern und um den 15. August ziehen 500 Aussteller und tausende Besucher an. Buche deine Unterkunft Monate im Voraus und sei früh am Morgen vor Ort, um dem größten Andrang zu entgehen.
Kunst und Kultur: weit mehr als nur Trödel
Die Collégiale Notre-Dame-des-Anges überrascht mit ihrem prunkvollen barocken Innenraum. Hinter der schlichten Fassade verbergen sich Fresken, vergoldete Säulen und Altaraufsätze, die italienischen Kirchen in nichts nachstehen. Der Tour d'Argent, ein mittelalterlicher Überrest aus dem 12. Jahrhundert, erinnert an die strategische Bedeutung der Stadt im Mittelalter.
Die Fondation Villa Datris stellt zeitgenössische Skulpturen in einem Herrenhaus im Zentrum aus. Der Eintritt ist frei. Das Campredon Centre d'Art, das im ehemaligen Wohnhaus des Dichters René Char untergebracht ist, zeigt Ausstellungen rund um Fotografie und digitale Kunst. Das Musée La Filaventure Brun de Vian-Tiran erzählt die Geschichte der lokalen Wollmanufaktur, die seit 1808 aktiv ist.
Die Sorgue mit dem Kanu befahren
Die Mühlen sind Geschichte, doch heute zieht der Fluss Kanufahrer an. Verschiedene Anbieter organisieren die 8 km lange Strecke zwischen Fontaine-de-Vaucluse und der Stadt. Die Tour dauert etwa zwei Stunden auf dem smaragdgrünen, 14 Grad kalten Wasser, gesäumt von Weiden und Pappeln. Reiher, Enten und gelegentlich Biber begleiten die Fahrt.
Die Tour kostet zwischen 26 und 29 € für Erwachsene und 13 bis 15 € für Kinder. Kayak Vert organisiert den Rücktransfer. Die Saison dauert von Mitte Mai bis Ende September, doch die Befahrbarkeit hängt vom Wasserstand ab. Bei Trockenheit kann die Tour kurzfristig ausfallen.
Wo essen und trinken in L'Isle-sur-la-Sorgue?
Der Sonntagsmarkt ist voll mit regionalen Produkten: Cavaillon-Melonen, Erdbeeren aus Carpentras, Ziegenkäse, Oliven, Tapenaden und in der Saison schwarze Trüffel aus dem Vaucluse. Die Stände mit Pissaladière und Socca locken Feinschmecker bereits ab 10:00 Uhr.
Für ein entspanntes Essen bietet Le Petit Henri klassische provenzalische Küche. L'Idisle im Domaine de la Petite Isle serviert regionale Gerichte unter alten Bäumen. Die Terrassen am Kanal bieten zwar einen tollen Blick, sind aber entsprechend teurer. 17 Place aux Vins und Monsieur Tu sind gute Adressen für einen Aperitif.
Wo übernachten in L'Isle-sur-la-Sorgue und Umgebung?
Das Stadtzentrum bietet die meisten charmanten Unterkünfte. Das Grand Hôtel Henri befindet sich in einem ehemaligen bürgerlichen Wohnhaus mit Terrasse zur Sorgue, die Preise liegen jedoch über 400 € pro Nacht. Das Mas de Cure Bourse bietet einen rustikaleren und erschwinglicheren Rahmen am Stadtrand. In den umliegenden Mas, den typischen provenzalischen Bauernhäusern, findet man zudem zahlreiche Gästezimmer.
Für ein kleineres Budget bieten die Campingplätze in den umliegenden Hügeln schattige Stellplätze unter Pinien und Olivenbäumen. Der Stadt fehlt es an günstigen Hotels im Zentrum. Wer sparen möchte, sollte eher in Cavaillon oder Le Thor unterkommen.
Anreise und Fortbewegung in L'Isle-sur-la-Sorgue
Der Bahnhof der Stadt ist in 25 Minuten von Avignon aus erreichbar. Die Bahnfahrt kostet nur wenige Euro und erspart sonntags die Parkplatzsuche. Von Paris aus nimmst du den TGV bis Avignon und steigst dort in den TER um. Im Sommer bietet Eurostar direkte Verbindungen von London nach Avignon an.
Mit dem Auto dauert die Fahrt von Marseille über die A7 und N7 etwa 2:30 Stunden, von Aix-en-Provence aus etwa 1 Stunde. Parken wird an Markttagen zum Geduldspiel. Sei vor 8:00 Uhr da oder parke etwas außerhalb. Das Zentrum lässt sich problemlos zu Fuß erkunden. Mit dem Fahrrad gelangst du über den Radweg bequem bis nach Fontaine-de-Vaucluse.
Wann ist die beste Reisezeit?
Das Frühjahr bietet den besten Kompromiss aus mildem Wetter und moderatem Besucheraufkommen. Im Sommer klettert das Thermometer oft über 35 Grad, und die Stadt ist überlaufen. Der Herbst bleibt bis November angenehm und bietet herrliche Farben in den Weinbergen und Wäldern des Luberon. Der Winter ist ruhig und lichtdurchflutet, ideal zum entspannten Stöbern, allerdings schließen manche Restaurants in dieser Zeit.
L'Isle-sur-la-Sorgue ist ein sehr reizvolles Dorf, besonders in der Nebensaison. Im Sommer ist extrem viel los, was den Spaß ein bisschen verdirbt. Wenn es möglich ist, kommen Sie außerhalb der Schulferien, um es in vollen Zügen zu genießen. Es gibt zahlreiche Antiquitätenhändler und Trödler, die Atmosphäre ist dort authentischer.