Montpellier, die mediterrane Rebellin, die ihren eigenen Weg geht
Es ist 8:00 Uhr morgens auf der Place de la Comédie. Die Straßencafés sind noch verwaist, die Sonne streift die ockerfarbenen Fassaden und nur vereinzelt joggen Sportler über den Platz, den die Einheimischen wegen seiner ovalen Form einfach nur "l'Oeuf" (das Ei) nennen. In zwei Stunden wird sich die Fläche mit einer bunten Mischung aus Studenten, Touristen und eiligen Einheimischen füllen. Doch im Moment gehört die Stadt den Frühaufstehern. Diese Dualität beschreibt Montpellier treffend: eine tausendjährige Stadt, die sich weigert, in ihrer Vergangenheit zu verharren, und eine südfranzösische Metropole, die Kühnheit der sommerlichen Trägheit vorzieht.
Montpellier ist das Richtige für dich, wenn du vielseitige Städte magst
Montpellier zieht all jene an, die nach einer Alternative zur überlaufenen Côte d'Azur suchen. Hier gibt es weder Bling-Bling noch protzige Yachten. Die Stadt lockt Liebhaber moderner Architektur, Geschichtsinteressierte und alle, die das Meer genießen wollen, ohne die Preise von Nizza oder Cannes zu zahlen. Da Studenten fast ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, ist die Energie bei abendlichen Ausflügen spürbar, was sich in einer beeindruckenden Dichte an Tapas-Bars widerspiegelt.
Wer jedoch absolute Ruhe oder einen Postkartenstrand direkt vor der Haustür sucht, ist hier falsch. Die nächsten Strände findest du in Palavas oder Carnon, etwa 20 Minuten mit dem Auto oder der Straßenbahn entfernt. Zudem solltest du dich im Sommer auf eine bisweilen erdrückende Hitze einstellen: 35°C im Schatten sind im August keine Seltenheit.
Ein moderates Budget für den Süden
Plane für ein Paar etwa 80 bis 150 Euro pro Tag inklusive Unterkunft ein. Ein ordentliches Hotelzimmer im Zentrum kostet rund 70-100 Euro pro Nacht, eine Restaurantmahlzeit liegt bei 15 bis 25 Euro pro Person. Ein Ticket für die Straßenbahn kostet 1,60 Euro, und städtische Museen sind am ersten Sonntag im Monat kostenlos zugänglich.
L'Écusson: Das mittelalterliche Herz, in dem man sich gerne verliert
Das historische Zentrum von Montpellier trägt diesen Namen wegen seiner Form, die an ein Wappen erinnert. Die verwinkelten, verkehrsberuhigten Gassen verbergen prächtige hôtels particuliers (Stadtpalais), deren Innenhöfe sich gegenseitig an Schönheit übertreffen. Die meisten sind für die Öffentlichkeit geschlossen, öffnen aber gelegentlich zu den Journées du Patrimoine im September ihre Pforten. Den Rest des Jahres gilt: Einfach mal die leicht geöffneten Türen leicht aufdrücken, meist nimmt dir das niemand übel.
Die rue de l'Ancien Courrier ist gesäumt von Designerboutiquen und Feinkostläden. Weiter nördlich konzentriert sich im quartier Saint-Roch die beste Auswahl an Weinbars. Abends ist die Stimmung dort elektrisierend, ohne jedoch in Exzesse abzugleiten.
Tipp vom Einheimischen: Steig auf die Aussichtsterrasse des parking du Corum. Der Zugang ist kostenlos und der Blick über die Dächer des l'Écusson bis hin zu den Cevennen in der Ferne steht den kostenpflichtigen Touristenattraktionen in nichts nach.
Antigone und Port Marianne: Das andere Montpellier
Östlich des l'Écusson überrascht das quartier Antigone Besucher, die damit nicht gerechnet haben. Das in den 1980er Jahren vom katalanischen Architekten Ricardo Bofill entworfene neoklassizistische Ensemble aus Fertigbeton spaltet die Geister. Manche finden es grandios, andere kühl und prätentiös. Eines ist sicher: Etwas Vergleichbares wirst du in Frankreich nicht so schnell finden.
Setze den Spaziergang bis zum bassin Jacques Cœur und zum Hôtel de Région fort, dessen blaue Silhouette sich im Wasser spiegelt. Am Sonntagmorgen bevölkern Familien das Ufer des Lez für ein Picknick. Die Atmosphäre ist entspannt, fast dörflich.
Der Jardin des Plantes und die medizinische Fakultät
Der 1593 angelegte Jardin des Plantes von Montpellier ist der älteste botanische Garten Frankreichs. Rabelais studierte hier im 16. Jahrhundert Medizin. Der Ort bewahrt eine gelehrte, geheimnisvolle Atmosphäre, weit weg vom Trubel des Zentrums. Die schattigen Wege bieten an heißen Tagen eine willkommene Zuflucht.
Direkt daneben befindet sich die faculté de médecine in einem ehemaligen Benediktinerkloster. Das dazugehörige musée Atger beherbergt eine Sammlung alter Zeichnungen, die dem breiten Publikum kaum bekannt ist. Der Eintritt ist frei. Nur wenige Touristen verirren sich hierher, was den Reiz der Entdeckung noch erhöht.
Die Märkte: Der wahre Puls der Stadt
Der marché des Arceaux, der dienstags und samstags unter den Bögen des Aqueduc Saint-Clément stattfindet, ist der bevorzugte Treffpunkt der Montpelliérains. Hier gibt es gereiften pélardons aus den Cevennen, Lucques-Oliven und Weine aus dem Pic Saint-Loup, die direkt von den Winzern verkauft werden. Sei vor 10:00 Uhr da, um dem größten Andrang zu entgehen.
Der kleinere und weniger bekannte marché du Plan Cabanes findet am Sonntagmorgen im Viertel Figuerolles statt. Die Stimmung ist hier volksnäher, die Preise günstiger. Stammgäste kommen zum Brunchen bei einem Glas Weißwein und einer Platte mit Wurstspezialitäten vorbei.
Tipp vom Einheimischen: Probiere die tielle sétoise, eine Tintenfischpastete, die ursprünglich aus Sète stammt, aber auf allen Märkten der Region zu finden ist. Kalt oder lauwarm ist sie der perfekte Snack für unterwegs.
Wo kann man in Montpellier essen und trinken?
Die Küche von Montpellier ist eine Mischung aus Einflüssen des Languedoc, der Provence und Kataloniens. Die petits pâtés de Pézenas, eine süß-saure Spezialität, sind anfangs gewöhnungsbedürftig, machen aber schnell süchtig. Die brandade de morue (Stockfischcreme) genießt man am besten in den traditionellen Bistros des l'Écusson. Was Weine betrifft, produzieren die Appellationen Pic Saint-Loup und Terrasses du Larzac kraftvolle Rote, die es mittlerweile mit den großen Crus der Rhône aufnehmen können.
Für ein Glas Wein empfiehlt sich das quartier Saint-Roch mit seinen Naturweinbars oder die Terrassen der place Jean-Jaurès für eine festlichere Atmosphäre. Das Café Joseph ist eine lokale Institution und serviert exzellenten, vor Ort gerösteten Kaffee.
Wo übernachten in Montpellier und Umgebung?
Wähle das Écusson, um mitten im Geschehen zu sein und alles zu Fuß erreichen zu können. Das nördlich gelegene quartier Boutonnet bietet einen idealen Kompromiss zwischen ruhiger Wohngegend und Zentrumsnähe. Für einen Strandurlaub bieten die Orte Palavas-les-Flots oder La Grande-Motte Unterkünfte direkt am Meer, von wo aus man Montpellier in 30 Minuten mit der Straßenbahn erreicht.
Wie kommt man hin und wie bewegt man sich fort?
Der aéroport Montpellier-Méditerranée wird von zahlreichen europäischen Städten mit Billigflügen bedient. Der Shuttle ins Zentrum kostet 2,60 Euro. Mit dem TGV ist Paris in 3h 20, Barcelona in 2h 50 und Lyon in 1h 45 erreichbar. Vor Ort decken vier Straßenbahnlinien den Großteil des Stadtgebiets ab. Ein Auto ist eigentlich nur nützlich, um das Hinterland zu erkunden: die Cévennes, den cirque de Navacelles oder die Weingüter des Pic Saint-Loup.
Wann ist die beste Reisezeit?
Frühling und Herbst bieten die besten Bedingungen: milde Temperaturen, goldenes Licht und moderates Besucheraufkommen. Der Sommer lockt die Massen an die Strände und verwandelt das Zentrum in einen Backofen. Meide die Woche um den 15. August, wenn du Hitze und Staus in Richtung Küste vermeiden möchtest. Der Winter ist mit durchschnittlich 10°C im Januar und viel Sonnenschein ebenfalls angenehm.
Montpellier, das ist mein Alltag: zwischen Aperitifs auf der Place du Marché aux Fleurs, Spaziergängen unter den Platanen am Peyrou und der Energie der Unis. Man lebt hier draußen, egal ob Sommer oder Winter, und der singende Akzent erinnert einen daran, dass man wirklich im Süden ist. Eine Stadt mit menschlicher Größe, in der man alles mit dem Fahrrad erledigen kann. Hier wird es nie langweilig.