Saint-Valery-sur-Somme: Wo Wilhelm der Eroberer Geschichte schrieb
Der Geruch von Jod mischt sich mit dem Duft der Stockrosen, die aus den gepflasterten Gassen hervorquellen. Am Kai holt ein Fischer seine Netze ein, während sich in der Ferne auf den Sandbänken der Bucht runde Silhouetten in der Sonne aalen: Die Seehunde sind da. Von hier aus stach 1066 eine Flotte von fast 700 Schiffen in Richtung England in See, um ein Königreich zu erobern. Guillaume de Normandie wartete auf den richtigen Wind. Er hat ihn gefunden.
Ein Ort, um die Zeit anzuhalten
Die mittelalterliche Stadt mit ihren 2400 Einwohnern zählt zu den Plus Beaux Détours de France und belegte 2017 den zweiten Platz beim Wettbewerb um das beliebteste Dorf der Franzosen. Sie zieht Geschichtsinteressierte und Fotografen an, die auf der Suche nach dem wechselhaften Licht der Küste sind. Die baie de Somme ist europaweit einer der besten Orte, um Zugvögel und wilde Seehunde zu beobachten.
Wer allerdings ein ausgeprägtes Nachtleben oder endlose Sandstrände sucht, wird hier nicht fündig. Das Meer zieht sich bei Ebbe oft kilometerweit zurück und die Abende verlaufen eher ruhig. Ein Auto ist für die Erkundung der Umgebung fast unverzichtbar.
Ein angemessenes Budget für Nordfrankreich
Plane für eine Nacht in einer Pension oder einem charmanten Hotel 70 bis 150 Euro ein, ein Restaurantbesuch kostet etwa 15 bis 25 Euro. Geführte Wanderungen durch die Bucht liegen bei etwa 10 bis 15 Euro pro Erwachsenem, die Fahrt mit der Dampfeisenbahn kostet einfach rund 15 Euro.
Die mittelalterliche Oberstadt: Hoch hinaus für den besten Blick
Die Oberstadt thront auf einem Kalksteinfelsen über der Bucht. Die tours Guillaume markieren den Haupteingang der befestigten Stadt. Genau hier wartete Wilhelm der Eroberer, bevor er aufbrach, um England zu erobern. Auch Jeanne d'Arc wurde 1430 als Gefangene durch diese Mauern geführt, bevor man sie nach Rouen brachte.
Vom Aussichtspunkt aus schweift der Blick über die Weite der Bucht. Die Sandbänke verändern je nach Tageszeit ihre Farbe, während die Lämmer der Salzwiesen auf den mollières grasen, jenen Wiesen, die bei Flut überschwemmt werden. Die église Saint-Martin überrascht mit ihrer Fassade aus schwarzen und weißen Feuersteinen, die seit fünf Jahrhunderten unverändert geblieben ist.
Tipp vom Experten: Besuche das Herbarium des Remparts, einen geheimen botanischen Garten direkt an der alten Stadtmauer. Er wird von ehrenamtlichen Helfern gepflegt und kultiviert Heil-, Färber- und sogar Giftpflanzen in einem wunderbar wilden Durcheinander. Der Eintritt kostet etwa 5 Euro.
Le Courtgain: Die Seele der Fischer
Dieses Viertel mit seinen bunten Fassaden war einst das Zuhause der Fischer. Die kleinen Häuser aus rotem Backstein und blauem Schiefer schmiegen sich an den Hang der ehemaligen Klippen. Die Gassen führen hinauf zum Calvaire des Marins, von wo aus man einen beeindruckenden Blick über die gesamte Bucht hat. Sonntagmorgens lockt der Markt am Kai Einheimische und Besucher gleichermaßen mit Meeresfrüchten und lokalem Gemüse aus der Picardie.
Die Somme-Bucht: Zu Fuß, mit dem Zug oder im Kajak
Eine Wanderung durch die Bucht bleibt das eindrücklichste Erlebnis. In Begleitung eines verpflichtenden Naturführers läuft man drei Stunden durch den Schlick und über die Salzwiesen, manchmal mit Wasser bis zu den Waden. Die Touren starten am Kai und lassen sich oft mit der petit train à vapeur kombinieren, die Saint-Valery mit Le Crotoy verbindet.
Dieser hundert Jahre alte Zug fährt auf einem Bahndamm quer durch die Bucht und bietet Ausblicke, die man sonst nirgendwo bekommt. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Fahrräder können im Zug mitgenommen werden, um auf dem Radweg zurückzufahren.
Tipp vom Experten: Um Seehunde aus der Nähe zu beobachten, solltest du eine Tour mit dem Schlauchboot oder im Seekajak wählen anstatt zu laufen. Die Guides kennen die Ruheplätze, an denen sich die Tiere bei Ebbe sonnen. Rechne mit etwa 30 Euro pro Person für anderthalb Stunden.
Die Umgebung: Cap Hornu und Pointe du Hourdel
Die Chapelle des Marins, die auf dem Hügel der ehemaligen Abtei liegt, bietet einen weiten Blick auf das cap Hornu. Von dort aus erreicht man zu Fuß oder mit dem Fahrrad die pointe du Hourdel, eine Fischersiedlung, bei der man die Seehunde vom Kieselstrand aus beobachten kann. Die Kolonie umfasst etwa 800 Tiere und ist damit die größte Frankreichs.
Der parc du Marquenterre liegt zwanzig Autominuten entfernt und bietet Beobachtungsposten, um Kraniche, Löffler und Störche zu fotografieren. Das musée Picarvie rekonstruiert ein Dorf aus der Picardie des frühen 20. Jahrhunderts mit rund vierzig alten Handwerksberufen.
Wo essen und trinken in Saint-Valery-sur-Somme?
Die lokale Spezialität ist das agneau de prés-salés, das auf den Salzwiesen aufwächst und dort Queller frisst. Das Fleisch hat einen leicht jodhaltigen Geschmack. Die ficelle picarde, ein mit Schinken und Pilzen gefüllter sowie mit Sahne überbackener Crêpe, findet sich auf fast jeder Speisekarte.
Das restaurant Baie in der rue de la Ferté bietet eine Küche mit lokalen Produkten und verfügt über nur 14 Plätze. Eine Reservierung ist zwingend erforderlich. Das Schorre befindet sich im ehemaligen, denkmalgeschützten Salzspeicher und verarbeitet Gemüse aus der Region mit Raffinesse. Für eine entspannte Atmosphäre ist das Rivat ideal: Es fungiert als Weinbar mit Platten, Austern und an manchen Abenden Live-Musik.
Wo übernachten in Saint-Valery-sur-Somme und Umgebung?
Im Stadtzentrum gibt es mehrere Pensionen und kleine charmante Hotels. Das hôtel Les Pilotes liegt direkt gegenüber der Bucht und bietet ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Das Relais Guillaume de Normandy in einem Herrenhaus aus der Belle Époque verfügt über eine Terrasse mit Blick auf das Ästuar. Campingplätze und Ferienhäuser in den umliegenden Dörfern sind eine gute Option, um die Kosten zu senken.
Wie kommt man nach Saint-Valery-sur-Somme und wie bewegt man sich vor Ort?
Mit dem Auto dauert die Fahrt von Paris etwas mehr als zwei Stunden über die Autobahn A16, Ausfahrt 23 "Baie de Somme". Der nächste Bahnhof liegt in Noyelles-sur-Mer an der Strecke Paris-Nord / Boulogne. Das Parken im Stadtzentrum ist kostenpflichtig. Über die véloroute de la Vallée de la Somme lässt sich der Ort bequem mit dem Fahrrad von Abbeville oder Amiens aus erreichen.
Aus Belgien oder dem Vereinigten Königreich erfolgt die Anreise über Calais oder den Eurotunnel und anschließend über die A16.
Wann ist die beste Reisezeit?
Von April bis Juni blühen die Gassen und die Zugvögel kehren zurück. September und Oktober bieten ein außergewöhnliches Licht in der Bucht, was Fotografen besonders schätzen. Der Sommer ist belebt, aber nie überlaufen. Im Winter schließen viele Geschäfte, doch die Bucht zeigt sich dann von ihrer rauen und wilden Seite.
Saint-Valery-sur-Somme ist ein absolutes Muss bei einem Besuch in der Baie de Somme. Die Stadt ist sehr hübsch und angenehm, man fühlt sich dort richtig wohl. Man kann wunderbar durch das Zentrum spazieren und die verschiedenen Viertel entdecken. In der Oberstadt sind noch Teile der alten Stadtmauer erhalten. In der schönen Jahreszeit ist in der Stadt richtig viel los.