Aven d'Orgnac, eine unterirdische Kathedrale mit 100 Millionen Jahren Geschichte
Es herrschen 12 Grad Celsius. Draußen auf dem Plateau der Ardeche brennt die Sonne bei 35 Grad auf die Steineichen, doch hier, 121 Meter unter der Erde, ist die Luft kühl und fast feucht. Plötzlich wird es still. Die ersten Lichter lassen Decken erkennen, die so hoch sind, dass man ihr Ende kaum ausmachen kann. Am 19. August 1935 erlebte der Speläologe Robert de Joly genau diesen Schwindel, als er mit lediglich einer Fackel bewaffnet den 50 Meter tiefen natürlichen Schacht hinabstieg.
Warum lohnt sich der Besuch der Aven d'Orgnac?
Die als Grand Site de France (eine Auszeichnung für bedeutende französische Natur- und Kulturstätten) vom Ministerium für ökologischen Wandel prämierte Aven d'Orgnac ist weit mehr als eine gewöhnliche Höhle. Sie zeichnet sich durch gigantische Dimensionen und eine enorme Dichte an Tropfsteinen aus, die sich über hunderttausende Jahre hinweg gebildet haben. Das unterirdische Netz erstreckt sich über fast 5 km, von denen ein Teil seit 1939 für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
An der Oberfläche ergänzt die Cité de la Préhistoire, ein als Muséum de France (staatlich anerkanntes Museum) klassifiziertes Haus, das Erlebnis mit einer Reise durch 350.000 Jahre menschlicher Besiedlung in der südlichen Ardeche.
Das Gelände vereint somit zwei Erlebnisse in einem Ticket: einen geologischen Tauchgang unter die Erde und eine archäologische Entdeckungsreise unter freiem Himmel. Nur wenige Orte in Frankreich bieten einen derart tiefen Einblick in die Erdgeschichte, und das nur 30 Minuten von Vallon-Pont-d'Arc und der Grotte Chauvet 2 entfernt.
Drei Säle, drei Stimmungen
Die Salle De Joly: Ein Spiel mit den Dimensionen
Der erste Saal trägt den Namen seines Entdeckers. Er erstreckt sich über 250 Meter Länge und 125 Meter Breite unter Decken, die bis zu 30 Meter hoch ragen. Auf den 7.000 m² Fläche konkurrieren die Tropfsteine in ihrer Formenvielfalt. Die Pomme de Pin (Pinienzapfen), ein markanter Stalagmit, ragt über 11 Meter in die Höhe.
Direkt daneben neigt sich der Tour de Pise (Schiefer Turm von Pisa), der nach der Uran-Thorium-Methode auf ein Alter von 350.000 Jahren datiert wurde. Riesige Palmenformationen, entstanden durch auf den Fels prasselnde Wassertropfen, entfalten ihre Calcit-Blütenblätter. Die Urne mit dem Herzen von Robert de Joly ruht hier, seinem letzten Willen entsprechend.
Die Salle du Chaos: Geduldige Arbeit des Wassers
Tiefer im Inneren erzählen die herabgestürzten Felsblöcke an der Decke die geologische Geschichte des Ortes. Manche Stalagmiten, die auf diesen Blöcken gewachsen sind, sind erst 15.000 Jahre alt, was im menschlichen Zeitmaßstab dennoch beachtlich ist. Durchscheinende Vorhänge hängen an den Wänden, manche nur wenige Millimeter dünn. Ihre Farben reichen von reinem Weiß bis zu Ockerbraun, je nach mineralischer Zusammensetzung des Wassers, das sie geformt hat.
Die Salle rouge: Ein Finale im Licht
Der Rundgang endet in der ursprünglichen Galerie, die vor etwa 6 Millionen Jahren von einem unterirdischen Fluss gegraben wurde. Massive Pfeiler rahmen den Raum. Eine Licht- und Toninszenierung setzt die Dimensionen und Farben des Gesteins in Szene. Dies ist der kontemplativste Moment des Besuchs, bevor es mit dem Aufzug wieder nach oben geht.
Tipp vom Experten: Besuchen Sie die Höhle im Sommer am besten vormittags, wenn weniger los ist. An Regentagen steigt der Andrang stark an. Kaufen Sie Ihre Tickets online, um Wartezeiten an der Kasse zu vermeiden. Denken Sie auch an einen Pullover, selbst im August: Die konstanten 12 Grad sind nach der Hitze draußen ein kleiner Schock.
Die Cité de la Préhistoire und Aktivitäten an der Oberfläche
Das Ticket beinhaltet den Zugang zur Cité de la Préhistoire, einem Museumsbereich, der authentische Fundstücke aus der Ardeche und dem Norden des Gard ausstellt. Touchscreens, nachgestellte Lebensszenen, präparierte Tiere und Videos begleiten den Rundgang. Je nach Saison bieten Workshops Einblicke in das Feuermachen durch Reibung, das Schlagen von Feuerstein oder das Werfen mit dem Speerschleuder-Haken. Besonders für Kinder ist das sehr anschaulich.
Für Sportliche bietet der Standort geführte Speläologie-Touren an. Die Descente Panoramique ahmt den ursprünglichen Einstieg nach: 50 Meter im Abseilverfahren durch den natürlichen Schacht, genau dort, wo De Joly zum ersten Mal den Boden betrat. Der Vertige Souterrain, eine Via Cordata in 40 Metern Höhe unter der Höhlendecke, endet mit einer 30 Meter langen Seilrutsche. Diese Aktivitäten können ganzjährig über den Höhlenführer vor Ort gebucht werden.
Der Sentier du Maubois, der kostenlos vom Parkplatz aus erreichbar ist, bietet zudem einen 30- bis 60-minütigen Spaziergang durch den Steineichenwald. Informationstafeln säumen den Weg und erklären die Geologie des Plateaus von Ronze. Ein schattiger Picknickplatz und ein Spielplatz runden das Angebot für einen Tagesausflug ab.
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Einfach atemberaubend! Wenn man eine Höhle besucht, fühlt man sich bei diesen Felsformationen, die seit Jahrtausenden wachsen, richtig klein. Ihr werdet hier wunderschöne Gebilde sehen, die wie echte Wälder wirken. Einzigartige Panoramen. Achtung: Zieht euch warm an und tragt gutes Schuhwerk, denn es gibt einige Stufen zu bewältigen! Es werden viele Aktivitäten angeboten, die für alle Zielgruppen geeignet sind.