Die Falaise d'Amont in Étretat: Der Kreideelefant im Ärmelkanal
Der Wind pfeift über das Grasplateau, schwer von salziger Gischt. 85 Meter über den Wellen schneidet die weiße Kreide den Horizont wie eine Klinge. Es ist dieser Ort, die Falaise d'Amont, an dem Guy de Maupassant einen Elefanten sah, der seinen Rüssel in die Fluten taucht. Ein Bild, das so präzise ist, dass es jeden verfolgt, der den Bogen vom Kieselstrand aus betrachtet.
Warum den Aufstieg zur Falaise d'Amont wagen?
Die Seeleute nannten sie lange Zeit Falaise du Blanc-Trait, da sie die strahlende Kreide schon von weitem ausmachten. Diese Wand bildet das längste Kap des Pays de Caux. Sie ragt fast 120 Meter in den Ärmelkanal hinein und bietet einen natürlichen Balkon über der gesamten Bucht von Étretat. Im Gegensatz zu ihrer berühmten Nachbarin, der Falaise d'Aval, die oft von Besuchern überlaufen ist, bleibt dieser Nordhang deutlich ruhiger.
Ornithologen kommen hierher, um die Kolonien von Kormoranen und Wanderfalken zu beobachten, die in den Felsspalten nisten. Im Frühjahr bedecken Meerfenchel und wilder Kohl die Felsvorsprünge, robuste Gewächse, die der Gischt seit Jahrtausenden trotzen.
Der Gipfel: Zwischen Erinnerung und Aussicht
Die Kapelle Notre-Dame-de-la-Garde
Diese kleine neugotische Kirche wacht seit dem 19. Jahrhundert über die Seeleute. Das ursprüngliche Gebäude überstand die Bombardements des Zweiten Weltkriegs nicht. Der Wiederaufbau im Jahr 1950 bewahrte den Geist des Ortes: eine schlichte Silhouette, ausgerichtet auf die Porte d'Aval und die Aiguille Creuse. Das Innere ist nicht öffentlich zugänglich, doch der Vorplatz bietet einen der meistfotografierten Panoramablicke der Normandie.
Das Denkmal für Nungesser und Coli
Ein Pfeil aus weißem Beton ragt 24 Meter in die Höhe, geneigt in einem 60-Grad-Winkel zum Himmel. Er markiert die Stelle, an der Charles Nungesser und François Coli am 8. Mai 1927 das letzte Mal gesehen wurden, als sie ihren Doppeldecker L'Oiseau Blanc steuerten. Ihr Versuch, von Paris nach New York zu fliegen, endete mysteriös im Atlantik, nur zwei Wochen vor dem Triumph von Lindbergh. Am Boden sind die Umrisse ihres Flugzeugs in Stein eingelassen. Ein kleines Museum in der Nähe zeichnet ihre Geschichte nach.
Die Gärten von Étretat: Die künstlerische Seite der Klippe
Auf dem Plateau, nur wenige Schritte von der Kapelle entfernt, erstrecken sich 7.000 m² an pflanzlichen Skulpturen, die vom Landschaftsarchitekten Alexandre Grivko entworfen wurden. Seit 2017 verbinden diese Formschnittgärten zeitgenössische Kunst mit Formen, die von den Wellen und den Muscheln der Region inspiriert sind. Der Ort existierte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Madame Thébault, eine Pariser Schauspielerin und Freundin von Claude Monet, ließ hier 1903 den ersten Baum pflanzen. Der Garten trägt das Label Jardin remarquable und wurde im Guide Michelin mit zwei Sternen ausgezeichnet.
Was es in den Gärten zu entdecken gibt:
- Der Jardin Impressions mit seinem Panoramablick auf die Aiguille
- Die menschlichen Emotionsskulpturen von Samuel Salcedo
- Die pflanzliche Nachbildung der Porte d'Aval im Jardin d'Aval
Jenseits des Bogens: Die vergessenen Wächter
Folgt man dem Küstenpfad weiter nach Nordosten, führt er an weniger bekannten Felsformationen vorbei. Die Aiguille de Belval trotzt den Gesetzen des Gleichgewichts: Ihr von den Gezeiten zerfressener Fuß wird von Jahr zu Jahr dünner. Weiter entfernt ragt der Roc Vaudieu aus den Fluten wie eine Ruinenmauer. Die Trottellummen haben dort ihr Hauptquartier aufgeschlagen, völlig unbeeindruckt von den Fotografen mit ihren Teleobjektiven.
Tipp vom Experten: Gehen Sie im Morgengrauen über die Treppe am Strand nach oben. Das schräge Licht der aufgehenden Sonne taucht die Kreide in einen goldenen Ton, und Sie haben das Plateau fast für sich allein. In der Hochsaison sind die Parkplätze im Stadtzentrum bereits ab 10:00 Uhr belegt.
Wenn ihr nach Etretat kommt, empfehle ich euch, die Zeit zu nehmen und beide Klippen zu erklimmen. Jede hat ihren eigenen Charme und bietet einen herrlichen Blick auf die jeweils andere. Der Aufstieg ist sehr gut angelegt und lässt sich ohne große Schwierigkeiten bewältigen. Oben angekommen ist die Aussicht wirklich unglaublich.