Montenegro: Ein Mittelmeer-Traum auf kleinem Raum
Berge, die in ein unwirklich blaues Meer abfallen, mittelalterliche Festungen an den Felskanten und eine Passstraße, die einem schon bei der Ankunft den Atem raubt. Montenegro verdankt seinen Namen den dunklen Schwarzkieferwäldern, die seine Gipfel bedecken. Das winzige Land auf dem Balkan, flächenmäßig etwa mit Schleswig-Holstein vergleichbar, vereint auf 13.000 km² fünf Nationalparks, fast 300 km Küste und die tiefste Schlucht Europas.
Das ideale Tor zum Balkan
Das Land ist perfekt für Reisende, die sich die kroatische Kulisse ohne den Massenandrang wünschen, für Naturliebhaber, die Bergwandern und Baden kombinieren möchten, und für Geschichtsinteressierte, die venezianische und osmanische Spuren suchen. Die touristische Infrastruktur an der Küste ist gut ausgebaut, Englisch wird in den Urlaubsgebieten meist verstanden und das Land gilt als sicher.
Wer kilometerlange Sandstrände oder ein Nachtleben wie in Kroatien sucht, könnte enttäuscht werden. Die Strände sind oft kleine Kiesbuchten, die im Sommer voll werden. Wer pures Faulenzen in mondänen Badeorten wie in Griechenland oder Italien erwartet, wird die Infrastruktur hier schlichter finden. Das beeindruckende Landesinnere lässt sich zudem nur mit einem Mietwagen sinnvoll erkunden. Ohne eigenes Fahrzeug verpasst man einen Großteil dessen, was das Land ausmacht.
Ein sehr faires Budget für Südeuropa
Plane für eine Reise im mittleren Segment mit Unterkunft und Verpflegung etwa 50 bis 80 Euro pro Tag ein. Eine Übernachtung im Apartment kostet zwischen 30 und 60 Euro, ein Restaurantbesuch schlägt mit 8 bis 15 Euro zu Buche. Mietwagen starten bei 25 Euro/Tag. Aktivitäten wie Rafting oder Bootstouren kosten etwa 20 bis 50 Euro.
Die Bucht von Kotor und ihre hängenden Dörfer
Kotor ist das Highlight. Die befestigte Stadt liegt tief in einer fjordartigen Bucht und gehört seit 1979 zum UNESCO-Welterbe. Die verwinkelten Gassen, die Kathedrale Sveti Tripun aus dem 12. Jahrhundert und die Stadtmauern, die sich bis zur Festung San Giovanni hinaufziehen, sind einen ganzen Tag wert. Die 1.350 Stufen bis zum Gipfel bieten eine beeindruckende Aussicht.
Das Problem in Kotor sind die Kreuzfahrtschiffe. In der Hochsaison entladen bis zu vier Schiffe gleichzeitig Tausende Besucher in die engen Gassen. Der beste Trick: Übernachte direkt in der Stadt und erkunde sie vor 9:00 Uhr oder nach 17:00 Uhr, wenn die Tagestouristen wieder an Bord sind.
Perast und die Felseninsel
Perast ist das Postkartenmotiv schlechthin. Das Dorf mit seinen 300 Einwohnern reiht venezianische Paläste direkt am Wasser auf. Highlight ist die Kirche Gospa od Škrpjela (Maria vom Felsen), eine künstliche Insel, die von Seeleuten im 15. Jahrhundert aufgeschüttet wurde. Man erreicht sie vom Kai aus mit kleinen Booten für ein paar Euro. Die Ruhe in Perast ist ein angenehmer Kontrast zum nur 12 km entfernten Kotor.
Geheimtipp: Fahre vom Nationalpark Lovćen über die berühmte Straße mit ihren 25 Haarnadelkurven hinunter nach Kotor. Die Strecke bietet atemberaubende Ausblicke über die Bucht. Starte früh, um dem Busverkehr auszuweichen.
Durmitor: Schluchten und Bergseen
Der Norden beherbergt das Durmitor-Massiv, das ebenfalls zum Welterbe zählt. Die Tara-Schlucht, nach dem Grand Canyon die zweittiefste der Welt, ist auf 82 km Länge bis zu 1.300 Meter tief. Der Fluss, der sie geformt hat, wird wegen seiner türkisfarbenen Klarheit die Träne Europas genannt.
Žabljak, mit 1.450 Metern die höchstgelegene Stadt auf dem Balkan, ist der ideale Ausgangspunkt. Der Crno Jezero (Schwarzer See) liegt nur 3 km vom Zentrum entfernt und ist zu Fuß erreichbar. Der Gletschersee mit seinem dunklen Wasser, umrahmt von Pinienwäldern, lädt zu einer einstündigen Umrundung ein. Erfahrene Wanderer können den Bobotov Kuk auf 2.523 Meter besteigen.
Rafting auf der Tara ist die Aktivität Nummer eins. Die zwei- bis dreitägigen Touren führen durch Schluchten, die anders nicht erreichbar sind. Die Stromschnellen sind im Sommer bei niedrigerem Wasserstand auch für Anfänger machbar. Rechne mit 60 bis 100 Euro für einen kompletten Tag inklusive Transport von der Küste.
Die Adriaküste: Von Jetset bis Geheimtipp
Budva ist das Zentrum des Badelebens. Die befestigte Altstadt erinnert an eine Miniaturversion von Dubrovnik. Die umliegenden Buchten wie Mogren, die durch einen in den Fels gehauenen Tunnel erreichbar ist, glänzen mit kristallklarem Wasser. Der Ort zieht mit seinen Beach Clubs und dem Sommer-Nachtleben vor allem ein jüngeres Publikum an.
6 km südlich liegt Sveti Stefan auf einer kleinen Insel, die durch einen schmalen Landstreifen mit dem Festland verbunden ist. Das ehemalige Fischerdorf ist heute ein Luxushotel und lässt sich nur von außen fotografieren. Der öffentliche Strand daneben bietet die gleiche Kulisse, ohne dass man eine teure Übernachtung buchen muss.
Die ruhigeren Strände
Ulcinj ganz im Süden nahe der albanischen Grenze besitzt mit dem 13 km langen Velika Plaža den längsten Sandstrand des Landes. Die Stadt mit ihrer albanisch geprägten Kultur unterscheidet sich deutlich vom restlichen Küstenabschnitt. Ada Bojana, eine Flussinsel in der Mündung der Bojana, ist ein Treffpunkt für Kitesurfer und FKK-Anhänger.
Die Halbinsel Luštica zwischen Tivat und Herceg Novi versteckt Buchten, die nur per Boot oder über Wanderwege zugänglich sind. Dobrec und Rose gehören zu diesen unberührten Orten, an denen Olivenbäume bis ans Wasser reichen.
Das unbekannte Hinterland: Skutarisee und Kloster Ostrog
Der Skutarisee, der größte See des Balkans, den sich Montenegro mit Albanien teilt, erstreckt sich über 400 km². In den ruhigen Gewässern leben unter anderem Dalmatiner-Pelikane und 280 weitere Vogelarten. Das Dorf Virpazar ist der Ausgangspunkt für Bootstouren durch die Seerosenfelder und Kanäle.
Die Weinregion Crmnica säumt den See. Die lokalen Rebsorten Vranac und Krstač findet man außerhalb des Balkans selten. Die Familienweingüter in Godinje bieten Verkostungen mit Käse und Räucherschinken für 15 bis 30 Euro an.
Das Kloster Ostrog, das auf 900 Metern Höhe in eine Felswand gebaut wurde, ist der meistbesuchte orthodoxe Wallfahrtsort auf dem Balkan. Die kurvenreiche Anfahrt ist ebenso beeindruckend wie der Ort selbst. Die Höhlenkapellen stammen aus dem 17. Jahrhundert. Der Eintritt ist kostenlos, Schultern sollten jedoch bedeckt sein.
Geheimtipp: Besuche den Nationalpark Biogradska Gora, wenn du Stille suchst. Sein Urwald, einer der letzten in Europa mit über 500 Jahre alten Bäumen, umschließt einen friedlichen See. Die Wanderwege sind selbst im August selten überlaufen.
Montenegro auf dem Teller: Berg- und Meeresspezialitäten
Die montenegrinische Küche hat zwei Gesichter. An der Küste dominieren gegrillter Fisch, crni rižot (schwarzes Risotto mit Tintenfischtinte) und Meeresfrüchte in buzara-Soße. Letztere ist ein schmackhafter Sud aus Knoblauch, Weißwein und Petersilie. Brot ist hier Pflicht, um die Soße aufzutunken.
Im Landesinneren stehen Räucherfleisch und deftige Gerichte im Vordergrund. Der Njeguški pršut, ein in der Bergluft getrockneter und über Buchenholz geräucherter Schinken, kann es mit italienischem Prosciutto aufnehmen. Er stammt exklusiv aus dem Dorf Njeguši im Lovćen-Gebirge. Probiere ihn zusammen mit kajmak (einer Art dickflüssiger Sahne) und lokalem Käse.
Kačamak ist eine Polenta mit Kartoffeln und Kajmak, die oft zu Lammfleisch aus der traditionellen Eisenhaube (unter der Asche gegart) serviert wird. Ćevapi, kleine gegrillte Fleischröllchen im Fladenbrot, sind der nationale Fast-Food-Klassiker. Burek mit Käsefüllung gibt es in jeder Bäckerei für unter 2 Euro.
Wann ist die beste Reisezeit für Montenegro?
Die ideale Zeit ist von Mai bis September. Der Mai bietet den besten Kompromiss aus angenehmen Temperaturen, moderaten Preisen und weniger Trubel. Juni und September sind ideal, um das Meer ohne den Hochsommeransturm zu genießen.
Im Juli und August konzentrieren sich die Touristen an der Küste. Die beliebten Strände sind überlaufen, Unterkunftspreise verdoppeln sich und die Temperaturen erreichen 30 bis 35°C. Diese Monate eignen sich besser für die Berge, wo es kühler bleibt. Rafting ist von Mai bis Oktober möglich, die Flüsse führen im Frühling nach der Schneeschmelze das meiste Wasser.
Im Winter verwandelt sich der Norden in ein Skigebiet. Kolašin und Žabljak bieten von Dezember bis März Pisten. An der Küste ist das Klima mild, viele Betriebe schließen jedoch zwischen November und März. Winterfestivals wie der Karneval von Kotor im Februar beleben die Nebensaison.
Anreise nach Montenegro
Es gibt zwei internationale Flughäfen. Podgorica, die Hauptstadt, wird unter anderem von Ryanair, Wizz Air, Turkish Airlines und Air Serbia angeflogen. Tivat, an der Küste bei Kotor, bietet saisonale Verbindungen an.
Von Deutschland, Österreich oder der Schweiz gibt es meist keine Direktflüge. Die Anreise erfolgt oft über Wien, Belgrad, Istanbul oder Rom. Rechne mit 150 bis 350 Euro für Hin- und Rückflug. Die Gesamtreisezeit beträgt je nach Verbindung 4 bis 7 Stunden.
Eine Alternative ist die Landung in Dubrovnik in Kroatien, das von vielen Flughäfen aus direkt erreichbar ist. Die Grenze zu Montenegro liegt nur 30 km entfernt. Vorsicht: Im Sommer kann es an der Grenze zu Wartezeiten kommen. Plane an Wochenenden im Juli und August eine Stunde Puffer ein. Deutsche Staatsangehörige benötigen für einen Aufenthalt bis zu 90 Tagen kein Visum; der Personalausweis reicht zur Einreise aus. Reisende aus Österreich oder der Schweiz prüfen am besten die Bestimmungen für ihre Staatsangehörigkeit.
Unterwegs in Montenegro
Ein Mietwagen ist für eine richtige Erkundung des Landes unverzichtbar. Die Küstenstraßen sind gut, die Bergstraßen kurvig, aber befahrbar. Rechne mit 25 bis 40 Euro pro Tag für einen Standard-Pkw. Buche in der Hochsaison im Voraus. Lokale Mietwagenanbieter verlangen oft geringere Kautionen als internationale Großkonzerne.
Das Busnetz deckt die wichtigsten touristischen Ziele ab. Verbindungen zwischen den Küstenstädten sind häufig und günstig. Eine Fahrt von Kotor nach Budva kostet etwa 3 Euro für 30 Minuten. Busse in den Norden sind seltener. Die Strecke von Podgorica nach Žabljak dauert 3 Stunden und kostet rund 10 Euro.
Eine Zugstrecke führt von Bar bis zur serbischen Grenze. Die Weiterreise nach Belgrad gilt als eine der spektakulärsten Zugstrecken Europas, inklusive 254 Tunneln und dem Mala-Rijeka-Viadukt, der höchsten Eisenbahnbrücke des Kontinents. Die Züge sind einfach, aber die Reise ist ein Erlebnis. Im Sommer verkehren entlang der Küste zudem Boots-Taxis, die praktisch sind, um abgelegene Buchten zu erreichen.