Manarola: Das Dorf, in dem man das Abfahren vergisst
Ein ehemaliger Eisenbahner namens Mario Andreoli hat über drei Jahrzehnte seines Lebens damit verbracht, allein die größte Weihnachtskrippe der Welt auf dem Hügel oberhalb des Dorfes zu errichten. Über 300 Figuren aus recycelten Materialien, 15.000 Glühbirnen, gespeist durch Solarpaneele. Mario ist 2022 verstorben, doch jeden Dezember erstrahlt seine Krippe pünktlich zum Sonnenuntergang.
Diese Geschichte steht sinnbildlich für Manarola: ein winziger, eigensinniger Ort, an dem Menschen mit bescheidenen Mitteln Außergewöhnliches schaffen. Das zweitkleinste Dorf der Cinque Terre, das auf einem Felsvorsprung über dem Ligurischen Meer thront, ist auch der Ort, den Reisende am schwersten wieder verlassen.
Manarola: Ein Favorit für Romantiker und Ruhesuchende
Dieses Dorf ist wie gemacht für Paare, Fotografen und Weinliebhaber. Der Ausblick vom Aussichtspunkt Punta Bonfiglio gehört zu den meistfotografierten Motiven Italiens, und die terrassierten Weinberge, die das Dorf umschließen, bringen zwei der markantesten Weine der Region hervor.
Wanderer schätzen die Pfade, die inmitten von Reben und Olivenbäumen zum Weiler Volastra hinaufführen. Kulinarisch erwartet dich eine überschaubare, aber exzellente Szene mit zwei oder drei Adressen, die inzwischen Kultstatus genießen.
Wenn du nach Nachtleben, Sandstränden oder einer großen Auswahl an Wassersport suchst, ist Manarola nicht die richtige Wahl. Das Dorf besitzt keinen echten Strand, sondern nur einen felsigen Zugang zum Meer an der Marina. Es gibt keine Diskotheken und keine kitschigen Souvenirläden.
Genau das macht den Reiz aus. Allerdings können Tagesgäste, die zwischen 10:00 und 16:00 Uhr in Scharen mit dem Zug ankommen, diese Ruhe trüben. Das wahre Gesicht des Dorfes zeigt sich erst frühmorgens und nach dem Abfahren der letzten Züge.
Ein steiles Dorf: autofrei und ohne Aufzüge
Wie alle Dörfer der Cinque Terre ist Manarola für Autos gesperrt. Die Gassen sind eng und steil, alles ist zu Fuß zu bewältigen. Gehbehinderte Reisende werden hier auf ernsthafte Hindernisse stoßen. Der nächstgelegene Parkplatz, Park Manarola Loc. Posella, liegt oberhalb des Dorfes, etwa 15 Gehminuten bergab. Rechne mit etwa 20 Euro pro Tag für das Parken. Was Sicherheit und Komfort angeht: Italien erledigt den Rest mit seinem milden Klima und der herzlichen Art der Einheimischen.
Budget: Preise auf dem Niveau der Cinque Terre
Plane 120 bis 200 Euro pro Nacht für ein Doppelzimmer in der Hochsaison ein, 35 bis 60 Euro pro Person für Mahlzeiten im Restaurant und 20 bis 35 Euro pro Tag für den Transport mit der Cinque Terre Treno Card. In der Nebensaison fallen die Preise um 30 bis 50 Prozent, und die Atmosphäre gewinnt an Intimität, was man bei der Wettergarantie einbüßt.
Die Marina und der Aussichtspunkt: Das visuelle Herz des Dorfes
Der berühmteste Aussichtspunkt der gesamten Cinque Terre befindet sich hier. Vom Pfad, der zur Punta Bonfiglio führt, scheinen die rosa, gelben und terrakottafarbenen Turmhäuser geordnet zum Meer hinabzustürzen. Das Licht verändert alles: Am frühen Morgen wirken die Fassaden sanft und pastellfarben, in der Abenddämmerung glühen sie förmlich auf. Die besten Aufnahmen entstehen wenige Minuten nach Sonnenuntergang, wenn sich das Rosa des Himmels mit den ersten Lichtern aus den Fenstern vermischt.
Die Marina unterhalb bleibt der soziale Mittelpunkt des Dorfes. Einige bunte Fischerboote, die auf die Rampe gezogen wurden, flache Felsen, auf denen sich Menschen sonnen, und klares Wasser, in das sich Mutige von den Klippen stürzen. Es ist kein Strand, es gibt weder Sand noch Liegestühle. Es ist noch besser.
Geheimtipp: Der Friedhof von Manarola, nur einen Katzensprung vom Aussichtspunkt entfernt, bietet einen beinahe identischen Blick wie die Punta Bonfiglio, jedoch mit deutlich weniger Andrang. Es ist zudem ein überraschend friedlicher Ort mit Gräbern, die oft mit Keramikfotos geschmückt sind, wie es in Italien üblich ist.
Weinberge und der Aufstieg nach Volastra
Manarola ist das am engsten mit dem Weinbau verbundene Dorf der Cinque Terre. Die umliegenden Hügel sind mit terrassierten Weinbergen bedeckt, die seit Jahrhunderten von Hand auf so steilen Hängen bewirtschaftet werden, dass die Lese einer sportlichen Höchstleistung gleicht. Miniatur-Monorails wurden installiert, um den Transport der Trauben zu erleichtern, doch die Hauptarbeit bleibt Handarbeit.
Die Wanderung nach Volastra ist eine der schönsten Touren der Region. Der kleine Weiler mit 200 Einwohnern oberhalb von Manarola lebt von Olivenhainen und Wein. Der Aufstieg dauert vom Dorf aus etwa eine Stunde. Unterwegs lohnt sich ein Abstecher nach Groppo, um die Cantina Cooperativa Cinque Terre zu besuchen, die Genossenschaftskellerei, die den Großteil der regionalen Weine produziert. Probiere dort den Cinque Terre DOC, einen trockenen Weißwein mit Kräuternoten, und den berühmten Sciacchetrà, einen bernsteinfarbenen Dessertwein aus Trauben, die 40 Tage in der Sonne getrocknet wurden.
Von Volastra führt der sentier 586 dann durch die Weinberge hinunter nach Corniglia, mit dem Meer im Hintergrund. Plane für diesen Abschnitt etwa zwei Stunden ein, der hauptsächlich flach verläuft und dann abfällt. Dies ist der beste Weg, um die ländliche Seite der Cinque Terre abseits der Küstenmassen zu entdecken.
Geheimtipp: Wandere von Volastra Richtung Corniglia und nicht umgekehrt. So verläuft der Großteil der Strecke bergab. Du kannst Volastra bequem mit dem ATC-Shuttle von Manarola oder Riomaggiore aus erreichen, um den ersten Anstieg zu vermeiden.
Das obere Dorf: Kirche, Gassen und absolute Ruhe
Den oberen Teil von Manarola, oberhalb der Via Renato Birolli, bekommen die meisten Tagesgäste nie zu Gesicht. Die Kirche San Lorenzo, 1338 im ligurischen Gotikstil erbaut, dominiert einen kleinen Platz, von dem aus man auf die Dächer des Dorfes blickt. Gegenüber der Kirche dient ein achteckiger, vom Hauptgebäude losgelöster Steinglockenturm zugleich als Wachturm.
Die umliegenden Gassen sind ruhig und gesäumt von Häusern mit bunten Fensterläden und wildem Wein. In diesem Teil des Dorfes finden sich Spuren einer langen Geschichte: Manarola existiert seit dem 12. Jahrhundert, als Siedler aus Volastra diesen Felsvorsprung als Beobachtungsposten gegen Piraten wählten. Das Dorf gehörte später den Herren von Carpena, dem Bischof von Luni und dann den Fieschi aus Genua. Hier wurde Sinibaldo Fieschi geboren, der spätere Papst Innozenz IV., der Kaiser Friedrich II. exkommunizierte.
Wo essen und trinken in Manarola?
Zwei Adressen dominieren die Szene und sind es wert, den Tag nach ihnen zu planen. Nessun Dorma, auf einer Terrasse am Klippenrand über der Marina gelegen, ist zu einem der meistfotografierten Spots Italiens geworden. Die Karte bietet weder Pizza noch Pasta: Man serviert Bruschetta mit frischen Tomaten, Platten mit lokaler Wurst und Käse, dazu Limoncino spritz im Glas. Die Kurse zur Herstellung von Pesto im Mörser sind sehr beliebt. Reservierungen sind nicht möglich, man muss sich anstellen, besonders am späten Nachmittag.
Für ein echtes Fischgericht liegt die Trattoria dal Billy im oberen Teil des Dorfes, mit Terrasse über der Bucht. Pasta mit Tintenfischtinte und Meeresfrüchten sowie Thunfischsteak sind die Klassiker des Hauses. Die Aussicht ist den Besuch ebenso wert wie das Essen. Eine Reservierung ist zwingend erforderlich, mindestens einen Tag im Voraus. Für den kleinen Geldbeutel bietet die Bäckerei Panificio Rosi warme, belegte Focaccia für wenige Euro, ideal für ein Picknick auf den Felsen am Hafen.
Wo schlafen in Manarola und Umgebung?
Die Unterkünfte in Manarola bestehen fast ausschließlich aus Pensionen und kleinen Apartments. Keine großen Hotels, keine Resorts. Zu den bewährten Adressen zählen Ca' D'Andrean, das zentral und modern ist, Affittacamere Da Paulin mit Zimmern und Apartments inklusive WLAN und Klimaanlage sowie Su per i Coppi für ein kleineres Budget. Buche im Sommer so früh wie möglich, da das Angebot begrenzt ist und die Preise schnell steigen.
Um zu sparen, ohne das Erlebnis einzuschränken, bleiben La Spezia und Levanto die besten Alternativen. La Spezia ist weniger als 10 Minuten mit dem Zug entfernt, mit Hotelpreisen, die zwei- bis dreimal niedriger sind. Levanto bietet zudem einen echten Strand und das Flair einer kleinen Badeortschaft.
Anreise und Fortbewegung in Manarola
Der Zug ist das Verkehrsmittel der Wahl. Ab La Spezia Centrale erreicht man Manarola in etwa 10 Minuten mit dem Cinque Terre Express. Von Pisa aus dauert die Fahrt 1:30 Uhr mit einem Umstieg in La Spezia. Von Florenz aus sind es 2:30 bis 3 Stunden, von Genua etwa 1:30 Uhr über Levanto. Einzeltickets zwischen den Dörfern kosten in der Hochsaison 5 bis 10 Euro.
Für Reisende aus Deutschland sind Flüge nach Pisa oder Genua die praktischsten Einstiegspunkte. Rechne bei rechtzeitiger Buchung mit 50 bis 120 Euro für Hin- und Rückflug. Die Cinque Terre Treno MS Card, die je nach Saison zwischen 19,50 und 32,50 Euro kostet, bietet unbegrenzten Zugang zu den Zügen zwischen La Spezia und Levanto sowie Zugang zu den kostenpflichtigen Wanderwegen des Parks. Denke daran, dein Ticket vor Fahrtantritt zu entwerten.
Wann ist die beste Reisezeit?
Das ideale Zeitfenster liegt zwischen Mitte Mai bis Ende Juni sowie von September bis Mitte Oktober: wunderbares Licht, angenehme Temperaturen und moderater Andrang. Juli und August sind heiß und überlaufen. Manarola hat jedoch einen seltenen Wintervorteil: Die riesige Krippe beleuchtet den Hügel von Anfang Dezember bis Mitte Januar und verwandelt das Dorf in ein unerwartetes Weihnachtsziel. Zu dieser Zeit gibt es kaum Touristen, niedrige Preise und eine ganz eigene Atmosphäre.
Ich kann bestätigen, dass das Panorama von der Klippe aus seinem Ruf absolut gerecht wird! Der Sonnenuntergang ist traumhaft. Um die Aussicht zu genießen, empfehle ich, zumindest den Weg nach Riomaggiore zu gehen. Der Spaziergang ist weder schwierig noch besonders lang. Probiert unbedingt auch die lokalen Spezialitäten, die sind einfach köstlich.