Vernazza, das Dorf der Cinque Terre, das fast von der Landkarte verschwand
Am 25. Oktober 2011 begrub ein vier Meter hoher Schlammstrom innerhalb von nur einer Stunde die Gassen des Dorfes. Autos wurden bis ins Meer gespült, der zentrale Marktplatz verschwand unter den Trümmern und drei Menschen verloren ihr Leben. Der entstandene Schaden belief sich auf über 100 Millionen Euro.
Die Einwohner hätten aufgeben können. Stattdessen entschieden sie sich für den Wiederaufbau, Stein für Stein, Laden für Laden. Heute sind an den Laternenpfählen der Via Roma bei genauem Hinsehen noch immer die Spuren des Schlamms zu erkennen. Der Hafen wurde in seinen ursprünglichen Zustand versetzt und zählt heute wieder zu den meistfotografierten Motiven im gesamten Mittelmeerraum.
Das schönste Dorf der Cinque Terre, aber auch das steilste
Es ist das Lieblingsdorf von Rick Steves, dem amerikanischen Reiseexperten, der maßgeblich dazu beigetragen hat, die Cinque Terre weltweit bekannt zu machen. Sein natürlicher Hafen, der einzige unter den fünf Dörfern, die genuesischen Turmhäuser und die mittelalterliche Burg ergeben ein fast irreal wirkendes Postkartenmotiv. Fotografen, Paare und Wanderer finden hier genau das, was sie suchen.
Aber seien wir ehrlich: Dieses Dorf ist vertikal gebaut. Fast jede Unterkunft erreicht man nur über steile und schmale Treppen, ohne Aufzug oder Tragehilfe. Die Straßen sind nicht für Rollstühle geeignet. Jeder Weg mit einem Rollkoffer wird zur Herausforderung. Für Reisende mit eingeschränkter Mobilität oder Familien mit Kinderwagen ist Monterosso die deutlich komfortablere Wahl.
Ein winziges Dorf, ein massiver Ansturm
Mit weniger als 600 ständigen Einwohnern nimmt das Dorf in der Hochsaison täglich Tausende Besucher auf. Die Via Roma, die einzige Verbindung zwischen Bahnhof und Hafen, ist zwischen 11:00 und 16:00 Uhr meist überlaufen. Die überwältigende Mehrheit der Besucher sind Tagesausflügler. Der beste Weg, das Dorf zu genießen: Übernachte vor Ort und nutze die frühen Morgenstunden oder die Zeit nach 18:00 Uhr, wenn die letzte Fähre abgefahren ist und das goldene Licht die Fassaden in eine besondere Stimmung taucht.
Preise entsprechend der Beliebtheit
Plane in der Hochsaison 150 bis 300 Euro pro Nacht für ein ordentliches Apartment ein, 30 bis 50 Euro pro Person für eine Mahlzeit im Restaurant und 2 Euro für den Eintritt in das Castello Doria. Die Cinque Terre Treno Card kostet je nach Saison zwischen 19,50 und 32,50 Euro pro Tag. Im Mai und Oktober sinken die Preise spürbar.
Der Hafen und der Platz: das Herz des Dorfes
Alles läuft auf der Piazza Marconi zusammen, dem kleinen dreieckigen Platz, der sich zum Hafen hin öffnet. Hier ziehen die Fischer an stürmischen Tagen ihre bunten Boote an Land, manchmal bis in die Mitte des Platzes. Bei gutem Wetter verwandelt sich der Bereich vor dem Meer in eine einzige große Restaurantterrasse.
Die Kirche Santa Margherita d'Antiochia, 1318 im ligurischen Gotikstil erbaut, ragt auf einem Felsvorsprung über die Wellen hinaus. Der Legende nach strandete ein Kästchen mit den Gebeinen der heiligen Margareta an diesem Strand und bestimmte so den Standort des Gebäudes. Der achteckige Glockenturm, der vom Hauptbau getrennt ist, wurde zu einem der bekanntesten Symbole der gesamten ligurischen Riviera. Der Haupteingang auf der Meerseite ist weniger offensichtlich; die meisten Besucher betreten das Gebäude durch die Apsis auf der Platzseite.
Insider-Tipp: Der kleine versteckte Strand, der durch einen kurzen, in den Fels gehauenen Tunnel nahe dem Hafen erreichbar ist, entstand erst nach den Überschwemmungen von 2011. Er ist wilder und felsiger als der Hafenstrand und bietet selbst im Hochsommer eine gewisse Ruhe.
Das Castello Doria und seine tausendjährige Wachgeschichte
Auf einem Felsvorsprung 70 Meter über dem Meer thront das Castello Doria, die älteste erhaltene Befestigungsanlage der Cinque Terre. Der Kern stammt aus dem 11. Jahrhundert, als die Markgrafen von Obertenghi das östliche Ligurien beherrschten. Der zentrale zylindrische Turm diente als Aussichtspunkt gegen die Piraten, die diese Küste jahrhundertelang unsicher machten. Sein Beiname Belforte bedeutet soviel wie Ort der lauten Rufe, da die Wachen mit Geschrei vor anrückenden feindlichen Schiffen warnten.
Während des Zweiten Weltkriegs bauten die Deutschen die unterirdischen Räume zu Luftschutzbunkern um. Der Eintritt kostet 1,50 Euro und die Terrasse an der Spitze bietet einen 360-Grad-Blick auf das Dorf, den Hafen und die Küste. Bei klarem Wetter kann man bis nach Korsika sehen. Die Burg ist im Sommer von 10:00 bis 21:00 Uhr geöffnet, den Rest des Jahres von 10:00 bis 19:00 Uhr.
Der Aufstieg zum Heiligtum von Reggio: die andere Wanderung
Der Sentiero Azzurro zwischen Corniglia und Monterosso führt zwar durch das Dorf, aber eine andere Wanderung verdient ebenfalls Aufmerksamkeit. Der Pfad zum Heiligtum von Nostra Signora di Reggio schlängelt sich zwei Kilometer durch Olivenhaine und terrassierte Weinberge bis zu einer schattigen Esplanade auf 315 Metern Höhe. Plane eine gute Stunde für den stellenweise steilen Aufstieg und 40 Minuten für den Abstieg ein.
Das Heiligtum wurde erstmals 1248 erwähnt, doch der Ort war bereits in römischer Zeit besiedelt. Im Inneren befindet sich ein Gemälde der Schwarzen Madonna mit dem Kind, das seit 1615 nach Berichten über wundersame Heilungen verehrt wird. Auf der Esplanade dominiert eine 800 Jahre alte Zypresse, die als monumentaler Baum Italiens gelistet ist, einen ruhigen Platz mit Brunnen, Bänken und einem kleinen Selbstbedienungsstand. Es ist der perfekte Gegenpol zur Hektik im Dorf unterhalb.
Insider-Tipp: Diese Wanderung ist im Gegensatz zum Sentiero Azzurro kostenlos. Starte früh am Morgen am Bahnhof über die Treppe von Pastenello und mache auf dem Weg einen Stopp am Friedhof für den direkten Blick von oben auf das Dorf.
Die oberen Gassen: wo das lokale Leben pulsiert
Die meisten Besucher verlassen nie die Via Roma und den Hafenplatz. Doch in den caruggi, den steilen Gassen, die von der Hauptstraße in die höheren Lagen des Dorfes führen, findet man das echte lokale Alltagsleben. Wäsche hängt zwischen den Fassaden, Katzen dösen auf den Stufen und winzige Votiv-Altäre sind in die Steinmauern eingelassen. Die Nordseite, im lokalen Dialekt Lùvegu genannt, bedeutet so viel wie die feuchte Seite, wo die Mauern dicker, die Durchgänge dunkler und die Atmosphäre geheimnisvoller sind.
In diesen Höhen verstecken sich auch einige hartnäckige Winzer. Bartalo Lercari bewirtschaftet noch immer terrassierte Weinberge oberhalb des Dorfes und produziert einen Wein der Cinque Terre direkt am Steilhang. Einige dieser Parzellen wurden nach den Überschwemmungen von 2011 Meter für Meter wieder aufgebaut.
Wo essen und trinken in Vernazza?
Das Ristorante Belforte, das seit über 50 Jahren in den Mauern eines Turms aus dem 11. Jahrhundert untergebracht ist, thront direkt über dem Meer. Die auf den Fels gebauten Terrassen bieten ein einzigartiges Ambiente und die Küche überzeugt mit hausgemachter trofie al pesto, Sardellen aus Monterosso als Antipasti und gegrilltem Fisch des Tages. Die Preise sind gehoben und eine Reservierung ist zwingend erforderlich, aber das Erlebnis ist es wert.
Für eine einfachere Mahlzeit bietet Pippo a Vernazza frische Pasta und gefüllte focaccia zum Mitnehmen im Street-Food-Format, verpackt ohne Plastik. Il Gambero Rosso serviert auf seiner Terrasse direkt am Hafenplatz gute lokale Fischgerichte mit Blick auf die Boote. Am Morgen solltest du bei Il Pirata delle Cinque Terre vorbeischauen, das von zwei Brüdern geführt wird, um ein Frühstück mit frischen cannoli und Cappuccino zu genießen.
Insider-Tipp: Das Ristorante Bar La Torre in den oberen Dorflagen bietet einen Panoramablick, der mit dem des Castello Doria konkurrieren kann, das Ganze bei einem Glas Cinque Terre DOC. Reserviere rechtzeitig.
Wo übernachten in Vernazza und Umgebung?
La Mala ist ein kleines Boutique-Hotel mit Terrassen zum Meer, das regelmäßig als eine der besten Adressen des Dorfes genannt wird. Gianni Franzi bietet Zimmer und Apartments im historischen Zentrum mit unterschiedlichem Komfort und Preisen. Für kleine Budgets ist das Angebot begrenzt: Die wenigen Zimmer unter 100 Euro sind oft schon Monate im Voraus ausgebucht.
Eine kluge Alternative: Übernachte in Levanto, nur 8 Minuten mit dem Zug entfernt. Dort gibt es einen Sandstrand, eine größere Auswahl an Unterkünften und deutlich moderatere Preise. La Spezia, 18 Minuten entfernt, bleibt die preisgünstigste Option, um die gesamte Region zu erkunden, ohne das Budget zu sprengen.
Wie kommt man nach Vernazza und wie bewegt man sich vor Ort?
Der Zug ist das einzig sinnvolle Verkehrsmittel. Von La Spezia Centrale sind es 18 Minuten Fahrt. Von Levanto aus 8 Minuten. Von Genua dauert die Fahrt etwa 1,5 Stunden mit einem Umstieg. Von Pisa benötigt man über La Spezia 1,5 bis 2 Stunden. Die nächstgelegenen Flughäfen sind Pisa und Genua.
Vom Auto ist dringend abzuraten: Touristen dürfen nicht mit dem Fahrzeug in das Dorf fahren. Ein Parkplatz in einem Kilometer Entfernung kostet etwa 20 Euro pro Tag inklusive Shuttle, der zwischen 8:00 und 20:00 Uhr verkehrt. In der Saison verbindet zudem eine Fähre die Dörfer untereinander und bietet den eindrucksvollsten Blick auf die Küste vom Wasser aus.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die ideale Reisezeit liegt zwischen Mitte Mai und Ende Juni sowie zwischen September und Mitte Oktober. Dann stimmen Licht, Temperaturen und die Wandermöglichkeiten, während sich die Besuchermassen in Grenzen halten. Am 20. Juli verwandelt das Fest der Heiligen Margareta von Antiochia, der Schutzpatronin des Dorfes, die Straßen in eine Prozession mit Musik, Feuerwerk und gemeinschaftlichem Abendessen auf dem Platz. Vermeide den Hochsommer: Im August ist das Dorf oft weit über seiner Kapazitätsgrenze.
Mein liebstes Dorf in den Cinque Terre. Es bietet eine traumhafte Kulisse, aber in den Sommerferien ist es total überlaufen.
Versucht, außerhalb der Saison zu kommen, das Erlebnis ist einfach anders.