Cluny: Die mittelalterliche Macht, die Rom erzittern ließ
Im Jahr 910 stiftete ein aquitanischer Adliger seine Ländereien zur Gründung eines Klosters, das von jeglicher lokaler Autorität unabhängig sein sollte. Elf Jahrhunderte später ist aus diesem frommen Akt eine kleine burgundische Stadt mit 5.000 Einwohnern geworden, die einst die größte Kirche der Christenheit beherbergte.
Cluny besitzt nach Venedig die weltweit zweitgrößte Dichte an romanischen Häusern. Die gepflasterten Gassen schlängeln sich zwischen Fassaden aus dem 11. Jahrhundert hindurch, samstagmorgens liegt der Duft von frischem Brot in der Luft, und der achteckige Glockenturm der Eau-Bénite überragt die Dächer noch immer so wie vor neunhundert Jahren.
Ein Ziel für Geschichtsinteressierte und Ruhesuchende
Diese Kleinstadt im Département Saône-et-Loire ist ideal für Liebhaber mittelalterlicher Baukunst, Radtouristen und Feinschmecker. Das Tempo ist beschaulich, Touristenmassen sind selten. Familien schätzen die Reitvorführungen im Haras national und die Ausflüge in die Natur. Weinliebhaber können von hier aus bequem das Mâconnais mit seinen renommierten Weißweinen erkunden.
Wer hingegen das Nachtleben oder Strände sucht, wird hier nicht fündig. Die touristische Infrastruktur ist eher bescheiden, und ein eigenes Auto ist für die Erkundung der Umgebung unverzichtbar. Der Autoverkehr im historischen Zentrum stört manchmal die Ruhe des Ortes. Plane für die wichtigsten Sehenswürdigkeiten etwa zwei bis drei Tage ein.
Ein angemessenes Budget für das Burgund
Rechne mit 80 bis 120 Euro pro Tag für ein Paar inklusive Unterkunft. Ein Doppelzimmer in einem charmanten Hotel kostet zwischen 70 und 130 Euro. In Restaurants liegen die Mittagsmenüs bei 14-18 Euro, abends zwischen 25 und 40 Euro. Der Eintritt in die Abtei kostet 11 Euro.
Die Abtei und ihre Überreste: Was von einem Giganten blieb
Die abbaye de Cluny übte im Mittelalter Einfluss auf 1.400 Klöster in ganz Europa aus, von Polen bis Schottland. Ihre große Kirche war über 180 Meter lang und übertraf alle Kathedralen an Größe, bis der Petersdom in Rom im 16. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde. Dann folgten Religionskriege, die Revolution und der Stein-für-Stein-Abbruch zwischen 1798 und 1823. Heute steht nur noch ein Zehntel des ursprünglichen Bauwerks.
Der Besuch beginnt mit einem Film, der die Abtei in ihrer einstigen Pracht rekonstruiert. Danach besichtigt man den südlichen Querhausarm mit dem majestätischen Turm der Eau-Bénite, den Kreuzgang aus dem 17. Jahrhundert und die Kapelle Jean de Bourbon. Das Farinier, ein ehemaliger Getreidespeicher der Mönche aus dem 13. Jahrhundert, bewahrt unter seinem ursprünglichen Dachstuhl eine außergewöhnliche Sammlung skulptierter Kapitelle. Diese Kunstwerke stellen die acht Modi des gregorianischen Gesangs dar, ein weltweit einzigartiges ikonographisches Programm.
Tipp vom Experten: Erklimme die 120 Stufen der Tour des Fromages für einen 360-Grad-Panoramablick über die Dächer und das Umland. Ein Augmented-Reality-Bildschirm zeigt dort oben die Abtei, wie sie früher einmal aussah.
Der mittelalterliche Ortskern: Ein Spaziergang durch zwei Epochen
Cluny besteht nicht nur aus der Abtei. Die Stadt bewahrt etwa zwanzig romanische Häuser, die von der Straße aus sichtbar sind, bei Einbeziehung der Innenhöfe sind es über hundert. Folge einfach den im Boden eingelassenen Bronzenägeln mit dem Osterlamm-Motiv. Die rue Lamartine und die rue de la République versammeln die schönsten Fassaden mit Arkaden und Zwillingsfenstern. Die église Notre-Dame aus dem 13. Jahrhundert ist mit ihren Glasfenstern und dem lichtdurchfluteten Kirchenschiff einen Besuch wert.
Das Hôtel-Dieu, ein ehemaliges Hospiz aus dem 17. Jahrhundert, beherbergt ein zeitgenössisches Fresko des Künstlers Chaimowicz. Das Musée d'Art et d'Archéologie im Palast des Abtes Jean de Bourbon zeigt romanische Skulpturen, die vor der Zerstörung gerettet wurden, darunter eine Rekonstruktion des verschwundenen Hauptportals.
Das Nationalgestüt und die Reitkunst
Napoleon richtete 1806 ein Hengstdepot in den Klostergebäuden ein. Zwei Jahrhunderte später ist das Haras national de Cluny nach wie vor ein bedeutendes Reitsportzentrum. In den Ställen leben etwa zwanzig Pferde, die das ganze Jahr über an Vorführungen teilnehmen. Bei Führungen erfährst du mehr über die Geschichte des Gestüts und kommst den Tieren nahe. Eine Pferderennbahn für Trab- und Hindernisrennen ergänzt das Gelände.
Tipp vom Experten: Im Sommer bieten die "Jeudis de Cluny" kostenlose Reitvorführungen für Familien an.
Die Umgebung: Burgen, Felsen und romanische Dörfer
Sechs Kilometer nördlich thront die forteresse de Berzé-le-Châtel mit ihren dreizehn Türmen über den Weinbergen. Hier wurde der Film "The Last Duel" gedreht. Das château de Cormatin liegt 13 Kilometer entfernt und beeindruckt mit prunkvollen Interieurs aus dem 17. Jahrhundert sowie Gärten im französischen Stil. Etwas weiter bietet das befestigte Dorf Brancion mittelalterliche Gassen und Ausblicke auf das Tal der Grosne.
Im Südwesten ragt der Roche de Solutré wie ein Kalksteinkiel aus den Weinbergen empor. Die Wanderung zum Gipfel dauert knapp eine Stunde und belohnt mit einem spektakulären Blick über das Mâconnais. Es ist zudem ein bedeutender prähistorischer Fundort: Ein Museum am Fuß des Felsens dokumentiert 50.000 Jahre menschlicher Besiedlung.
Wo essen und trinken in Cluny?
Die burgundische Küche dominiert hier. Die Restaurants setzen auf bœuf charolais, das zarte, marmorierte Fleisch aus den umliegenden Weiden, escargots de Bourgogne in Kräuterbutter sowie fromages de chèvre AOP aus dem Mâconnais und dem Charolais. Die lokalen Weißweine begleiten diese Gerichte hervorragend: Pouilly-Fuissé, Saint-Véran oder Viré-Clessé.
Das Café du Centre "Chez Sissis" bietet bodenständige Brasserie-Küche mit einem Tagesmenü für etwa 14 Euro. Das Bistrot Marie-Lou überzeugt durch seine sorgfältig angerichteten Speisen und den Camembert mit Trüffeln. Für eine kreativere Küche kombiniert das Restaurant de l'Abbaye burgundische und asiatische Einflüsse, etwa bei den berühmten Schnecken-Frühlingsrollen. Jeden Samstagmorgen versammelt der Markt auf der place du Marché etwa sechzig regionale Erzeuger.
Wo übernachten in Cluny und Umgebung?
Im Stadtzentrum gibt es mehrere charmante Hotels, die von der Abtei aus bequem zu Fuß erreichbar sind. Das Hôtel de Bourgogne und das Hôtel de l'Abbaye bieten komfortable Zimmer in historischem Ambiente. Wer es origineller mag, findet im Art'Hotel & Spa Le Potin Gourmand ein Hotel in einer ehemaligen Töpferei mit Steinmauern, Spa und Gourmetrestaurant. In den umliegenden Dörfern gibt es zahlreiche Gästezimmer für Reisende, die die absolute Stille des Landes bevorzugen.
In der Nebensaison sinken die Preise deutlich. Buche im Juli und August, wenn Festivals stattfinden, unbedingt im Voraus.
Anreise und Fortbewegung in Cluny
Mit dem Auto aus Paris benötigst du über die Autobahn A6 bis zur Ausfahrt Mâcon-Sud etwa 4 Stunden. Von Lyon aus sind es lediglich 1 Stunde und 15 Minuten. Die Anreise aus Genève dauert etwa 2 Stunden. Die Bahn ist weniger praktisch: Du musst bis Mâcon-Loché TGV fahren und dann mit dem Auto oder Bus die restlichen 25 Kilometer nach Cluny zurücklegen.
Vor Ort ist ein Auto notwendig, um die Umgebung zu erkunden. Das historische Zentrum lässt sich jedoch bequem in einem halben Tag zu Fuß erschließen. Radfahrer werden die Voie Verte schätzen, die auf 70 Kilometern ausgebauter Strecke Chalon-sur-Saône über Cluny mit Mâcon verbindet.
Wann ist die beste Reisezeit?
Frühling und Herbst bieten den besten Kompromiss zwischen angenehmem Wetter und geringem Besucherandrang. Im Sommer klettern die Temperaturen auf etwa 25°C und die Festivals laufen auf Hochtouren: die Grandes Heures de Cluny im Juli und August für klassische Musik oder der Jazz Campus en Clunisois im August. Der Winter ist ruhig, jedoch schließen einige Sehenswürdigkeiten oder haben eingeschränkte Öffnungszeiten. Vermeide den November, wenn du das oft graue Wetter scheust.
Ich war von meinem Besuch in der Stadt Cluny angenehm überrascht. Das Stadtzentrum ist sehr schön und ziemlich belebt, zumindest während der Sommersaison. Die Straßen sind gut erhalten und bieten zahlreiche kleine Geschäfte sowie mehrere gute Restaurants. Verpassen Sie auf keinen Fall den Besuch der Abtei.