Brüssel, die Hauptstadt, die sich selbst nicht zu ernst nimmt
Es ist 8:00 Uhr morgens auf der Grand-Place. Die goldenen Fassaden der Zunfthäuser fangen die ersten Sonnenstrahlen ein, und der Duft von warmen Waffeln mischt sich mit dem Kaffeegeruch, der aus den umliegenden Brasserien strömt. Ein Kind auf einem Tretroller flitzt über das Kopfsteinpflaster, unbeeindruckt von der barocken Pracht um es herum.
Das macht den wahren Charakter der belgischen Metropole aus: eine Unesco-Welterbestadt mit Bodenhaftung, in der du in nur drei Schritten von einem gotischen Meisterwerk zu einer Tüte Fritten wechselst.
Europas unterschätzteste Hauptstadt
Viele Reisende hetzen im Eiltempo durch die Stadt, um direkt nach Brügge oder Gent weiterzureisen. Ein Fehler. Hinter ihrem Ruf als etwas graue Verwaltungsmetropole verbirgt sich in Brüssel eine kreative Energie und eine Gastronomieszene, die sich mit den großen Nachbarstädten messen kann. Die Stadt lässt sich in 2 bis 3 Tagen wunderbar zu Fuß erkunden, wobei jedes Viertel einen ganz eigenen Charakter zeigt.
Belgien hat drei Amtssprachen, doch Brüssel selbst ist offiziell zweisprachig, und diese Dualität ist an jeder Straßenecke spürbar: Schilder auf Französisch und Niederländisch, eine Mischung aus romanischen und germanischen Einflüssen sowie eine typisch belgische Portion Selbstironie. Eine Sprachbarriere musst du hier nicht befürchten, denn die meisten Brüsseler sprechen auch Englisch.
Perfekt geeignet für:
- Bierliebhaber, Schokoladenfans und Freunde deftiger Küche
- Fans von Comics und Jugendstil
- Budget-Städtetrip-Reisende, die schnell da sein wollen
- Familien mit Kindern dank spielerischer Museen und überschaubarer Stadtgröße
- Kulturliebhaber und Museumsbesucher
Weniger geeignet für:
- Reisende auf der Suche nach Sonnenschein und Hitze
- Strand- und Wassersportfans
- Urlauber, die weite Naturlandschaften oder Wanderwege suchen
Überschaubare Kosten für eine europäische Hauptstadt
Gute Nachricht: Brüssel ist deutlich günstiger als Paris, Amsterdam oder London. Die Preise steigen allerdings während wichtiger EU-Gipfel und Sitzungen, wenn die Hotels im Zentrum unter der Woche ausgebucht sind. Setze am besten auf Wochenenden, um von günstigeren Tarifen zu profitieren.
| Ausgaben | Preisspanne |
|---|---|
| Übernachtung in Jugendherberge oder einfachem Hotel | 25 bis 60 €* |
| Übernachtung in komfortablem Hotel oder charmantem B&B | 80 bis 140 €* |
| Essen auf die Hand (Fritten, Sandwich, Kebab) | 5 bis 10 €* |
| Restaurantbesuch (Hauptgericht und Getränk) | 18 bis 30 €* |
| Öffentliche Verkehrsmittel und eine Aktivität pro Tag | 10 bis 25 €* |
| Budget für Backpacker pro Tag | 60 bis 85 €* |
| Komfort-Budget pro Tag | 130 bis 200 €* |
Eine Stadt, die man leicht ins Herz schließt
Das historische Zentrum ist weitgehend autofrei, kompakt und lässt sich wunderbar zu Fuß erkunden. Das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel funktioniert zuverlässig: U-Bahn, Straßenbahn und Bus decken den Großteil des Stadtgebiets für 2,20 €* pro Fahrt ab, mit einem Tageshöchstsatz von 8 €*. Kontaktloses Bezahlen ist fast überall möglich, Bargeld brauchst du kaum.
Beim Wetter gilt Ehrlichkeit: Regen gehört zum Stadtbild dazu. Selbst im Sommer ist eine leichte Regenjacke dein bester Begleiter. Die Temperaturen bleiben das ganze Jahr über mild, im Winter sinken sie selten unter 0 °C und im Sommer steigen sie selten über 28 °C.
Sicherheit in Brüssel
Die Stadt ist für Touristen im Großen und Ganzen sicher. Die üblichen Vorsichtsmaßnahmen gelten: Pass in stark frequentierten Bereichen wie der Grand-Place oder der rue Neuve auf Taschendiebe auf. Abends meidest du am besten die Umgebung der Bahnhöfe Midi und Nord sowie einige Randbezirke wie Cureghem oder Molenbeek. Alleinreisende Frauen müssen tagsüber keine besonderen Schwierigkeiten befürchten.
Das historische Zentrum: von der Grand-Place bis zu den Marolles
Alles beginnt auf der Grand-Place, die zum Unesco-Welterbe gehört. Victor Hugo hielt sie für den schönsten Platz der Welt. Das gotische Hôtel de Ville und die prachtvollen Zunfthäuser übertreffen sich gegenseitig mit Verzierungen und skulptierten Details. Es ist der pulsierende Herzschlag der Stadt, der bei Tag und bei Nacht fasziniert, wenn die Fassaden beleuchtet werden.
Nur wenige Gehminuten entfernt zieht der Manneken-Pis die Menschenmassen an. Stell dich darauf ein: Die Statue ist gerade einmal 55 Zentimeter groß. Die Enttäuschung über die geringe Größe ist ein Klassiker, aber geh trotzdem wegen der Tradition hin. Der kleine Junge besitzt über tausend Kostüme, die im Musée de la Ville im Haus des Königs ausgestellt sind.
Ein Tipp unter Freunden: Meide die Restaurants in der rue des Bouchers direkt neben der Grand-Place. Die Kellner sind aufdringlich, die Preise überhöht und die Qualität meist mittelmäßig. Weiche stattdessen auf die Nebengassen oder das Viertel Sainte-Catherine aus.
Geh weiter hinunter in die Marolles, das typische Arbeiterviertel. Jeden Morgen breitet der Flohmarkt auf der place du Jeu de Balle seine Trödel-Schätze aus. Die Atmosphäre ist authentisch und weit weg vom Massentourismus. Hier hört man noch einen charmanten Brüsseler Dialekt, eine Mischung aus Französisch und Flämisch. Die rue Haute und die rue Blaes strotzen nur so vor Vintage-Läden, Galerien und Cafés, in denen sich die Einheimischen auf ein Gespräch treffen.
Der Mont des Arts und der Sablon: Kultur und Genuss
Der Mont des Arts vereint eine beeindruckende Dichte an Museen auf nur wenigen Hundert Metern. Das Musée des Instruments de Musique befindet sich in einem prachtvollen Jugendstilgebäude und bietet einen Audioguide-Rundgang, bei dem jedes Instrument zum Leben erwacht.
Gleich nebenan zeigen die Musées royaux des Beaux-Arts Werke von Bruegel, Rubens und eine ganze Etage, die Magritte gewidmet ist.
Wenn du mehrere Museen besuchen willst, verschafft dir die Brussels Card Zugang zu 49 Museen sowie zu den öffentlichen Verkehrsmitteln für 24, 48 oder 72 Stunden. Sie rechnet sich bereits ab dem dritten Museumsbesuch am Tag.
Das Viertel Sablon direkt unterhalb ist die Hochburg der Chocolatiers und Antiquare. Am Wochenende findet auf der place du Grand-Sablon ein Antiquitätenmarkt statt. Hier holen sich die Brüsseler ihre Pralinen für besondere Anlässe. Die Schaufenster von Pierre Marcolini oder Wittamer sind allein schon einen Blick wert, selbst wenn dein Geldbeutel anderer Meinung ist.
Sainte-Catherine und Dansaert: Brüssels neue Welle
Das Viertel Sainte-Catherine ist ein Paradies für Feinschmecker. Als ehemaliger Handelshafen und Fischmarkt hat es sich eine starke Tradition an Meeresfrüchte-Restaurants bewahrt. Der Noordzee / Mer du Nord, ein Fischstand unter freiem Himmel auf der place Sainte-Catherine, ist eine echte Institution. Hier isst du Krabbenkroketten im Stehen mit einem Glas Weißwein in der Hand, egal bei welchem Wetter.
Die rue Antoine Dansaert führt weiter in eine kreativere Welt. Belgische Designerboutiquen, Concept Stores und Cafés unabhängiger Röstereien machen sie zu einer der laut dem Magazin Time Out coolsten Straßen der Welt. Bei Avygeo finden wir, dass dies im Moment das spannendste Viertel der Stadt ist.
Ein Tipp unter Freunden: Für frisch gebrautes Bier solltest du am späten Nachmittag im Brussels Beer Project oder im Walvis vorbeischauen. Die Brüsseler Mikrobrauereien sprühen vor Einfallsreichtum und wechseln ihre Karten regelmäßig.
Vom Europaviertel zum Atomium: das andere Gesicht der Stadt
Das Europaviertel bildet einen krassen Gegensatz zum historischen Zentrum. Hier prägen die Gebäude des Europäischen Parlaments und der Kommission mit ihrer Glas- und Stahlarchitektur das Bild. Das Parlamentarium, ein interaktives und kostenfreies Museum, erklärt die Funktionsweise der Institutionen auf überraschend packende Weise. Direkt daneben bieten der Parc du Cinquantenaire und sein Triumphbogen einen majestätischen Rahmen für eine Pause.
Weiter nördlich auf dem Heysel-Plateau bleibt das Atomium das meistfotografierte Wahrzeichen der Stadt. Diese 102 Meter hohe Metallstruktur, die für die Weltausstellung 1958 erbaut wurde, stellt ein 165-milliardenfach vergrößertes Eisenkristall dar. Der Panoramablick von der obersten Kugel lohnt den Weg. Der Eintritt kostet etwa 16 €*.
Der Comic ist der andere große Stolz der Stadt. Das Centre belge de la bande dessinée in einem von Victor Horta entworfenen ehemaligen Kaufhaus zeichnet die Geschichte der Neunten Kunst von Hergé und Tintin bis zu zeitgenössischen Autoren nach. In den Straßen bilden über 60 Wandmalereien einen Open-Air-Comic-Pfad.
Wo du in Brüssel essen und trinken kannst
Die Brüsseler Küche lässt sich nicht auf Waffeln und Schokolade reduzieren. Moules-frites sind das Nationalgericht, das du am besten zwischen September und Februar genießt, wenn Muscheln Saison haben. Auch die carbonade flamande, ein in Dunkelbier geschmorter Rindfleischeintopf, und Waterzooi, eine cremige Hühnchen- oder Fischsuppe, lohnen den Umweg.
Für Fritten vergisst du am besten die touristischen Stände im Zentrum und gehst direkt zur Maison Antoine an der place Jourdan oder zu Frit'Flagey. Bestelle dazu Samouraï-Sauce, eine scharfe Mischung aus Mayonnaise und Harissa, die vor Ort sehr beliebt ist. Bei den Waffeln gibt es zwei Schulen: die Brüsseler Waffel, leicht und rechteckig, und die Lütticher Waffel, dichter und süßer.
Belgisches Bier ist eine Welt für sich. Im Land werden rund tausend verschiedene Biere gebraut. Das Delirium Café mit seinen 2.000 Biersorten ist die berühmteste, aber auch touristischste Adresse. Für eine lokalere Atmosphäre probierst du À la Mort Subite, eine Brasserie mit unverändertem Dekor aus dem Jahr 1928.
Wie du nach Brüssel kommst
Mit dem Zug reist du am bequemsten an. Der Eurostar verbindet Paris Gare du Nord in 1h22 mit Brüssel-Midi, Tickets gibt es bei frühzeitiger Buchung ab 29 €*. Von Lille aus dauert es nur 35 Minuten. Auch OUIGO-Züge bieten die Strecke für noch weniger Geld um die 13 €* an, allerdings dauert es dann rund 3 Stunden.
Mit dem Auto erreichst du Brüssel von Lille in 1h15 und von Paris über die Autobahn A1 in 3h30. Das Parken im Stadtzentrum ist teuer und kompliziert: Rechne mit 2 bis 4 €* pro Stunde auf der Straße und nutze am besten die P+R-Parkplätze am Stadtrand mit U-Bahn-Anschluss.
Mit dem Flugzeug ist der Flughafen Brüssel-Zaventem in 20 Minuten per Zug mit dem Zentrum verbunden. Der Flughafen Charleroi-Bruxelles Sud, Basis der Billigairlines, liegt weiter entfernt: Rechne mit rund 1 Stunde Shuttle-Bus. Von Frankreich aus ist der Zug oft schneller und unkomplizierter als das Flugzeug von Haustür zu Haustür.
Wie du dich in Brüssel fortwegst
Das Zentrum lässt sich hervorragend zu Fuß erkunden. Für größere Distanzen deckt das Netz der STIB die Stadt mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus ab. Die Fahrt kostet mit der MOBIB-Karte 2,20 €*, gedeckelt bei 8 €* pro Tag. Die Brussels Card schließt die unbegrenzte Nutzung der Verkehrsmittel ein, falls du dich für diese Option entscheidest.
Das Auto ist im Stadtzentrum nicht zu empfehlen: dichter Verkehr, seltene und teure Parkplätze. Taxis sind teuer, rechne für eine kurze Fahrt mit mindestens 10 bis 15 €*. Uber funktioniert, aber die Tarife bleiben hoch. Das Leihradsystem Villo! existiert, allerdings ist der Brüsseler Straßenverkehr nicht gerade der einladendste für Radfahrer.
Wann du reisen solltest
Frühling und Frühherbst bieten den besten Kompromiss aus angenehmem Wetter und überschaubarem Andrang. Der Sommer bringt Wärme und Events wie das Belgian Beer Weekend auf der Grand-Place, aber die Stadt ist voller. Im Winter wärmen Weihnachtsmärkte trotz des grauen Himmels die Atmosphäre auf. Nach Möglichkeit meiden solltest du die Wochen großer EU-Gipfel, in denen die Hotelpreise explodieren und der Verkehr gestört ist.
dans les commentaires du carnet de voyages " Voir les incontournables de Bruxelles en un week-end " publier par "Birdy"