Lille: Die Großstadt, die sich ihre dörfliche Seele bewahrt hat
Ein Duft von frisch gebackenen Waffeln liegt über der Grand'Place. Es ist Mittag, und die Außenterrassen sind trotz des wechselhaften Himmels gut besucht. Überall hört man den singenden Akzent des Nordens. Die Einwohner von Lille haben eine eigene Art, eine einfache Kaffeepause in ein geselliges Erlebnis zu verwandeln. Hier hetzt niemand. Die Stadt hat sich trotz ihres modernen Auftretens als europäische Metropole den Charme eines flämischen Dorfes bewahrt.
Lille: Ein Ziel für Entdecker
Lille ist ideal für Reisende, die eine kompakte Stadt mit kultureller Tiefe suchen. Der Palais des Beaux-Arts steht den großen französischen Museen in nichts nach, die flämischen Fassaden in der Vieux-Lille erzählen jahrhundertealte Geschichten und die lokale Küche ist eine Entdeckung wert. Wer Craft-Bier mag, kommt hier voll auf seine Kosten, zumal die belgische Grenze nur 15 Kilometer entfernt ist.
Wer Sonnengarantie sucht, könnte enttäuscht werden. Das Klima im Norden ist unberechenbar, und Regenschauer sind selbst im Sommer keine Seltenheit. Wer zu gehetzt durch die Straßen läuft, verpasst das Wesentliche: Lille genießt man am besten langsam, in einem der gemütlichen Estaminets und beim Flanieren durch die kopfsteingepflasterten Gassen.
Günstig unterwegs in einer großen Stadt
Plane ein Budget von 70 bis 120 Euro pro Tag für ein Paar ein. Ein Essen in einem Estaminet kostet etwa 15 bis 25 Euro pro Person. Das Nahverkehrsnetz mit Metro und Straßenbahn ist effizient, ein Tagesticket schlägt mit 5,20 Euro zu Buche.
Vieux-Lille: Flämische Fassaden und glänzendes Kopfsteinpflaster
In der Vieux-Lille konzentriert sich der Großteil des architektonischen Erbes. Die meisten Häuser aus rotem Backstein und weißem Stein stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die rue de la Monnaie und die rue Esquermoise sind gesäumt von kleinen Boutiquen, Chocolatiers und Antiquitätenläden.
Der place aux Oignons ist ein winziger, ruhiger Rückzugsort abseits des Trubels, wo bei gutem Wetter einige Restauranttische im Freien stehen. Weiter nördlich überrascht die cathédrale Notre-Dame-de-la-Treille mit ihrer modernen Fassade aus lichtdurchlässigem Marmor, die erst 1999 fertiggestellt wurde.
Geheimtipp: Die rue de Gand wird von Touristen oft übersehen, beherbergt aber die besten Adressen für ein lokales Bier. Abends ist die Stimmung dort deutlich entspannter als auf der Grand'Place.
Vom Stadtzentrum bis zur Zitadelle
Die Grand'Place, offiziell bekannt als place du Général-de-Gaulle, ist das pulsierende Herz der Stadt. Die zentrale Säule erinnert an die österreichische Belagerung von 1792. Rundherum sind die Straßencafés immer gut gefüllt.
Auf dem Weg nach Westen solltest du dir für den Palais des Beaux-Arts einige Stunden Zeit nehmen. Besonders die flämische Malerei und die Reliefmodelle der befestigten Städte im Norden sind beeindruckend. Der Eintritt kostet 7 Euro, am ersten Sonntag im Monat ist er frei.
Die Citadelle, ein Entwurf von Vauban, ist noch immer eine militärische Anlage und für Besucher geschlossen. Der umliegende parc de la Citadelle bietet jedoch 60 Hektar Grünfläche, die bei den Einheimischen zum Laufen und für Picknicks beliebt ist. Der kostenlose Zoo ist vor allem für Familien ein Anlaufpunkt.
Wazemmes: Das lebendige Arbeiterviertel
Nur zehn Gehminuten vom Zentrum entfernt, wandelt sich die Atmosphäre in Wazemmes grundlegend. Dieses multikulturelle Viertel versprüht eine ganz eigene Energie. Orientale Lebensmittelgeschäfte finden sich neben traditionellen Frittenbuden, und in alten Ladenlokalen haben sich trendige Cafés etabliert.
Der marché de Wazemmes am Sonntagmorgen gehört zu den größten Märkten Frankreichs. Auf den Ständen stapeln sich Obst, Gemüse, Gewürze, Stoffe und Trödel. Es ist laut, lebhaft und zuweilen chaotisch. Wer den größten Ansturm meiden will, sollte vor 10:00 Uhr kommen.
Geheimtipp: Verlasse den Markt nicht, ohne eine fricadelle-frites an einem der Wagen zu probieren. Es ist fettig, einfach und typisch für den Norden.
Euralille: Architektur von Rem Koolhaas
Hinter dem Bahnhof Lille-Europe bildet das Viertel Euralille einen scharfen Kontrast zur historischen Altstadt. Das Geschäftsviertel wurde in den 1990er Jahren von Rem Koolhaas entworfen. Die wuchtige Architektur spaltet die Gemüter: Manche halten sie für visionär, andere für wenig ästhetisch.
Das Einkaufszentrum ist für Reisende weniger interessant, aber ein Spaziergang durch die Architektur lohnt sich. Der parc Matisse, der zwischen den Hochhäusern liegt, überrascht mit seiner Insel aus riesigen Bambuspflanzen.
Essen und Trinken in Lille
Die Küche in Lille ist deftig. Ein welsh, ein in Bier-Cheddar-Soße getränktes Toastbrot, hält für den ganzen Tag satt. Die carbonnade flamande, ein in dunklem Bier und mit Lebkuchen geschmortes Rindfleisch, wärmt an kalten Tagen. Als Dessert ist die gaufre fourrée mit braunem Zucker die lokale Spezialität.
Die estaminets führen die Tradition alter flämischer Tavernen fort. Dunkle Holztäfelung, karierte Tischdecken und alte Kneipenspiele schaffen ein authentisches Ambiente. Chez la Vieille in der rue de Gand und Le Barbue d'Anvers in der rue Saint-Étienne sind verlässliche Adressen. Wenn es um Bier geht, frage nach einem 3 Monts oder einem Jenlain aus der Region.
Unterkunft in Lille und Umgebung
Die Vieux-Lille bietet den meisten Charme, ist aber auch am teuersten. Rund um den Bahnhof Lille-Flandres findest du einen guten Kompromiss aus zentraler Lage und vernünftigen Preisen. Wazemmes zieht Reisende an, die ein lokales Flair und günstigere Unterkünfte suchen.
Wer mit dem Auto unterwegs ist, findet 15 Minuten entfernt in Roubaix günstigere Optionen. Die ehemalige Industriestadt erlebt einen kulturellen Aufschwung, besonders sehenswert ist La Piscine, ein Museum in einem ehemaligen Art-déco-Hallenbad.
Anreise und Fortbewegung
Mit dem TGV erreicht man Lille von Paris aus in 1 Stunde, von Brüssel in 35 Minuten und von Londres via Eurostar in 1 Stunde und 20 Minuten. Tickets ab Paris starten bei 19 Euro, wenn man rechtzeitig bucht. Der Flughafen Lesquin ist klein und bedient einige europäische Ziele; ein Shuttle verbindet ihn in 20 Minuten für 8 Euro mit dem Stadtzentrum.
Vor Ort deckt die automatische Metro VAL das gesamte Stadtgebiet ab. Die historische Altstadt ist sehr gut zu Fuß zu erkunden, zwischen der Grand'Place und der Zitadelle liegen nur 15 Minuten Fußweg. Das Leihradsystem V'Lille ist eine gute Ergänzung für längere Strecken.
Die beste Reisezeit
Frühling und Frühherbst bieten mit milden Temperaturen und weniger Touristen die besten Bedingungen. Der Sommer ist ebenfalls angenehm, wenn auch regnerisch. Die Braderie de Lille am ersten Septemberwochenende verwandelt die Stadt in einen riesigen Flohmarkt. Dann strömen zwei Millionen Besucher in die Stadt: Buche deine Unterkunft Monate im Voraus oder meide diesen Zeitraum, wenn du Menschenmassen nicht magst.
Comme disait Courbis, le Soleil est dans le cœur des gens :)