Kamakura besuchen: Wo das mittelalterliche Japan auf den Ozean trifft
Weniger als eine Stunde von Tokyo entfernt scheint die Zeit in dieser ehemaligen Samurai-Hauptstadt zwischen bewaldeten Bergen und dem Pazifik stillzustehen. Der Duft von Räucherstäbchen weht durch die Zen-Tempel, die kleine Bahn Enoden rattert so nah an Wohnhäusern vorbei, dass man fast hineingreifen könnte, und an den Stränden warten Surfer mit der gleichen stoischen Geduld wie Mönche bei der Zazen-Meditation auf die nächste Welle.
Kamakura ist jedoch kein starres Freilichtmuseum. Zwischen zwei Tempelbesuchen triffst du auf Hipster vor Design-Cafés, Teenager stehen für Süßkartoffel-Krapfen Schlange, und an den Wochenenden strömen die Tokyoter in Massen herbei, um eine Brise Meeresluft zu schnuppern.
Für Geschichts- und Naturfans (die keine Einsamkeit suchen)
Kamakura ist das ideale Ziel, wenn du Japan verstehen willst, ohne dich weit von Tokyo zu entfernen, und wenn du Tempel und Natur mit Strandvergnügen verbinden möchtest. Liebhaber buddhistischer Geschichte und Zen-Kultur kommen bei über 60 Tempeln voll auf ihre Kosten. Familien schätzen die gute Erreichbarkeit aus der Hauptstadt und die bewachten Strände. Wanderfreunde können den Waldwegen folgen, die die Tempel an den Hängen miteinander verbinden.
Wenn du Menschenmassen jedoch nicht ausstehen kannst, droht dir hier eine herbe Enttäuschung. An Wochenenden und während der Hortensienblüte im Juni quellen die beliebten Tempel über, und die Warteschlangen ziehen sich über Hunderte Meter. Im Sommer ist es an den Stränden extrem voll. Wer auf eine einsame Zen-Erfahrung wie aus dem Film hofft, wird eher auf die Rücken anderer Touristen schauen, die die gleichen Instagram-Motive ablichten.
Ein klassisches Reisebudget für Japan
Plane zwischen 100 und 130 Euro pro Tag und Person ein, um Kamakura in vollen Zügen zu genießen. Darin enthalten sind die Anreise aus Tokyo, Tempel-Eintritte (zwischen 200 und 500 JPY, ca. 1,20-3 Euro pro Person), Mahlzeiten in soliden Restaurants und eventuell eine Übernachtung. Die Mahlzeiten liegen zwischen 800 und 1.500 JPY (ca. 5-9 Euro) für ein einfaches Mittagessen und 2.500 bis 4.000 JPY (ca. 15-24 Euro) für ein Abendessen in einem guten Fischrestaurant. Die Fahrt von Tokyo nach Kamakura kostet etwa 950 JPY (ca. 6 Euro) pro Strecke.
Zen-Tempel: Meditieren zwischen Selfies
Der Große Buddha von Kotoku-in thront unter freiem Himmel, seit ein Tsunami im 15. Jahrhundert seinen schützenden Tempel zerstörte. Die 13 Meter hohe Bronzestatue zeigt Amida-Buddha in ewiger Gelassenheit, völlig unbeeindruckt von den Touristenmassen, die vor ihm posieren. Für 50 JPY (ca. 0,30 Euro) extra kann man das Innere der Statue besichtigen und feststellen, dass der Riese hohl ist. Komm früh am Morgen oder spät am Tag, wenn du ihn ohne Ellenbogeneinsatz bewundern willst.
Nur wenige Gehminuten entfernt schmiegt sich der Hase-dera Tempel an den Hang mit einem herrlichen Blick auf den Ozean. Die 9 Meter hohe Kannon-Statue mit ihren elf Köpfen wacht dort im goldenen Halbdunkel. Noch beeindruckender sind die Tausenden kleinen Jizo-Statuen, die die Wege säumen. Diese buddhistischen Gottheiten schützen verstorbene Kinder, und der Anblick der unendlichen Reihen mit ihren roten Lätzchen ist berührend. Im Juni und Juli verwandeln über 2.500 Hortensien die Hänge des Tempels in ein blau-violettes Blütenmeer.
Das unverzichtbare Tsurugaoka Hachimangu
Der Shinto-Schrein Tsurugaoka Hachimangu dominiert seit dem 12. Jahrhundert das Zentrum von Kamakura. Hier etablierte der Shogun Minamoto no Yoritomo seine Macht und läutete die Ära der Samurai ein. Die Hauptallee mit ihren zinnoberroten Torii-Toren und die beiden mit Lotosblumen geschmückten Teiche bilden eine Kulisse wie auf einer Postkarte. An Wochenenden finden hier oft traditionelle Hochzeiten und Zeremonien statt, die einen authentischen Einblick in die japanische Kultur bieten. Direkt daneben wimmelt es in der Einkaufsstraße Komachi-dori von Souvenirläden und Street-Food-Ständen.
Der Profi-Tipp: Um den Touristenströmen zu entgehen, beginne deinen Tag bei den Tempeln von Kita-Kamakura wie dem Engaku-ji oder dem Kencho-ji, dem ältesten Zen-Kloster Japans. Um 8:00 Uhr morgens bist du in diesen majestätischen Waldkomplexen fast allein und kannst den morgendlichen Gesängen der Mönche lauschen.
Der Hortensien-Tempel und der Bambuswald
Der Meigetsu-in, auch als Hortensien-Tempel bekannt, verdient seinen Ruf auch außerhalb des Juni. Das runde Fenster im Hauptgebäude rahmt den Garten wie ein lebendiges Gemälde ein, das sich mit den Jahreszeiten wandelt: Kirschblüten im Frühling, sattes Grün im Sommer, leuchtende Ahornblätter im Herbst. Während der Hortensienzeit solltest du vor der Öffnung um 8:30 Uhr da sein, um das Gedränge zu vermeiden. Die etwa 2.500 Himeajisai-Pflanzen tauchen den Garten dann in ein intensives Blau, das als Meigetsu-in-Blau bekannt ist.
Weiter südlich versteckt der Hokoku-ji einen überraschenden Bambuswald, in dem das einfallende Sonnenlicht eine fast unwirkliche Atmosphäre schafft. Sicher, er ist viel kleiner als in Arashiyama bei Kyoto, aber die Stille ist absolut. Gönn dir nach dem Spaziergang eine Matcha-Teezeremonie (500 JPY, ca. 3 Euro) im Pavillon mit Blick auf den Garten. Die Bitterkeit des Tees beim Betrachten des hypnotischen Grüns der Bambusstämme ist ein Moment der absoluten Ruhe.
Der Profi-Tipp: Die Wanderwege Daibutsu, Tenen und Giontama verbinden mehrere Tempel durch die bewaldeten Hügel. Rechne mit 1 bis 2 Stunden einfacher Wanderzeit durch die Natur, mit Felsengräbern (Yagura) und tollen Aussichtspunkten über die Stadt. Im Dezember leuchten hier die Herbstfarben besonders spektakulär.
Die Küste und der Retro-Charme der Enoden
Die Strände von Yuigahama und Zaimokuza ziehen die Tokyoter bei den ersten Sonnenstrahlen an. Erwarte keinen weißen Traumstrand: Es ist typischer japanischer grauer Sand, und im Sommer ist die Dichte der Menschen so hoch wie in der U-Bahn zur Rushhour. Aber die kalifornische Atmosphäre, die Surfer am frühen Morgen und die Strandbuden (Umi no Ie), die von Juli bis August Bier und Yakisoba servieren, verleihen Kamakura seine einzigartige Küstenseele.
Die kleine elektrische Bahn Enoden, die Kamakura mit Fujisawa verbindet und die Küste entlangfährt, verkörpert das Retro-Japan, das man für längst verschwunden hielt. Die bunten Züge aus den 1950er Jahren fahren durch so enge Passagen, dass man aus dem Fenster fast die Häuser berühren könnte, streifen den Strand, wo die Wellen rollen, und halten an winzigen Bahnhöfen zwischen Meer und Bergen. Die Durchfahrt vor der Schule an der Station Kamakurakoko-mae, berühmt aus dem Anime Slam Dunk, zieht Pilger an, die die Szenen aus dem Vorspann nachstellen wollen.
Der Profi-Tipp: Kauf dir einen Enoshima-Kamakura Free Pass (1.640 JPY, ca. 10 Euro), der die Hin- und Rückfahrt ab Shinjuku und unbegrenzte Fahrten mit der Enoden beinhaltet. Wenn du Zeit hast, fahre bis zur Insel Enoshima, die über eine Brücke erreichbar ist: Schreine, Meereshöhlen, Blick auf den Berg Fuji bei klarem Wetter und fangfrische Meeresfrüchte warten dort.
Meeresaromen und süße Leckereien
Die unumgängliche lokale Spezialität ist Shirasu: winzige, durchsichtige Sardellen- oder Sardinenbrut aus der Bucht von Sagami. Man isst sie roh (in der Saison von März bis Dezember) oder gekocht, serviert auf einer Schüssel dampfendem Reis mit Ingwer und Frühlingszwiebeln. Shirasu-don gibt es in Dutzenden Restaurants, aber die besten Adressen liegen nahe den Häfen von Koshigoe und Hase. Das Restaurant Shirasuya in Koshigoe wird direkt von Fischern betrieben und serviert unschlagbare Portionen, plane aber 40 Minuten Wartezeit ein.
In der Einkaufsstraße Komachi-dori solltest du die taubenförmigen Kekse von Toshimaya (eine lokale Institution seit 120 Jahren), die Curry-Buns von Giraffa (gefüllt mit 30 Gewürzen und schmelzendem Käse) oder Takoyaki mit Shirasu bei Kamakura J's probieren. Überraschend lecker: das Eis aus violetter Süßkartoffel von Imoyoshi, cremig und nicht zu süß, wurde unter Besuchern zum Kult.
Der Profi-Tipp: Für ein echtes vegetarisches Shojin Ryori (buddhistische Tempelküche) reserviere im Restaurant Hachinoki nahe dem Kencho-ji. Diese raffinierten Gerichte ohne tierische Proteine, serviert in lackierten Schalen, spiegeln die Zen-Philosophie des Respekts vor der Natur wider.
Wo essen und trinken in Kamakura?
Neben dem allgegenwärtigen Shirasu zeichnet sich Kamakura durch sein lokal angebautes Gemüse namens Kamakura-yasai und eine überraschend entwickelte Café-Szene aus. Kamameshi, Reis, der in einem gusseisernen Topf mit Meeresfrüchten und saisonalem Gemüse gegart wird, genießt man im Kamakama nahe dem Bahnhof. Für Burger nach dem Strandbesuch grillt Good Mellows in Yuigahama seine Steaks über Holzkohle in einer entspannten Surfer-Atmosphäre. Liebhaber von hausgemachten, frischen Soba-Nudeln gehen ins Matsubara-an, ein traditionelles Haus mit Gartenterrasse, wo die Nudeln direkt vor deinen Augen zubereitet werden.
Bei den Süßspeisen belegt das Tsubame Cafe ein altes japanisches Haus, in dem Teishoku (komplette Mittagsmenüs) auf sorgfältig ausgewähltem, handgefertigtem Geschirr serviert werden. Das Mont Blanc Stand bietet ausschließlich Desserts auf Kastanienbasis an, deren Geschmack je nach Saison variiert. Und für einen Matcha in zeremonieller Qualität hat das aus Kyoto stammende Hatoya eine Filiale eröffnet, die je nach Jahreszeit sieben verschiedene Sorten serviert.
Wo schlafen in Kamakura und Umgebung?
Die meisten Besucher kommen für einen Tagesausflug aus Tokyo, aber eine Übernachtung ermöglicht es, Kamakura am frühen Morgen vor der Ankunft der Massen zu erkunden. Die Unterkunftsoptionen sind begrenzt und recht teuer. Nahe dem Bahnhof von Kamakura bietet das Hotel Metropolitan moderne Zimmer ab 15.000 JPY (ca. 90 Euro). Für eine lokalere Erfahrung bieten einige Ryokans wie das Kamakura Rakuan traditionelle japanische Gastfreundschaft mit Tatami-Matten und Yukata; rechne mit 20.000 bis 30.000 JPY (ca. 120-180 Euro) pro Person inklusive Mahlzeiten.
Reisende mit kleinerem Budget wenden sich an Jugendherbergen wie das WeBase Kamakura nahe Yuigahama (Betten ab 3.000 JPY, ca. 18 Euro) oder suchen eine Unterkunft in Fujisawa oder Yokohama, die günstiger sind und über die Enoden-Bahn oder die JR-Linien angebunden sind. Die Stadtviertel in Strandnähe wie Yuigahama oder Zaimokuza bieten einige Gästehäuser mit Meerblick, ideal für Surfer am Morgen.
Anreise und Fortbewegung in Kamakura
Von Tokyo aus nimmst du die JR Yokosuka-Linie ab Tokyo Station (950 JPY, ca. 6 Euro, 55 Minuten) oder die JR Shonan-Shinjuku-Linie ab Shinjuku (950 JPY, ca. 6 Euro, 60 Minuten). Diese Linien sind im JR Pass enthalten. Eine malerische, aber längere Alternative: die Odakyu-Linie bis Fujisawa und dann die charmante Küstenbahn Enoden bis Kamakura. Der Enoshima-Kamakura Free Pass (1.640 JPY, ca. 10 Euro ab Shinjuku) beinhaltet Hin- und Rückfahrt sowie unbegrenzte Enoden-Fahrten.
Vor Ort lässt sich das Stadtzentrum bequem zu Fuß erkunden. Die Tempel von Kita-Kamakura und im Sektor Hase sind jeweils 20 bis 30 Gehminuten voneinander entfernt. Die Enoden bedient die Küstenorte effizient (310 JPY, ca. 2 Euro von Kamakura nach Hase). Städtische Busse erreichen die abgelegeneren Tempel wie den Hokoku-ji. Das Mieten von Fahrrädern (1.000-1.500 JPY, ca. 6-9 Euro pro Tag) nahe dem Bahnhof erleichtert das Vorankommen, aber pass auf die steilen Anstiege zu manchen Tempeln auf.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die besten Zeiten sind März bis April für die Kirschblüte und November bis Dezember für die leuchtenden Ahornblätter, bei angenehmen Temperaturen (10 bis 20°C) und weniger Menschen. Juni bis Anfang Juli lockt wegen der Hortensienzeit viele Besucher an, was zwar wunderschön, aber touristisch überlaufen ist und mit der Regenzeit zusammenfällt. Im Juli und August strömen die Sommergäste an die Strände, begleitet von feuchter Hitze (über 30°C) und maximalem Andrang. Der Winter (Januar bis Februar) bleibt mild (5 bis 15°C) und bietet bei klarem Wetter spektakuläre Ausblicke auf den Berg Fuji von der Küste aus, mit dem riesigen Vorteil nahezu menschenleerer Tempel.
Kamakura ist nur eine Stunde Zugfahrt von Tokio entfernt und eine angenehme Stadt, wenn man etwas Ruhe sucht. Verpassen Sie auf keinen Fall den großen Buddha! Sie können dort auch wunderschöne Tempel besuchen. Am zweiten Sonntag im April findet im Tsurugaoka Hachimangu das Kamakura Matsuri, also das Kamakura-Fest, statt. Dort können Sie Bogenschießen zu Pferd sehen, aber auch einen tollen traditionellen Tanz. Ich kann die Erfahrung nur empfehlen!