Der Papstpalast: Eine gotische Festung, die Rom siebzig Jahre lang die Stirn bot
Auf einem Felsvorsprung thronend, reckt der Papstpalast seine fünfzehntausend Quadratmeter aus hellem Stein wie eine Herausforderung an die Ewigkeit in den Himmel. Zwischen 1335 und 1352 ließen zwei bauwütige Päpste den größten gotischen Palastkomplex errichten, der jemals konzipiert wurde. Das Ausmaß entspricht dem von vier Kathedralen. Neun Päpste regierten von hier aus die westliche Christenheit, fernab der Unruhen in Rom, und verwandelten eine Stadt an der Rhône in das geistliche Zentrum des Abendlandes.
Warum diese päpstliche Festung einen mehrstündigen Besuch wert ist
Dieser Palast ist weit mehr als nur ein Denkmal. Er ist das architektonische Zeugnis einer Ära, in der das Papsttum beschloss, Rom zu verlassen und sich in der Provence niederzulassen. Von 1309 bis 1377 wurde Avignon zum nervösen Zentrum der geistlichen und weltlichen Macht der katholischen Kirche. Der gewaltige Bau gliedert sich in zwei Bereiche: den Palais Vieux (Alter Palast), der unter Benedikt XII. streng und befestigt erbaut wurde, sowie den Palais Neuf (Neuer Palast), der unter Clemens VI. prunkvoll und kunstvoll gestaltet wurde.
Seit 1995 gehört das Bauwerk zum UNESCO-Welterbe und öffnet fünfundzwanzig seiner Säle für die Öffentlichkeit. Jeder Besucher erhält kostenlos ein HistoPad, ein digitales Tablet mit sieben Sprachen, das die Pracht des 14. Jahrhunderts mittels Augmented Reality wieder zum Leben erweckt. Die kahlen Gewölbe gewinnen an Tiefe, blaue Wandteppiche mit Goldsternen kehren an die Decken zurück und die nackten Mauern erstrahlen in ihren ursprünglichen Farben.
Die Prunksäle, in denen Könige und Kardinäle verkehrten
Der Grand Tinel und seine legendären Festmähler
In diesem riesigen, achtundvierzig Meter langen Saal fanden die päpstlichen Bankette und die Konklaven zur Wahl neuer Päpste statt. Im 14. Jahrhundert war die hölzerne Kassettendecke hinter einem blauen Stoff verborgen, der mit goldenen Sternen den Sternenhimmel darstellte. Die angrenzenden Küchen konnten bis zu tausend Gäste versorgen. Überlieferungen zufolge standen gebratener Pfau, Reiher in Soße und gefülltes Spanferkel auf den Speisekarten.
Die Grande Chapelle Clémentine, eine schwebende Kathedrale
Mit zweiundfünfzig Metern Länge, fünfzehn Metern Breite und zwanzig Metern Gewölbehöhe sprengt diese Kapelle alle Vorstellungen. Clemens VI. wollte durch schiere Größe beeindrucken. Die Kreuzrippengewölbe streben in schwindelerregender gotischer Manier empor. Heute beherbergt der Cour d'honneur (Ehrenhof) des Palastes jeden Juli die prestigeträchtigsten Aufführungen des Festival d'Avignon und setzt damit die kulturelle Tradition der mäzenatischen Päpste fort.
Die Privatgemächer und ihre wundersamen Fresken
Im Herzen des sechsundvierzig Meter hohen Tour du Pape (Turm des Papstes) offenbaren die Privatgemächer eine unerwartete Intimität. Die Chambre du Cerf (Hirschkammer) beeindruckt durch ihre fresques profanes (weltlichen Fresken), die Matteo Giovannetti zwischen 1343 und 1348 malte: Szenen von Jagd, Fischfang und Ernte in Waldlandschaften von erstaunlicher Frische. An den Wänden der Chambre du Pape (Papstkammer) beobachtet ein aufmerksamer Hirsch den Papst von seinem Arbeitszimmer aus, ein Symbol für geistliche Wachsamkeit.
Die Kapellen Saint-Martial und Saint-Jean beherbergen die malerischen Schätze des Palastes. Zwischen 1344 und 1348 schuf Giovannetti hier unschätzbare Freskenzyklen, die das Leben der Heiligen erzählen. Die Szenen sind beschriftet und alphabetisch geordnet, was die mittelalterliche Gelehrsamkeit bezeugt. Diese bemalten Räume sind übrigens die einzigen, in denen aus Rücksicht auf die jahrhundertealten Pigmente das Fotografieren untersagt ist.
Der Tipp vom Experten: Kommen Sie in der Hochsaison direkt zur Öffnung um 9:00 Uhr, um die Säle noch in Ruhe zu erleben. Die Panoramaterrassen am Gipfel bieten einen herrlichen Blick auf Avignon, die Rhône und den Mont Ventoux. Planen Sie zwei gute Stunden für den gesamten Rundgang ein, etwas mehr sollten Sie sich für die Ausstellung Othoniel Cosmos Zeit nehmen.
Die päpstlichen Gärten und ihre botanischen Geheimnisse
Die kürzlich neu gestalteten Gärten des Palastes unterteilen sich in drei Bereiche, die über den Cour Maria Casarès zugänglich sind. Der verger Urbain V (Obstgarten Urbain V), seit 1927 ein öffentlicher Garten, bietet einen Spielplatz mit Tierskulpturen. Der jardin du Palais (Palastgarten) kultiviert mediterrane Pflanzen, die bereits im 14. Jahrhundert vorhanden waren: Rosmarin, Lavendel, Feigenbäume und Olivenbäume. Der jardin du Pape (Papstgarten) ist intimer und beherbergt den Greifenbrunnen sowie eine monumentale Pergola.
Diese Gärten schließen dreißig Minuten vor dem Bauwerk selbst. Für Einwohner von Avignon sind sie bei Vorlage eines Nachweises täglich kostenlos zugänglich. Sie eignen sich ideal für eine schattige Pause nach dem Aufstieg der fünfhundert Stufen, die den Innenparcours des Palastes ausmachen.
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Es ist faszinierend, sich vorzustellen, dass die Stadt Avignon einst genauso bedeutend war wie der Vatikan. Man kann sich den prächtigen gotischen Palast wirklich gut als Wohnsitz der Päpste vorstellen! Es geht eine beeindruckende Erhabenheit von ihm aus, die den Besucher regelrecht überwältigt. Eine kleine persönliche Empfehlung: Wenn Sie einmal die Gelegenheit haben, während des Festival d Avignon eine Vorstellung im Ehrenhof des Papstpalastes zu sehen, zögern Sie nicht! Das ist ein unvergessliches Erlebnis, bei dem man völlig die Zeit vergisst...