Pisa, die Stadt, die sich zu dir neigt
Es ist 8:00 Uhr morgens, das flache Licht der Toskana trifft auf den weißen Marmor der Piazza dei Miracoli, und du bist nahezu allein. Die Hunderte von Touristen, die gleich die groteske Pose einnehmen werden, um den Turm zu stützen, kommen erst in einer Stunde. Im Moment fegt der Wärter die Blätter zusammen, eine Katze überquert den Rasen, und dieser um 3,97 Grad geneigte Turm gibt dir das Gefühl, als würde sich die ganze Welt neigen.
Pisa überrascht diejenigen, die sich die Zeit nehmen, hinter das Klischee zu blicken. Als ehemalige Seerepublik, die einst mächtig genug war, um mit Genua und Venedig zu rivalisieren, als Geburtsstadt von Galileo Galilei und Universitätsstadt mit 90.000 Einwohnern, durch die der Arno fließt, gibt es jenseits des obligatorischen Urlaubsfotos viel zu entdecken.
Pisa, weit mehr als nur ein Fotostopp auf dem Weg nach Florenz
Seien wir ehrlich. Die meisten Besucher behandeln Pisa wie eine zweistündige Unterbrechung zwischen einem Billigflug und Florenz. Sie stürmen zum Turm, machen ihr Foto, essen ein überteuertes Panini in einer Touristenfalle und fahren wieder ab, mit dem Gedanken, die Stadt habe nichts weiter zu bieten. Das ist ein Fehler. Pisa ist ein ideales Ziel für alle, die Städte in menschlichem Maßstab, studentische Atmosphäre, mittelalterliche Kunst und die gute toskanische Küche schätzen, ohne die Preise von Florenz zu zahlen.
Die Stadt ist perfekt für Kulturliebhaber, Architekturbegeisterte der Romanik und Gotik sowie für alle, die einen strategischen Ausgangspunkt zur Erkundung der westlichen Toskana suchen. Sie ist zudem ideal für Familien: kompakt, flach, sicher und bequem zu Fuß zu erkunden.
Warum Pisa enttäuschen könnte
Wenn du das turbulente Nachtleben, Postkartenstrände oder Luxusshopping suchst, bist du hier falsch. Die Partyszene ist sehr studentisch geprägt und wenig glamourös. Der nächstgelegene Strand, Marina di Pisa, ist ein netter Kiesstrand, aber weit entfernt von den Badeorten der Amalfiküste. Und wenn du Pisa nur einen halben Tag widmest, wirst du tatsächlich nur die Menschenmassen um den Turm in Erinnerung behalten.
Praktische Hinweise: Eine Stadt, die man leicht für sich gewinnt
Pisa ist sicher, kompakt und komplett zu Fuß begehbar. Vom Bahnhof Pisa Centrale läufst du etwa 20 Minuten bis zum Turm. Italienisch ist natürlich die vorherrschende Sprache, aber in den touristischen Zonen kommst du mit Englisch meist problemlos weiter. Das Klima ist mediterran: heiß und trocken im Sommer, mild im Winter. Einziger Wermutstropfen: Die Monate Juli und August sind drückend heiß und überlaufen.
Ein sehr vernünftiges Budget für die Toskana
Pisa ist deutlich günstiger als Florenz oder Siena. Plane zwischen 60 und 100 Euro pro Nacht für ein ordentliches Doppelzimmer ein, 10 bis 20 Euro für eine komplette Mahlzeit abseits der Touristenpfade und etwa 27 Euro für das Kombiticket für den Turm und die Denkmäler der Piazza dei Miracoli. Mit einem Tagesbudget von 80 bis 120 Euro pro Person lässt sich die Stadt komfortabel genießen.
Die Piazza dei Miracoli und ihre Monumente: Der erste Eindruck
Auch wenn man das Bild in- und auswendig kennt, bleibt der erste Kontakt mit der Piazza dei Miracoli beeindruckend. Dieses grüne Rechteck, gesäumt von weißem Marmor, vereint den Dom, das Baptisterium, den monumentalen Friedhof und den berühmten schiefen Turm. Das Ensemble, das zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert zur Feier der maritimen Macht Pisas erbaut wurde, gehört zum UNESCO-Welterbe.
Der Dom Santa Maria Assunta ist ein Meisterwerk der pisanischen Romanik, mit seinem byzantinischen Mosaik in der Apsis und der goldenen Decke, die von den Medici hinzugefügt wurde. Der Eintritt ist zu bestimmten Uhrzeiten kostenlos. Das Baptisterium, das größte Italiens, besticht durch seine außergewöhnliche Akustik: Die Wärter führen dort regelmäßig Klangdemonstrationen durch, die für Gänsehaut sorgen. Der Camposanto, dieser monumentale Friedhof, beherbergt griechisch-römische Sarkophage und Fresken aus dem 14. Jahrhundert, darunter ein eindrucksvoller Triumph des Todes.
Tipp von einem Freund: Kaufe das Kombiticket für 27 Euro direkt auf der offiziellen Website der Opera della Primaziale Pisana. Es beinhaltet den Aufstieg auf den Turm und den Zugang zu allen Monumenten. Das Ticket nur für den Turm kostet bereits 20 Euro, sodass sich die Kombination schnell rentiert. Und komme früh am Morgen oder am späten Nachmittag: Das Licht ist schöner und die Menschenmassen sind deutlich erträglicher.
Das historische Zentrum: Wo Pisa pisanisch wird
Verlasse die Piazza dei Miracoli über die Via Santa Maria und gehe hinunter zum Fluss. Innerhalb weniger Minuten verschwinden die Souvenirverkäufer und die Stadt zeigt ein anderes Gesicht. Hier ist das Pisa der Studenten, der Märkte und der Aperitifs am Ufer des Arno.
Die Piazza dei Cavalieri und das Universitätsviertel
Die Piazza dei Cavalieri, der zweitgrößte Platz der Stadt, ist eine Konzentration von Macht und Geschichte. Der Palazzo della Carovana, im 16. Jahrhundert von Giorgio Vasari dekoriert, beherbergt heute die renommierte Scuola Normale Superiore, die von Napoleon nach dem Vorbild der ENS in Paris gegründet wurde. Direkt gegenüber verbindet der Palazzo dell'Orologio zwei ehemalige mittelalterliche Türme. In einem von ihnen wurde Graf Ugolino della Gherardesca, von Dante in der Göttlichen Komödie verewigt, eingesperrt und verhungerte dort mit seinen Söhnen.
Nimm danach den Borgo Stretto, die belebteste Fußgängerzone im Zentrum. Unter den mittelalterlichen Arkaden reihen sich Cafés, Buchhandlungen und Geschäfte aneinander. Das Tempo verlangsamt sich, die Atmosphäre ist die einer Stadt, die für sich selbst lebt, nicht nur für ihre Besucher.
Das Südufer des Arno: Via San Martino und Piazza della Pera
Überquere den Ponte di Mezzo und schlendere zur Via San Martino, der Lieblingsstraße der Pisaner. Hier gibt es so gut wie keine Touristen. Mittelalterliche und Renaissance-Fassaden, Restaurants wie das Numero Undici, wo man an großen Gemeinschaftstischen sitzt, und diskrete Weinbars. Am Ende der Straße trägt die Piazza della Pera (offiziell Piazza Gambacorti) ihren Spitznamen nach einem etruskischen Votivstein in Form einer Birne, der am Eingang des Platzes zu sehen ist. Es ist das Hauptquartier der Pisaner Jugend für den Aperitivo.
Die Überraschungen, die Reiseführer oft vergessen
Die Chiesa di Santa Maria della Spina, direkt am Ufer des Arno gelegen, ist ein gotisches Miniaturwunder. Erbaut im 13. Jahrhundert, um einen Dorn aus der Dornenkrone Christi zu beherbergen, bietet sie eine Fassade von atemberaubender Finesse, die sich im Fluss spiegelt. Der Zugang ist schnell und der Spaziergang dorthin führt am Arno entlang, fernab der Menschenmassen.
An einer Wand der Chiesa di Sant'Antonio Abate, auf der Südseite der Stadt, befindet sich Tuttomondo, ein riesiges Wandgemälde von Keith Haring aus dem Jahr 1989. Es ist sein letztes öffentliches Werk. Dreißig bunte Figuren, eine Ode an den Weltfrieden und ein markanter Kontrast zum mittelalterlichen Marmor der restlichen Stadt.
Für einen einzigartigen Blickwinkel steige auf die mittelalterlichen Stadtmauern (Mura di Pisa). Diese Befestigungsanlagen aus dem 12. Jahrhundert bieten eine seltene Perspektive auf den Turm und die Dächer der Stadt. Die gesamte Strecke ist 8,5 km lang, aber man kann auch nur einen Teil davon begehen. Der Eintritt kostet etwa 5 Euro.
Tipp von einem Freund: Die Piazza delle Vettovaglie, seit dem Mittelalter ein Marktplatz, beherbergt unter der Woche jeden Morgen einen Markt für frische Produkte. Hier konzentrieren sich auch die erschwinglichsten Bars und Restaurants der Stadt, die fast ausschließlich von Studenten besucht werden. Ideal für ein schnelles Mittagessen oder einen Aperitivo zu günstigen Preisen.
Außerhalb der Mauern: Natur und Ausflüge
Der Naturpark San Rossore erstreckt sich von Pisa bis zur Küste. Man kann ihn zu Fuß, mit dem Fahrrad oder in einer Kutsche erkunden. Es ist eine unerwartete grüne Lunge mit Pinienwäldern, Dünen und reicher Artenvielfalt. Für einen Halbtagesausflug lohnt sich die Certosa di Calci, ein monumentales Kartäuserkloster mit 1.500 Zimmern, das 13 km von Pisa entfernt liegt. Es beherbergt ein Naturkundemuseum und eine historische Apotheke.
Die Stadt Lucca, 25 Zugminuten entfernt, ist der perfekte Ausflug für einen Tag. Ihre Stadtmauern aus dem 16. Jahrhundert lassen sich mit dem Fahrrad befahren und ihr mittelalterliches Zentrum ist eines der am besten erhaltenen der Toskana.
Wo essen und trinken in Pisa?
Regel Nummer eins: Meide die Restaurants rund um die Piazza dei Miracoli. Die Preise sind überhöht und die Qualität selten überzeugend. Entferne dich fünf Minuten in Richtung Zentrum und alles ändert sich.
Die lokale Spezialität, die man unbedingt probieren muss, ist die cecina: ein dünner Fladen aus Kichererbsenmehl, knusprig am Rand und weich in der Mitte, heiß serviert mit einer Prise Pfeffer aus der Mühle. Bei Montino, einer Pisaner Institution, wird sie für ein paar Euro zusammen mit Pizza al taglio serviert. Eine weitere Kultadresse für Cecina ist Da Nando auf dem Corso Italia.
Für eine richtige Mahlzeit bietet I Porci Comodi hervorragende italienische Wurst- und Käseplatten sowie großzügig belegte Sandwiches. La Grotta in der Via San Francesco ist ein Klassiker für hausgemachte Pasta und toskanische Küche in einem Ambiente mit Steingewölben. Was Süßes betrifft, verpasse nicht die torta co' bischeri, einen typischen Pisaner Kuchen mit Reis, Schokolade, Pinienkernen und kandierten Früchten. Und für Gelato bietet La Bottega del Gelato auf der Piazza Garibaldi zwei Kugeln für 2 Euro an.
Wo übernachten in Pisa und Umgebung?
Das historische Zentrum ist die beste Wahl für einen Kurzaufenthalt. Das Viertel rund um den Borgo Stretto und die Piazza dei Cavalieri kombiniert die Nähe zu den Sehenswürdigkeiten, gute Restaurants und eine lebendige Atmosphäre. Für den kleinen Geldbeutel bieten die Umgebungen des Bahnhofs Pisa Centrale ordentliche Optionen ab 50-60 Euro pro Nacht im Doppelzimmer.
Mit einem komfortablen Budget solltest du auf B&Bs im Zentrum wie das Relais dei Mercanti oder den Palazzo Cini setzen, zwei gut bewertete Adressen. Für einen untypischeren Aufenthalt ermöglichen die Agriturismi in den Hügeln rund um San Giuliano Terme, die toskanische Landschaft mit der Nähe zur Stadt zu verbinden.
Wie kommt man nach Pisa und wie bewegt man sich fort?
Der Flughafen Galileo Galilei ist der wichtigste Flughafen der Toskana. Er wird von zahlreichen Billigfluggesellschaften aus Frankreich angeflogen, darunter Ryanair und easyJet ab Paris, Lyon, Marseille oder Bordeaux. Rechne mit 30 bis 80 Euro für den Hin- und Rückflug bei Vorabreservierung. Der Flughafen liegt nur 2 km vom Zentrum entfernt: 15 bis 20 Minuten zu Fuß oder eine kurze Fahrt mit dem Bus.
Von Florenz aus benötigt der Regionalzug etwa 1 Stunde (zwischen 8 und 10 Euro). Von Lucca aus reichen 25 Minuten Zugfahrt. Mit dem Auto verbindet die Autobahn A11 Florenz und Pisa in etwa 1 Stunde und 15 Minuten. Vor Ort erledigt man alles zu Fuß. Das Zentrum ist kompakt und weitgehend verkehrsberuhigt.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die besten Zeiten sind Mai-Juni und September-Oktober: milde Temperaturen, wunderschönes Licht und ein moderates Besucheraufkommen. Der Juni wird von Einheimischen besonders empfohlen. Vermeide wenn möglich Juli-August: Die Hitze ist drückend, die Preise steigen und die Piazza dei Miracoli ist überfüllt. Der Winter ist mild, aber einige Stätten haben verkürzte Öffnungszeiten.
Wenn ihr in Florenz seid, empfehle ich euch einen kleinen Ausflug nach Pisa, das man ganz einfach mit dem Zug erreichen kann. Auch wenn die Stadt kleiner ist als Florenz, gibt es dort einige absolute Sehenswürdigkeiten, darunter den berühmten Schiefen Turm von Pisa. Ich rate euch, den ganzen Tag dort zu verbringen, wenn ihr die wichtigsten Monumente besichtigen wollt.