Saint-Nazaire, die Stadt, die Meeresriesen baut
6:00 Uhr morgens an der Mündung der Loire. Der Rumpf eines riesigen Kreuzfahrtschiffs schiebt sich zwischen die Hafenkräne. In der Werft herrscht schon Hochbetrieb. Die Hafenarbeiter beginnen ihren Tag unter 85 Meter hohen orangefarbenen Portalkränen. Nur wenige hundert Meter entfernt trotzen die Betonbunker der ehemaligen U-Boot-Basis der Zeit. Da die Stadt nach 1945 zu 85 Prozent wiederaufgebaut werden musste, macht sie aus ihrer industriellen Vergangenheit kein Geheimnis, sondern eine Stärke.
Für Fans von Technik und Militärgeschichte
Dieses Ziel begeistert Liebhaber von Maschinenbau und Zeitgeschichte. Hier kann man Airbus-Werkstätten von innen sehen, ein echtes U-Boot besichtigen und die Werften erkunden, in denen die größten Passagierschiffe der Welt entstehen. Die Harmony of the Seas, die Queen Mary 2 und die France wurden hier gebaut. Die Betonarchitektur der Nachkriegszeit ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber die Stadt steht zu ihrer Identität als Arbeiter- und Hafenstadt.
Wer ein mittelalterliches Postkartenidyll sucht, ist hier falsch. Die Bombenangriffe von 1942 bis 1943 zerstörten 85 Prozent der Bausubstanz. Der Wiederaufbau in den 50er Jahren verlieh einigen Vierteln einen brutalistischen Charakter. Dafür entschädigen die 20 Strände und Buchten, die sich über 15 Kilometer Küstenlinie erstrecken. Der parc naturel régional de Brière in direkter Umgebung bietet zudem einen willkommenen Naturraum. Plane 2 bis 3 Tage ein, um die Stadt und ihr Umland zu erkunden.
Moderates Budget für ein Industrieziel
Rechne mit 70 bis 90 Euro pro Tag und Person. Geführte Touren durch die Industrieanlagen kosten etwa 15 Euro, ein Essen in einer Crêperie liegt bei 12 bis 18 Euro und 3-Sterne-Hotels starten bei 60 bis 70 Euro pro Nacht. Mit dem Liberté-Pass der STRAN-Busse für 4 Euro kannst du dich den ganzen Tag im gesamten Stadtgebiet bewegen.
Die U-Boot-Basis und ihre Attraktionen
Das Betonmonster dominiert schon bei der Einfahrt in den Hafen. Die Festung wurde ab 1941 in 16 Monaten von der deutschen Wehrmacht errichtet und verfügt über 9 Meter dicken Stahlbeton, der allen Bombenangriffen standhielt. Nach dem Krieg umgenutzt, beherbergt sie heute das Tourismusbüro, Konzerträume und zwei Hauptattraktionen.
Escal'Atlantic lässt auf 3.700 m² und in 27 inszenierten Räumen die Atmosphäre der Transatlantik-Liner wieder aufleben. Zu sehen sind Kabinen der ersten und dritten Klasse, der Maschinenraum, das Oberdeck und der Speisesaal mit den Originalleuchtern der France von 1962. Interaktive Elemente zeigen die Reise nach Amerika, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebt wurde. Die Panoramaterrasse auf dem Dach bietet einen 360-Grad-Blick auf die Mündung, die Brücke von Saint-Nazaire und die Werften. Dauer der Besichtigung: 90 Minuten. Preis: 15 Euro.
Auf der anderen Seite des Hafenbeckens, in der écluse fortifiée (befestigte Schleuse), liegt das sous-marin Espadon. Es war das erste französische U-Boot, das 1964 mit 65 Mann Besatzung unter dem arktischen Eis tauchte. Die Besichtigung erfolgt per Audioguide. Die beengten Verhältnisse sind beeindruckend: 60 Zentimeter breite Gänge, übereinandergestapelte Kojen, unzählige Kontrollanzeigen und der Maschinenraum mit seinen verschlungenen Rohren. Hier wird deutlich, wie die Lebensbedingungen der Seeleute während der Missionen im Kalten Krieg aussahen.
Tipp: Besuche unbedingt die Panoramaterrasse der U-Boot-Basis bei Sonnenuntergang. Das Licht auf der Flussmündung und den Werften ist spektakulär. Von diesem Punkt aus lässt sich zudem eine Kunstinstallation des Schweizer Künstlers Felice Varini betrachten.
Industriebesichtigungen: Die Seele der Stadt
Die Chantiers de l'Atlantique beschäftigen Tausende Menschen auf 110 Hektar Gelände. Die zweistündige Busführung startet mittwochs, samstags und sonntags an der U-Boot-Basis. Im Juli und August gibt es einmal wöchentlich eine englischsprachige Tour. Reservierung ist zwingend erforderlich. Man verfolgt den Bau eines Schiffes vom Stahlschnitt bis zum Ausrüstungsbecken. Das 22 Hektar große Dock, in dem die Schiffe montiert werden, ist schwindelerregend. Fotografieren ist aus Gründen der industriellen Vertraulichkeit untersagt.
Auch das Airbus-Werk kann mittwochs und freitags per Bus ab der U-Boot-Basis besichtigt werden. Reservierung mindestens 48 Stunden im Voraus und Personalausweis sind obligatorisch. In den riesigen Montagehallen nehmen die Rumpfsektionen aller Flugzeuge der Marke Form an, bevor sie nach Toulouse, Spanien oder Deutschland verschickt werden. A320, A330 und A350 durchlaufen Saint-Nazaire. Die Dimensionen der Anlagen sind beeindruckend.
Die Küste und ihre 20 Strände
Nur wenige Minuten vom Industriezentrum entfernt erstreckt sich die Côte d'Amour mit ihren Buchten und Sandstränden. Der plage de Monsieur Hulot in Saint-Marc-sur-Mer trägt den Namen der Figur von Jacques Tati, der dort 1953 seinen Film Vacances de Monsieur Hulot drehte. Eine Bronzestatue überblickt den Strand. Das Wohnviertel ist ruhig und bewahrt einige Villen aus der Belle Époque, die von den Bombardierungen verschont blieben.
Der wildere plage des Jaunais erstreckt sich über 500 Meter und liegt vor Granitfelsen. Im Juli und August wird der Strand bewacht, es gibt ausreichend Parkplätze und das Wasser ist flach. Die Felsen an den Enden bilden natürliche Becken, die bei Krabbenfischern beliebt sind. Direkt daneben versteckt sich der crique de Trébézy hinter dem Küstenpfad. Er ist wenig besucht, von Vegetation geschützt und ein echter Geheimtipp der Einheimischen.
Der sentier des Douaniers, besser bekannt als GR34, beendet hier seinen 2.000 Kilometer langen Verlauf vom Mont-Saint-Michel. Verschiedene Abschnitte führen an der Küste entlang Richtung Pornichet (14 km, 3:30 Stunden) oder La Baule.
Historisches und kulturelles Erbe
Das Écomusée zeichnet die Geschichte der Stadt vom 19. Jahrhundert bis heute nach. Zu sehen sind Modelle legendärer Ozeandampfer, in den 30er Jahren gebaute Wasserflugzeuge sowie Fotos der Bombenangriffe und des Wiederaufbaus. Der tumulus de Dissignac, ein 6.000 Jahre altes neolithisches Bauwerk, enthält zwei Megalithgräber. Im Sommer werden Führungen angeboten, die Anfahrt dauert 15 Minuten mit dem Auto von der U-Boot-Basis.
Street Art prägt das Stadtbild: riesige, sechs Stockwerke hohe Wandbilder der Amerikanerin Ellen Rutt oder rätselhafte Figuren der Chilenen Inti und La Robot de Madera im quartier Petit Maroc. Der zeitgenössische Kunstparcours Estuaire verbindet Nantes mit Saint-Nazaire und umfasst 34 Werke entlang einer 60 Kilometer langen Strecke. Das Tourismusbüro bietet dazu einen kostenlosen Führer an.
Wo kann man in Saint-Nazaire essen und trinken?
Die Halles Centrales, ein Bau aus den 50er Jahren, beherbergen den großen Markt, der jeweils am Dienstagmorgen, Freitagmorgen und Sonntagmorgen stattfindet. Dort gibt es Aal-Stände, internationale Produkte und lokale Erzeuger. Für bretonische Galettes gibt es im Zentrum zahlreiche Crêperien. Meeresfrüchte genießt man mit direktem Blick auf den Ozean auf den Terrassen von Saint-Marc-sur-Mer.
Die place du Commando, eine neu gestaltete Fläche direkt an der Mündung, konzentriert Bars, Imbisse und das Restaurant La Plage, das auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisiert ist. Die Atmosphäre ist entspannt, und sobald die Sonne herauskommt, füllen sich die Terrassen. Der marmitako, ein baskischer Thunfischeintopf, steht auf vielen Speisekarten.
Wo kann man in und um Saint-Nazaire übernachten?
Die meisten Hotels finden sich im Stadtzentrum nahe dem Bahnhof. Ibis Styles Centre Gare, Best Western Hotel de la Plage und Aparthotel Adagio Access bieten solide Qualität für 60 bis 90 Euro pro Nacht. Wer den Charme eines Badeortes bevorzugt, sollte in Saint-Marc-sur-Mer bleiben oder bis nach Pornichet und La Baule weiterfahren (10 km entfernt), wo das Hotelangebot deutlich größer ist.
Im Hinterland Richtung Trignac und Brière-Park gibt es familiäre Campingplätze. Ferienunterkünfte sind an der Küste reichlich vorhanden, doch im Juli und August ist eine frühzeitige Reservierung unerlässlich.
Wie kommt man nach Saint-Nazaire und wie bewegt man sich fort?
Es gibt täglich 13 direkte TGV-Verbindungen von Paris Montparnasse, die Fahrt dauert 3 Stunden. Von Nantes aus verkehren TER-Züge in 45 Minuten. Der aéroport de Nantes-Atlantique liegt 60 Kilometer entfernt. Ein Shuttle bringt dich in 20 Minuten zum Bahnhof Nantes, von wo aus es mit dem Zug weitergeht. Mit dem Auto ist Saint-Nazaire über die A11 von Paris (4:30 Stunden) oder die N171 von Nantes (1 Stunde) erreichbar.
Das Busnetz STRAN bedient das gesamte Stadtgebiet. Ein Einzelticket kostet 1,50 Euro, ein 10er-Ticket 12 Euro und der Liberté-Tagespass 4 Euro. Über eine Smartphone-App können Tickets gekauft und entwertet werden. Fahrräder können gemietet werden. Das Zentrum lässt sich gut zu Fuß erkunden, für die Industrieanlagen und Strände sind Bus oder Auto empfehlenswert.
Wann ist die beste Reisezeit?
Von Mai bis September herrschen die besten Bedingungen. Das Festival Les Escales Ende Juli lockt 30.000 Menschen für Weltmusik-Konzerte in den Hafen, oft mit internationalen Stars wie Iggy Pop oder Asaf Avidan. Die Grande Marée im Juni eröffnet die Saison mit einem riesigen Picknick am Strand. Den Winter solltest du eher meiden, da es an der Mündung oft neblig und windig ist.
Ähnlich wie Le Havre versetzt uns Saint-Nazaire in eine sehr industrielle Umgebung mit Sojageruch, was anfangs etwas abschreckend wirken kann.
Dennoch bietet die Stadt viele Aktivitäten. Escal’Atlantique lässt uns durch einen lehrreichen und sehr immersiven Rundgang in die faszinierende Welt der Kreuzfahrtschiffe eintauchen. Auch die Werften können mit einem Führer und nach vorheriger Reservierung besichtigt werden. Ein sehr beeindruckender Einblick in den Bau dieser maritimen Giganten, vom Zusammenbau des Rumpfes bis zum Stapellauf.
Was das Meer betrifft, ist Saint-Nazaire zwar nicht besonders gut zum Baden geeignet, aber die neu angelegte Promenade ist sehr angenehm für einen Spaziergang.