Martigues, die Stadt, in der sich die Maler niederließen
Auf dem Dach des Accademia Caffe legen Zugvögel jedes Jahr eine Rast ein. Ihr Spiegelbild zeichnet sich im Wasser des Kanals ab, das so unbeweglich ist wie ein Spiegel. Genau so entstand der Name des meistfotografierten Ortes in Martigues: der Miroir aux Oiseaux. Delacroix, Corot, Ziem, Dufy: Sie alle stellten ihre Staffeleien an diesem gepflasterten Kai auf, der von pastellfarbenen Fassaden gesäumt wird.
Drei Jahrhunderte später haben sich die bunten Boote kaum verändert. Die Fischer haben den Platz den Freizeitkapitänen überlassen, aber die Kulisse ist geblieben.
Die smarte Alternative zur überfüllten Côte d'Azur
Du suchst mediterranes Flair ohne die Menschenmassen der Riviera? Martigues ist genau das Richtige für dich. Die Stadt punktet mit ihren Kanälen, leicht erreichbaren Stränden und frischen Meeresfrüchten. Paare finden hier eine unaufgeregte Romantik, Familien bewachte Badebuchten und Kulturinteressierte ein unterschätztes künstlerisches Erbe. Plane einen halben Tag für das historische Zentrum ein, einen ganzen Tag, wenn du noch einen Strandbesuch und den Fischerhafen von Carro einplanst.
Wer wird enttäuscht sein? Alle, die nach großem Luxus oder ausschweifendem Nachtleben suchen. Martigues ist eine bodenständige Stadt, stolz auf ihre Arbeiterwurzeln und ihre Fischereitraditionen. Der Charme entfaltet sich für jeden, der diese Einfachheit zu schätzen weiß.
Ein wirklich fairer Preis
Die Preise lassen Stammgäste von Cassis oder Saint-Tropez vor Neid erblassen. Rechne mit 80 bis 120 Euro für ein Doppelzimmer in der Saison, 15 bis 25 Euro für ein Mittagessen mit Blick auf die Kanäle. Die Strände und die Personenfähre sind kostenlos.
Die Insel und ihre legendären Kanäle
Das historische Viertel heißt L'Île. Zwei Kanäle umschließen es seit 1232, als drei Fischerdörfer miteinander verschmolzen. Der Miroir aux Oiseaux liegt hier, direkt am quai Brescon. Man erreicht ihn über die Treppen der pont Saint-Sébastien.
Die église de la Madeleine bildet den krönenden Abschluss am Ende des Kanals. Ihre Barockfassade stammt aus dem Jahr 1680. Im Inneren sind die Kanzel aus Walnussholz von 1694 und die Fresken des Katalanen Michel Serre sehenswert. Den Rest von L'Île erkundet man am besten ohne Plan, von schattigen kleinen Plätzen bis hin zu gewölbten Durchgängen.
Tipp vom Experten: Die kostenlose Personenfähre verbindet die drei Stadtteile in 13 Minuten und hält an vier Stationen. Steig in Jonquières ein und fahre bis Ferrières: So hast du den schönsten Blick auf die Stadt vom Wasser aus.
Die Strände der Côte Bleue
Nur zwanzig Autominuten vom Zentrum entfernt reiht die Côte Bleue feine Sandbuchten vor den weißen Calanques auf. Der plage de Sainte-Croix ist ideal für Erwachsene, die Ruhe suchen. Klares Wasser, flacher Einstieg, keine fliegenden Händler. Der direkt daneben liegende plage du Verdon bietet mehr Infrastruktur: Bars, Restaurants, Tretbootverleih und ein Beachvolleyballfeld.
Beide Strände tragen seit mehreren Jahren die Pavillon Bleu Auszeichnung. Für mehr Charakter empfiehlt sich ein Abstecher zum Dorf La Couronne und seinem Strand, der von alten Steinbrüchen aus hellem Kalkstein gesäumt ist. Dieser Stein wurde einst für den Bau des antiken Hafens von Marseille verwendet.
Carro und die maritime Tradition
Der Fischerhafen von Carro ist noch immer aktiv. Jeden Morgen löschen die Trawler ihren Fang auf den Ständen des marché aux poissons. Sei früh da: Um 9:00 Uhr sind die besten Produkte meist schon weg. Surfer kennen diesen Spot gut, der für seine Wellen bekannt ist, wenn der Mistral weht.
Im Juni organisiert das Comité des Fêtes eine Brasucade im Hafen. Dabei werden Muscheln über dem Holzfeuer nach einem alten Geheimrezept der Fischer zubereitet. Die Veranstaltung trägt das Siegel Marseille Provence Gastronomie.
Das Ziem-Museum und das künstlerische Erbe
Félix Ziem ließ sich in den 1840er Jahren in Martigues nieder, fasziniert vom Licht und den Spiegelungen auf dem Wasser. Kurz vor seinem Tod vermachte er der Stadt mehrere Gemälde. Das Musée Ziem befindet sich heute in der ehemaligen Zollkaserne. Dort findet man seine Ansichten von Martigues, aber auch von Venedig und Konstantinopel, Städte, die er ebenfalls liebte.
Die Sammlung erstreckt sich bis hin zur Marseiller Schule mit Loubon und Guigou, ergänzt durch die Fauvisten Picabia, Derain und Dufy. Der Eintritt ist günstig und das Museum selten überlaufen.
Wo kann man in Martigues essen und trinken?
Die lokale Spezialität ist die poutargue. Dabei handelt es sich um getrocknete Meeräschen-Rogen, die direkt im Kanal gefischt werden. Der kräftige, jodhaltige Geschmack ist nicht jedermanns Sache, aber Kenner schätzen ihn als Delikatesse. In dünnen Scheiben mit einem Spritzer Zitrone serviert, passt sie hervorragend zu einem Glas Weißwein aus Cassis oder einem Rosé der Côtes-de-Provence.
Das Restaurant Le Miroir bietet die begehrtesten Tische am quai Brescon. Marktküche, lokale Produkte, freier Blick. Reserviere früh für die Terrasse. La Cocotte de l'Île am Place de la Libération bietet herzhafte Gerichte zu kleinen Preisen. Für einen Fischteller mit Suppe, Seeteufel und Muscheln solltest du zu La Caravelle direkt am Meer gehen.
Eisliebhaber machen einen Abstecher zu Marco, der Martigues beim Gelato Festival World Master 2024 mit einem Sorbet aus Sorrent-Walnüssen und Provence-Honig vertrat.
Wo übernachtet man in Martigues und Umgebung?
Das Stadtzentrum bietet nur wenige Hotels, dafür aber einige charaktervolle Gästezimmer. Das Golden Tulip Martigues Provence ist eine sichere Bank, weniger als zwei Kilometer von den Kanälen entfernt. Für einen authentischeren Aufenthalt schau dich nach Ferienwohnungen im Viertel L'Île oder in der Nähe von Jonquières um.
Die Campingplätze an der Küste ermöglichen eine Kombination aus Baden und Stadterkundung. Das Camping Les Tamaris bietet direkten Zugang zu den Stränden. Wer lieber mit Blick auf den Étang de Berre schläft, findet Optionen bei Saint-Mitre-les-Remparts oder Istres, jeweils 15 Autominuten entfernt.
Wie kommt man nach Martigues und wie bewegt man sich fort?
Der Flughafen Marseille-Provence liegt 30 Minuten über die Autobahn A55 entfernt. Von Paris aus dauert der Flug 1:20 Stunden, danach empfiehlt sich ein Mietwagen. Die Bahn bedient drei Bahnhöfe im Gemeindegebiet: Martigues, Croix-Sainte und La Couronne. Die Strecke verbindet Marseille in etwa 45 Minuten.
Mit dem Auto von Aix-en-Provence aus solltest du 40 Minuten über die A55 einplanen. Von Arles aus führt die N568 durch die Landschaft des Étang de Berre. Parken ist auch im Sommer einfach. Mehrere kostenlose Parkplätze säumen das historische Zentrum.
Innerhalb der Stadt verbindet die kostenlose Personenfähre Bac de Martigues die Stadtteile über die Kanäle. Das ist das angenehmste und fotogenste Verkehrsmittel.
Wann ist die beste Reisezeit?
Mai, Juni und September bieten den besten Kompromiss aus angenehmem Wetter und moderatem Besucheraufkommen. Im Juli finden die großen Veranstaltungen statt: die Fêtes Vénitiennes mit Feuerwerk, das Festival Folklorique Mondial und gegrillte Sardinen unter den Platanen. Das Fête de la Saint-Pierre Ende Juni feiert den Schutzpatron der Fischer mit Prozessionen und Gemeinschaftsessen. Meide den August, wenn du Menschenmassen nicht magst.
Eine sehr charmante kleine Stadt! Ich fand, sie hat eine echte Identität. Ich habe es sehr genossen, durch die Straßen zu schlendern. Man ist wirklich direkt am Wasser, daher auch der Beiname Venedig. Im Sommer ist alles blumig und die Häuser sind bunt. Außerdem mangelt es nicht an Unterhaltung, egal ob man als Paar oder mit der Familie unterwegs ist. Zum Beispiel der Park von Figuerolles!