Varanasi, wo Leben und Tod aufeinandertreffen
Es ist 5:00 Uhr morgens. Die Sonne hat den Nebel, der über dem Ganges schwebt, noch nicht durchdrungen. Doch an den Ghats pulsiert bereits das Leben: Pilger tauchen in das heilige Wasser ein, ein Barbier rasiert auf den Stufen einen Kopf, Scheiterhaufen knistern, während ein Trauerzug zum Fluss hinabsteigt. Nur wenige Meter entfernt lassen Kinder Drachen steigen. Dieses radikale Nebeneinander von Sakralem und Alltag, von Tod und Spiel, ist das Wesen von Varanasi. Keine Stadt der Welt ist mit dieser vergleichbar.
Eine Erfahrung, die nicht für jeden ist
Varanasi ist kein gewöhnliches Reiseziel. Diese Stadt mit ihren drei Millionen Einwohnern gilt als spirituelle Hauptstadt Indiens und als einer der heiligsten Orte des Hinduismus. Die offenen Feuerbestattungen, der Geruch von Sandelholz gemischt mit den Ausdünstungen des Flusses, der permanente Lärmpegel und die sichtbare Armut können zutiefst verstörend wirken. Reisende auf der Suche nach Spiritualität, Liebhaber alter Kulturen und Fotografen finden hier jedoch ein unerschöpfliches Motiv.
Wer nach Komfort oder Sauberkeit sucht, ist hier falsch. Der Ganges weist eine enorme Verschmutzung auf, die Gassen sind von Kühen und Exkrementen bevölkert und an jeder Ecke lauern Betrügereien. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird Varanasi nicht mehr vergessen. Plane mindestens zwei volle Tage ein, um den ersten Eindruck zu verarbeiten und die Stadt ansatzweise zu verstehen.
Indien zum kleinen Preis
Varanasi zählt zu den preiswertesten Zielen in Indien. Ein ordentliches Zimmer in der Nähe der Ghats kostet zwischen 500 und 1.500 INR (ca. 5 bis 17 Euro) pro Nacht. Eine sättigende Mahlzeit als Street Food gibt es für 50-100 INR (ca. 0,55 bis 1,10 Euro). Eine Bootsfahrt auf dem Ganges wird für etwa 150-200 INR (ca. 1,65 bis 2,20 Euro) pro Person gehandelt, wobei Bootsführer Touristen oft 500 INR (ca. 5,50 Euro) abknöpfen wollen.
Die Ghats: 84 Stufen zum Heiligen
Das Wort ghat bezeichnet die riesigen Steintreppen, die zum Fluss hinabführen. Varanasi besitzt 84 davon, die sich über fast 7 Kilometer entlang des linken Ganges-Ufers erstrecken. Jedes hat seine eigene Geschichte, die meist mit einem König oder Mäzen verbunden ist, der es zur Anhäufung von gutem Karma erbauen ließ. Die klassische Route führt vom Assi Ghat im Süden bis zum Manikarnika Ghat im Norden: rechne mit 3 km Fußweg, was bei aufmerksamer Beobachtung mehrere Stunden in Anspruch nimmt.
Das Dashashwamedh Ghat ist das pulsierende Herz der Stadt. Der Legende nach hat Brahma hier zehn Pferde geopfert. Heute findet dort jeden Abend die Ganga Aarti statt, ein Ritual mit Feuer und Gebeten zu Ehren des Flusses. Priester schwenken riesige Öllampen, während die Menge singt und Blumenopfer ins Wasser gibt. Das Spektakel beginnt gegen 18:30 Uhr und dauert eine halbe Stunde.
Tipp vom Experten: Die Ganga Aarti am Dashashwamedh zieht immense Menschenmengen an. Für eine ruhigere Erfahrung empfiehlt sich ein Besuch am Tulsi Ghat oder am Assi Ghat, wo ähnliche Zeremonien in einer weniger touristischen Umgebung stattfinden.
Die Verbrennungen: der große Übergang
Täglich werden in Varanasi etwa 200 Körper an den Ufern des Ganges eingeäschert. Für Hindus ermöglicht der Tod an diesem Ort den Austritt aus dem Kreislauf der Reinkarnationen und den direkten Zugang zum moksha, der spirituellen Befreiung. Deshalb reisen Familien aus ganz Indien an, um ihre Angehörigen auf dieser letzten Reise zu begleiten. Das Manikarnika Ghat, das größte Krematorium, ist rund um die Uhr in Betrieb.
Die Scheiterhaufen brennen ununterbrochen. Etwa 400 kg Sandelholz werden für eine Verbrennung benötigt, und alles hat seinen Preis: die Holzart, der Standort des Scheiterhaufens, die Dienste des Priesters. Frauen wohnen der Einäscherung nicht bei, da ihre Tränen die Seele des Verstorbenen auf der Erde festhalten könnten. Kinder unter zehn Jahren, Schwangere und Sadhus werden nicht verbrannt, sondern direkt im Fluss bestattet, da sie als bereits rein gelten.
Tipp vom Experten: Das Fotografieren der Verbrennungen ist streng verboten und höchst respektlos. Wenn dir jemand anbietet, dich gegen eine Spende für Holz zu den Scheiterhaufen zu führen, handelt es sich um eine bekannte Masche. Beobachte das Geschehen diskret aus der Ferne oder von einem Boot in der Flussmitte aus.
Die Altstadt: ein 3.000 Jahre altes Labyrinth
Hinter den Ghats erstreckt sich ein Gewirr aus Gassen, die so eng sind, dass man sie galis nennt. Läden drängen sich aneinander, Tempel tauchen an jeder Kreuzung auf, Kühe versperren den Weg. Sich zu verlaufen gehört zur Erfahrung dazu. Der Kashi Vishwanath Tempel, Shiva gewidmet, ist der heiligste der Stadt. Seine mit 800 kg Gold bedeckte Kuppel glänzt über den Dächern. Nicht-Hindus dürfen das Hauptheiligtum nicht betreten, aber die Atmosphäre in den angrenzenden Straßen ist den Besuch wert.
Das Viertel Saint-Patern, wie es von den Kolonialherren genannt wurde, entspricht dem Standort der Stadt, die im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gegründet wurde. Die Straßen tragen noch immer die Namen der alten Handwerksberufe. Im Thatheri Bazaar arbeiten die Kupfer- und Messingschmiede. Wer nach goldbestickten Seidensaris sucht, sollte zum Markt in der Vishwanath Gali gehen.
Sarnath: die erste Predigt des Buddha
10 km von Varanasi entfernt liegt Sarnath, einer der vier heiligsten Orte des Buddhismus. Hier hielt der Buddha nach seiner Erleuchtung in Bodh Gaya seine erste Lehre. Der 34 Meter hohe Dhamekh Stupa markiert den genauen Ort dieser Predigt. Das archäologische Museum beherbergt den berühmten Löwen von Ashoka, das nationale Wahrzeichen Indiens.
Sarnath bietet einen starken Kontrast zum Chaos von Varanasi. Die Gärten sind friedlich, buddhistische Mönche meditieren in Stille. Es ist der ideale Ausflug, um nach der Intensität der Ghats wieder durchzuatmen.
Wo essen und trinken in Varanasi?
Street Food ist hier die Hauptsache. Das Kashi Chaat Bhandar an der Dashashwamedh Road serviert aloo tikki und dahi puri, für die die Leute bis auf die Straße anstehen. Die lassis von Varanasi sind legendär: dickflüssig, cremig und manchmal mit bhang versetzt, einer Cannabis-Zubereitung, die in diesem religiösen Kontext geduldet wird, aber mit Vorsicht zu genießen ist.
Für eine Mahlzeit mit Blick auf den Ganges bietet die Pizzeria Vaatika Cafe nahe dem Assi Ghat solide internationale Küche und Terrassen am Fluss. In der Altstadt gibt es immer mehr Rooftop-Restaurants: Suche nach denen, die bei Sonnenuntergang Sicht auf die Ghats bieten. Das Benarasi Dum Aloo, ein Gericht aus geschmorten, gewürzten Kartoffeln, ist die lokale Spezialität, die man unbedingt probieren muss.
Wo übernachten in Varanasi und Umgebung?
Es gibt zwei Optionen. Das Gebiet um das Assi Ghat im Süden zieht Reisende an, die etwas mehr Ruhe suchen. Es gibt dort viele Cafés und Yogakurse, und die Atmosphäre ist entspannter als im Zentrum. Das Ganges Grand und das Sri Omkar Palace bieten saubere Zimmer mit Blick auf den Fluss.
Wer direkt im Geschehen sein will, sollte eine Unterkunft nahe dem Dashashwamedh Ghat wählen. Dort gibt es zahlreiche familiengeführte Pensionen, oft in alten Gebäuden mit steilen Treppen. Das Ganpati Guest House verfügt über ein Restaurant auf der Terrasse mit Blick auf den Ganges. Achtung: Die Gassen sind ein Labyrinth, lass dich bei der Ankunft am besten vom Hotelpersonal abholen.
Wie nach Varanasi kommen und vor Ort bewegen?
Der Lal Bahadur Shastri Flughafen liegt 25 km vom Zentrum entfernt. Es gibt täglich mehrere Direktflüge von Delhi, Mumbai und Bangalore. Rechne mit etwa einer Stunde Transferzeit bis zu den Ghats, je nach Verkehrslage. Der Zug von Delhi benötigt je nach Verbindung zwischen 8 und 12 Stunden, mit Abfahrten ab Anand Vihar oder dem Bahnhof New Delhi.
Innerhalb der Stadt sollte man motorisierte Fahrzeuge für die Erkundung der Altstadt vergessen, da die Gassen zu eng sind. Das rickshaw oder tuk-tuk setzt dich am Eingang des alten Viertels ab. Danach geht alles zu Fuß. Für die Ghats empfiehlt es sich, früh am Morgen oder am späten Nachmittag ein Ruderboot zu mieten. Verhandle den Preis fest, bevor du einsteigst.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die beste Zeit ist von Oktober bis März, wenn die Temperaturen zwischen 5°C und 25°C liegen. Der indische Winter erlaubt es, die Ghats zu erkunden, ohne unter der Hitze zu leiden. Das Festival Dev Diwali, fünfzehn Tage nach Diwali, lässt den Ganges mit tausenden Lampen erstrahlen: ein beeindruckendes Schauspiel. Vermeide die Monsunzeit von Juni bis September, wenn der Wasserstand des Flusses gefährlich ansteigt und Bootsausflüge unmöglich werden.
In dieser Stadt kommen viele Pilger zusammen, um sich im Ganges zu reinigen, auf ihren Tod zu warten oder den eines Angehörigen zu begleiten. Um die Bestattungsriten zu verstehen, empfehle ich, sich einen Guide zu nehmen. Es gibt dort unglaublich viel zu sehen, wie zum Beispiel die Altstadt mit ihren dunklen, farbenfrohen Gassen und den Tempeln an jeder Straßenecke. Nicht verpassen: Die Aarti-Zeremonie, die abends bei Sonnenuntergang an den Ghats stattfindet.