Die Medina von Tunis: 13 Jahrhunderte lebendige Geschichte im Herzen der Stadt
Im ockerfarbenen Labyrinth der Medina von Tunis scheint die Zeit stillzustehen. Seit 1979 schützt die UNESCO dieses Juwel, in dem 700 Monumente die Geschichte einer Stadt erzählen, die vom 12. bis zum 16. Jahrhundert eine der mächtigsten Metropolen der islamischen Welt war. Hier bewahren 110.000 Einwohner in einem Gewirr aus Gassen, in denen jeder Stein eine Geschichte flüstert, eine jahrtausendealte Lebensart.
Warum fasziniert die Medina von Tunis so sehr?
Die um 698 rund um die Moschee Zitouna gegründete befestigte Stadt erstreckt sich über 280 Hektar und bleibt eines der am besten erhaltenen Beispiele arabisch-muslimischer Stadtplanung in Nordafrika. Unter den Almohaden- und Hafsiden-Dynastien strahlte Tunis als intellektuelles und wirtschaftliches Zentrum von Ifriqiya.
Prächtige Paläste, angesehene Madrasas und Karawansereien zeugen von dieser glanzvollen Vergangenheit. Die Architektur passt sich dem Klima an: Enge Gassen schützen im Sommer vor der Sonne und speichern im Winter die Wärme, während Häuser mit Innenhöfen als kühle Rückzugsorte dienen.
Das Besondere an der Medina ist, dass sie ein lebendiger Organismus geblieben ist. Kunsthandwerker arbeiten in ihren angestammten Werkstätten, Familien bewohnen die jahrhundertealten Häuser und die Souks pulsieren von einem Handel, der seit Generationen nicht abgerissen ist.
Die Souks: Eine sinnliche Reise zwischen Tradition und Handwerk
Jede Zunft besitzt ihren eigenen Souk, der seit dem Mittelalter nach einer präzisen Hierarchie geordnet ist. Nahe der Moschee Zitouna konzentrieren sich die angesehenen Berufe: Buchhändler und Parfümeure im Souk el-Attarine, wo der Duft ätherischer Öle in der Luft liegt. Etwas weiter bietet der Souk des Chéchias mit seinen hunderten, in kunstvollen Schaufenstern aufgehängten traditionellen roten Wollmützen ein einzigartiges Bild.
Der Souk des Étoffes präsentiert schimmernde Stoffe, während im Souk El Birka heute Juweliere und Sticker in den Läden arbeiten, die bis 1841 als Sklavenmarkt dienten. Die Handwerker arbeiten unter freiem Himmel: Weber, Töpfer, Kupferschmiede und Lederarbeiter führen ihre alten Techniken vor den Augen der Passanten fort.
Ein Tipp vom Experten: Meide Freitage und Sonntage, da an diesen Tagen viele Geschäfte geschlossen sind. Um den touristischen Pfaden zu entgehen, solltest du dich in die Gassen abseits der Hauptachsen wagen. Dort findest du Familienbetriebe, in denen die Handwerker gerne ihr Handwerk erklären. Handeln gehört zur kulturellen Erfahrung dazu, sollte aber immer mit gegenseitigem Respekt geschehen.
Architektonische Schätze, die du nicht verpassen solltest
Die Moschee Zitouna, das spirituelle Herz der Stadt
Die 732 auf den Überresten einer Kirche erbaute Moschee des Olivenbaums verdankt ihren Namen dem Baum, der einst ihren Innenhof schmückte. Sie wurde im 9. Jahrhundert umgebaut und diente jahrhundertelang als bedeutende islamische Universität. Ihr quadratisches Minarett im almohadischen Stil dominiert das Stadtbild der Medina. Nicht-Muslime können den Innenhof und die Außenarchitektur von Samstag bis Donnerstag zwischen 9:00 und 12:00 Uhr sowie von 14:00 bis 17:00 Uhr besichtigen.
Paläste und außergewöhnliche Wohnhäuser
Der Dar el-Bey, der Regierungspalast, verbindet harmonisch architektonische Stile verschiedener Epochen auf den vermuteten Ruinen eines römischen Theaters. Dar Hussein und Dar Lasram veranschaulichen die Lebensart der tunesischen Notabeln mit ihren mit Zellige-Fliesen verzierten Innenhöfen, bemalten Decken und ziseliertem Stuck. Der Tourbet el Bey, der im 18. Jahrhundert errichtet wurde, ist mit seinen mit polychromen Fayence-Fliesen bedeckten Wänden und Marmorgräbern das größte Mausoleum von Tunis.
Das authentische Erlebnis der Medina
Ein Spaziergang durch die Medina erfordert Zeit und die Bereitschaft, sich ein wenig zu verlieren. Monumentale Tore wie Bab el-Bhar (das Meer-Tor) markieren den Eingang von der Neustadt aus. Lass dich im Inneren von den Geräuschen leiten: Gebetsrufe, das Hämmern der Kupferschmiede und lebhafte Gespräche in den traditionellen Cafés, in denen der Minztee in Strömen fließt.
Die Panoramaterrassen bieten völlig neue Perspektiven. Steige auf das Café M'Rabet gegenüber der Moschee Zitouna, um den Blick über das Gewirr der Dachterrassen und die Minarette schweifen zu lassen. Diese Dächer sind ein eigener Lebensraum, wie es der Film Halfaouine von Férid Boughedir eindrucksvoll zeigt.
Einige persönliche Tipps:
- Für Kunsthandwerk-Liebhaber: Suche nach den Kalligrafie-Werkstätten im Centre des Arts Calligraphiques im Dar El Monastiri.
- Für Feinschmecker: Probiere das traditionelle Gebäck und das Brik in den kleinen Familienbetrieben der Wohnviertel.
- Für Fotografen: Die safrangelb gestrichenen Türen (Gelb ist eine heilige Farbe im Koran) mit ihren dekorativen, unheilabwehrenden Nägeln sind fantastische Motive.