Die Medina von Casablanca, ein geschichtsträchtiger Knotenpunkt zwischen zwei Welten
Inmitten der geschäftigen Wirtschaftsmetropole von Marokko verbirgt sich ein Viertel, das mit allen Erwartungen bricht. Die Medina von Casablanca wurde nach dem verheerenden Erdbeben von 1755 neu errichtet. Sie ist die jüngste Medina des Landes und zweifellos die ungewöhnlichste. Hier verschmilzt arabisch-muslimische Architektur mit Einflüssen aus Europa, was ein einzigartiges bauliches Mosaik schafft, das von drei Jahrhunderten kulturellen Austauschs erzählt.
Ein Phönix aus der Asche von Anfa
Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert florierte die Stadt Anfa als aktiver Hafen, bevor sie 1468 von den Portugiesen als Vergeltung für Piratenaktivitäten dem Erdboden gleichgemacht wurde. Der Ort geriet für drei Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst 1770 beschloss Sultan Sidi Mohammed Ben Abdallah, die Stadt wieder aufzubauen, und taufte sie in Dar El-Beïda, das Weiße Haus, um. Er ließ Moscheen, Hammams, Backöfen und Mühlen errichten und befestigte die Stadtmauern, um einen strategischen Verteidigungspunkt an der Atlantikküste zu schaffen.
Ab dem 19. Jahrhundert ließ sich eine bedeutende europäische Gemeinschaft in der Medina nieder. Drei Viertel der heutigen Bausubstanz stammen aus dem 20. Jahrhundert und zeugen von einer Zeit, in der die Medina Hotels, Restaurants, Konsulate und die erste Bank Marokkos beherbergte.
Eine Architektur, die ihresgleichen sucht
Was an dieser Medina verblüfft, ist ihre Architektur, die sich deutlich von anderen marokkanischen Medinas abhebt. Bürgerliche Wohnhäuser und Stadtpaläste mit hispanisch-maurischen Zügen präsentieren geschnitzte Holztüren, schmiedeeiserne Balkone und Fenster mit Moucharabieh-Gittern. Die Straßen sind oft breit genug für Autos, was einen starken Kontrast zu den verwinkelten Gassen der kaiserlichen Städte bildet.
In mancher Hinsicht erinnert die Medina mit ihren weißen Fassaden, maurischen Arkaden und andalusischen Patios an mediterrane Städte. Diese architektonische Einzigartigkeit spiegelt ihre kosmopolitische Geschichte wider, in der Europäer und Marokkaner in einem regen Handelsumfeld zusammenlebten.
Das monotheistische Dreieck als Symbol friedlicher Koexistenz
Im Herzen der Medina findet sich ein berührendes Zeugnis religiöser Toleranz. Das monotheistische Dreieck vereint die barocke spanische Kirche Santa Buenaventura, die heute entweiht ist und als Kulturzentrum dient, die Synagoge Ettedgui und die Moschee Ould El Hamra, das älteste Gotteshaus von Casablanca, das 1795 vollendet wurde. Die Moschee Hamra soll ihren Namen entweder von der roten Stadt Marrakesch haben, aus der ihr Erbauer stammte, oder von der Farbe seines mit Henna gefärbten Bartes.
Die jüdische Gemeinde war in der Medina sehr präsent, vor allem im Viertel Mellah. Lokale Legenden bereichern jeden Winkel. Die Geschichte von Lalla Taja, einer Wohltäterin der Kinder im 19. Jahrhundert, deren Mausoleum vom belgischen Konsulat finanziert wurde, bewegt Besucher bis heute.
Die steinernen Wächter: von der Sqala zu den Heiligtümern
Die Sqala bleibt eines der Juwelen der Medina. Diese befestigte Bastion wurde 1769 von Sidi Mohammed Ben Abdallah erbaut, um die Stadt mit imposanten, auf den Atlantischen Ozean ausgerichteten Kanonen zu schützen. Das Bauwerk ist von europäischen Befestigungen der Renaissance inspiriert und wurde von genuesischen Baumeistern errichtet. Heute beherbergt es ein maurisches Café-Restaurant und bietet eine entspannte Pause in einem andalusischen Garten mit Panoramablick auf den Hafen.
Heiligtümer säumen den Weg. Das Grab von Sidi Allal al-Kaïraouani, dem ersten Heiligen der Stadt, und die Koubba von Sidi Bou Smara sind wichtige Gedenkorte für die Einheimischen. Man betritt die Medina meist durch Bab Marrakech, das Marrakesch-Tor, eines der acht Tore, die einst die 6 bis 8 Meter hohen und 4 Kilometer langen Stadtmauern durchbrachen.
Die Seele der Souks zwischen Tradition und Moderne
Das Labyrinth aus engen Gassen beherbergt einen großen Souk, in dem Heimtextilien, Kunstschmiedearbeiten, Lederwaren und traditionelles Kunsthandwerk verkauft werden. Ein afrikanischer Markt namens Little Dakar bringt mit seinen subsaharischen Produkten eine neue Dynamik ein und zeugt von der kulturellen Vielfalt Casablancas.
Entgegen der Erwartung findet man in den Auslagen nicht nur Gewürze und Babouches (traditionelle marokkanische Pantoffeln), sondern auch Produkte großer europäischer Marken, die bei den Einwohnern beliebt sind. Die Obst-, Gemüse- und Fischmärkte bieten dennoch einen authentischen Einblick in den Alltag der Bewohner.
Ein Geheimtipp: Verpassen Sie nicht das kostenlose Centre d'interprétation du patrimoine (Zentrum für Kulturerbe), das sich in der Rue de la Marine in der Nähe der Moschee Ould El Hamra befindet. Dieser Besuch wird Ihr Verständnis der Geschichte Casablancas vor Ihrem Rundgang durch die Gassen erheblich vertiefen.
Das Leben in der Medina im Rhythmus von Casablanca
Um 5:00 Uhr morgens, wenn der Himmel im ersten Licht glüht, erwacht die Medina und die ersten Händler öffnen ihre Läden. Karren und Esel, beladen mit Waren, ziehen durch die Straßen, während die fliegenden Händler ihre Plätze einnehmen. Bei Einbruch der Dämmerung, wenn sich der Himmel tiefrot färbt, pulsiert die beleuchtete Medina noch immer vor menschlicher Betriebsamkeit, während eine sanfte Melodie zum Firmament aufsteigt.
Für eine kulinarische Pause setzen Sie sich auf den kleinen Platz, wo fliegende Händler Schüsseln mit in einer würzigen Brühe gekochten Schnecken servieren, die kochend heiß serviert werden. Die Medina liegt direkt im Stadtzentrum, nur 5 Gehminuten vom Bahnhof Casa-Port und dem Hafen entfernt, und bietet einen beeindruckenden Kontrast zur modernen Stadt, die sie umgibt.