Schloss Fontainebleau: Acht Jahrhunderte lebendige Geschichte
Etwa sechzig Kilometer südlich von Paris erstreckt sich das Schloss Fontainebleau wie ein riesiges Gedächtnis aus Stein, in dem jeder Raum und jede Galerie ein Kapitel französischer Geschichte erzählt. Mit seinen 1.500 Zimmern und einer 130 Hektar großen Parkanlage ist dieses Juwel, das seit 1981 zum UNESCO-Welterbe gehört, kein Schloss für einen einzelnen Herrscher gewesen. Es war ein Ort für alle: 34 Könige und 2 Kaiser haben hier zwischen dem 12. und 19. Jahrhundert ihre Spuren hinterlassen.
Warum ist das Schloss Fontainebleau so besonders?
Fontainebleau zeichnet sich durch seine bemerkenswerte Kontinuität aus. Es ist das einzige Schloss, das über acht Jahrhunderte hinweg von allen französischen Herrschern bewohnt wurde. Franz I. verliebte sich in das wildreiche Waldgebiet und wandelte das mittelalterliche Jagdschloss ab 1528 in einen Renaissance-Palast um. Er holte bedeutende Künstler wie Rosso Fiorentino und Francesco Primaticcio aus Italien an seinen Hof und begründete damit die Schule von Fontainebleau, die in ganz Europa stilprägend wurde.
Doch das Schloss wuchs weiter. Heinrich IV. ließ es erweitern, Ludwig XIV. ging hier ein und aus, und Marie-Antoinette gestaltete ihre privaten Gemächer nach ihrem Geschmack. Napoleon, der es als wahre Residenz der Könige und Haus der Jahrhunderte bezeichnete, ließ das Schloss 1804 innerhalb von nur 19 Tagen komplett neu einrichten, um Papst Pius VII. zu empfangen. Hier unterzeichnete er im April 1814 auch seine Abdankung und verabschiedete sich im Ehrenhof, der heute als cour des Adieux (Abschiedshof) bekannt ist, von seiner Garde.
Architektonische Höhepunkte
Die Galerie Franz I. und die Säle der Renaissance
Die galerie François Ier (Galerie Franz I.), ein Meisterwerk von Rosso Fiorentino aus den Jahren 1534 bis 1540, ist ein Paradebeispiel für die französische Renaissance. Ihre prächtigen Fresken verbinden Mythologie mit königlicher Symbolik in einer eindrucksvollen visuellen Harmonie. Verpassen Sie nicht den Ballsaal mit seiner Kassettendecke und den monumentalen Kaminen, die noch heute von den prunkvollen Festen des Hofes zeugen.
Das Napoleon-Apartment und das Museum
Das Musée Napoléon Ier (Napoleon-Museum) bewahrt eine faszinierende Sammlung persönlicher Gegenstände des Kaisers: von seinem legendären Zweispitz über sein Reise-Necessaire bis hin zu offiziellen Porträts. In den Privatgemächern findet sich der einzige noch existierende Thronsaal Napoleons, dessen Originalausstattung den Besucher in die feierliche Atmosphäre der Kaiserzeit eintauchen lässt.
Das kaiserliche Theater und die geheimen Gemächer
Das von Napoleon III. in Auftrag gegebene und 1857 eröffnete Théâtre Impérial (Kaiserliches Theater) war 150 Jahre lang in Vergessenheit geraten, bevor es wiederentdeckt und aufwendig restauriert wurde. Es ist nur im Rahmen von Führungen zugänglich und steht Versailles in Sachen Raffinesse in nichts nach. Nutzen Sie die Gelegenheit, um auch die kleinen Appartements von Ludwig XV. und das türkische Boudoir von Marie-Antoinette zu besichtigen, in denen sich die Orient-Leidenschaft des Ancien Régime zeigt.
Gärten und Park: Ein königlicher Spaziergang
Die Gärten von Fontainebleau tragen die Handschrift der bedeutendsten Gartenkünstler. Das Grand Parterre, das von André Le Nôtre und Louis Le Vau entworfen wurde, erstreckt sich über 11 Hektar und ist damit das größte seiner Art in ganz Europa. Flanieren Sie durch den englischen Garten, rudern Sie auf dem Karpfenteich oder erkunden Sie den Dianengarten. Wer es besonders mag, kann sich in einer Kutsche durch das Gelände fahren lassen oder bei einem Heißluftballonflug das Schloss und den umliegenden Wald aus der Vogelperspektive betrachten.
Weitere Orte, die Sie sehen sollten:
- L'escalier en fer à cheval (Hufeisentreppe): Eine architektonische Meisterleistung des 17. Jahrhunderts, die europaweit als Referenz gilt.
- La cour d'Honneur (Ehrenhof): Schauplatz von Napoleons Abschied und ein bewegender Ausgangspunkt für Ihren Besuch.
- Le musée chinois (Chinesisches Museum): Ein von Kaiserin Eugénie eingerichtetes Kuriositätenkabinett mit Schätzen aus Asien.
Der Tipp vom Experten: Kommen Sie spätestens um 9:30 Uhr an und starten Sie Ihren Rundgang vor 14:00 Uhr. So entgehen Sie den größten Menschenmengen und haben genug Zeit für die Räume, die ab 16:00 Uhr schrittweise schließen. Das HistoPad, ein Tablet mit Augmented Reality, ist in 12 Sprachen verfügbar und macht den Besuch zu einem interaktiven Erlebnis, das besonders bei Kindern ab 7 Jahren beliebt ist.
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Das Schloss Fontainebleau verbindet viele verschiedene Stile und hat eine etwas intimere Atmosphäre als manche großen Paläste. Die berühmte Hufeisentreppe verleiht dem Cour du Cheval Blanc eine theatralische Note. Einige französische Könige sowie Napoleon haben hier gelebt, und das spürt man in den sehr abwechslungsreichen Dekors. Wie so oft bei Schlössern gehören die Gärten zur Besichtigung dazu, und ich kann sie euch nur wärmstens empfehlen.