Schloss Chantilly, der fast vergessene Rivale von Versailles
Die Türme spiegeln sich in den Wassergräben wie eine Fata Morgana. Nur 40 km nördlich von Paris erstreckt sich dieses 115 Hektar große Anwesen. Es beherbergt nach dem Louvre die zweitgrößte Sammlung alter Gemälde in Frankreich, weitläufige Gärten von Le Nôtre und die prächtigsten fürstlichen Stallungen Europas. Das alles in einem deutlich intimeren Rahmen als bei seinem berühmten Nachbarn in Versailles.
Warum ein Besuch in Schloss Chantilly lohnt
Die Geschichte des Ortes liest sich wie ein Roman. Ursprünglich eine mittelalterliche Festung, wurde sie von Anne de Montmorency, einem Kampfgefährten von Franz I., in eine Residenz der Renaissance verwandelt, bevor sie in den Besitz der Prinzen von Condé überging. Es war Louis II. de Bourbon-Condé, bekannt als der Große Condé und Cousin von Ludwig XIV., der dem Schloss im 17. Jahrhundert zu seinem Glanz verhalf. Ein fürstlicher Wettstreit entbrannte, bei dem der Kanal von Chantilly den von Versailles in den Schatten stellen sollte.
Nach der Zerstörung während der Französischen Revolution wurde das Grand Château ab 1876 von Henri d'Orléans, duc d'Aumale, dem Sohn des letzten französischen Königs, vollständig wiederaufgebaut. Als leidenschaftlicher Sammler trug er eine riesige Kunstsammlung zusammen. Nach seinem Tod vermachte er alles dem Institut de France (französische Gelehrtengesellschaft) mit einer strengen Auflage: Kein Werk darf jemals Chantilly verlassen oder verliehen werden. Was du hier siehst, wirst du nirgendwo sonst auf der Welt finden.
Das Musée Condé und seine exklusiven Meisterwerke
Die Sammlung umfasst mehr als 800 Gemälde, 2.500 Zeichnungen und 30.000 Bücher. Darunter befinden sich Werke von Raphael, Botticelli, Poussin, Ingres und Delacroix, die noch immer so hängen, wie es der Herzog im 19. Jahrhundert anordnete. Die Säle haben sich seit der Eröffnung des Museums im Jahr 1898 kaum verändert. Diese in der Zeit eingefrorene Inszenierung, weit entfernt von moderner Museumsdidaktik, besitzt einen ganz eigenen Charme: Man besucht hier ebenso sehr ein Museum wie ein privates Sammlerkabinett.
Besonders sehenswert sind:
- Die Drei Grazien von Raphael und das Bildnis der Simonetta Vespucci von Piero di Cosimo
- Das Cabinet des livres, das das illuminierte Manuskript der Très Riches Heures du duc de Berry beherbergt, ein Meisterwerk des 15. Jahrhunderts, das nur selten öffentlich zu sehen ist
- Die Grande Singerie, ein um 1737 von Christophe Huet dekorierter Salon, in dem Affen in der Livree der Condés die Aktivitäten ihrer Herrschaften parodieren. Die sechs bemalten Paneele zeigen die fünf Sinne, die vier Kontinente und die Künste
Die Gärten: Vier Jahrhunderte Gartenkunst in einem Park
Der französische Garten
Er wurde von André Le Nôtre entworfen, noch bevor er seine Arbeit in Versailles begann. Er besticht durch kunstvolle Blumenbeete, Wasserbecken und einen über einen Kilometer langen Grand Canal. Das flache Licht am späten Nachmittag ist hier besonders beeindruckend, wenn sich die goldenen Reflexe auf dem stillen Wasser zeigen.
Der englische Garten und das Hameau
Dieser im 18. Jahrhundert angelegte Teil bildet einen starken Kontrast zur strengen Geometrie des französischen Gartens. Hier befinden sich der Tempel der Venus, die Île d'Amour und das Hameau, eine Gruppe von sieben rustikalen Häuschen, die noch vor dem berühmten Hameau von Marie-Antoinette in Versailles entstanden. In einem dieser Häuser befindet sich heute ein Restaurant, in dem man die berühmte Crème Chantilly probieren kann.
Die Grandes Écuries und die Legende von Vatel
Die zwischen 1719 und 1740 vom Architekten Jean Aubert erbauten Grandes Écuries (große Stallungen) erstrecken sich über 186 Meter. Ihr Auftraggeber, Louis IV. Henri de Bourbon-Condé, war überzeugt, als Pferd wiedergeboren zu werden, und wollte daher für eine standesgemäße Unterkunft vorsorgen. Heute beherbergen sie das Musée du Cheval (Pferdemuseum) und zeigen regelmäßig Reitvorführungen mit 27 Pferden und 10 Ponys.
Historische Anekdoten
In Chantilly nahm auch das tragische Schicksal von François Vatel, dem Maître d'hôtel des Großen Condé, seinen Lauf. Im April 1671, während eines Banketts für 2.000 Gäste zu Ehren von Ludwig XIV., verzögerte sich die Lieferung von Meeresfisch. Aus Angst vor einer Schande beging Vatel bei Tagesanbruch Suizid. Die Fischkarren trafen kurz nach seinem Tod ein.
Stammt die Crème Chantilly aus Schloss Chantilly?
Was die Erfindung der nach dem Schloss benannten Crème Chantilly betrifft, sind sich Historiker einig: Gesüßte Schlagsahne war in Europa bereits seit dem 16. Jahrhundert bekannt, lange vor der Entstehung dieses Ortes.
Tipp vom Experten: Reserviere dein Zeitfenster online, um 10 % Rabatt zu erhalten und die Warteschlange zu umgehen. Wähle möglichst einen Wochentag und komme direkt zur Öffnung. Die Räume des Musée Condé füllen sich nach 11:00 Uhr schnell, besonders an Wochenenden. Plane den ganzen Tag ein, um das Anwesen in Ruhe zu genießen.
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Weniger überlaufen als Versailles, bleibt dieser Ort eines meiner Highlights für einen Tagesausflug außerhalb von Paris. Auch wenn die Architektur des Schlosses nicht sonderlich beeindruckend ist, sind die Kulisse mit dem Wasser rund um das Gebäude und die französischen Gärten einfach sublim. Ich habe dort einen angenehmen Ausritt gemacht. Man muss kein guter Reiter sein, denn die Pferde kennen die Strecke in- und auswendig und finden ihren Weg von ganz alleine. Danach habe ich im Restaurant des Anwesens gegessen, der Auberge du Jeu de Paume. Es ist ziemlich teuer, aber die Gerichte und Desserts sind gut. Ihr könnt natürlich auch die hausgemachte Chantilly probieren!