Ein Stadtpalais im Glanz des Zweiten Kaiserreichs
Hinter dem Tor am Boulevard Haussmann 158 verbirgt sich eines der bestgehüteten Geheimnisse von Paris. Unter dem Glasdach des Wintergartens schimmert Marmor, eine monumentale Treppe schwingt sich in einer Doppelspirale nach oben, die physikalische Gesetze infrage stellt, und die Fresken von Tiepolo erzählen die Geschichte eines französischen Königs an den Wänden des Wohnhauses eines Bankiers.
Das Musée Jacquemart-André ist kein gewöhnliches Museum. Es ist eine Reise in die Privatsphäre eines leidenschaftlichen Paares, das sein Vermögen seinem Kunsthunger widmete.
Die Geschichte einer verzehrenden Leidenschaft
Édouard André, Erbe eines gewaltigen Bankvermögens, ließ dieses Stadtpalais zwischen 1868 und 1875 errichten. Der Architekt Henri Parent schuf ein Meisterwerk, das mit der Opéra Garnier wetteifern sollte. Doch alles änderte sich im Jahr 1872, als die junge Porträtmalerin Nélie Jacquemart beauftragt wurde, sein Bildnis zu malen.
Die Hochzeit im Jahr 1881 vereinte zwei unersättliche Sammler. Dreizehn Jahre lang bereiste das Paar Europa, von Italien bis England, und kehrte mit Gemälden, Skulpturen und kostbarem Mobiliar zurück. Nach dem Tod von Édouard im Jahr 1894 setzte Nélie diese Suche allein fort, bis sie das gesamte Anwesen 1912 dem Institut de France vermachte und ihr Wohnhaus in ein für die Öffentlichkeit zugängliches Museum verwandelte.
Die Schätze der ständigen Sammlungen
Französische Kunst des Zeitalters der Aufklärung
Die Prunksäle im Erdgeschoss beherbergen eine beeindruckende Sammlung französischer Kunst des 18. Jahrhunderts. Der Salon des Peintures stellt Werke von Boucher, Chardin und Nattier aus, während der runde Grand Salon eine Galerie von Büsten durch Coysevox, Houdon und Pigalle zeigt. Das Mobiliar ist von höchster Raffinesse, mit Kommoden von Riesener und Sesseln, die mit Tapisserien aus Beauvais bezogen sind.
Das italienische Museum, ein Heiligtum der Renaissance
Im ersten Stock befindet sich im ehemaligen Atelier von Nélie das Herzstück der Sammlung: das italienische Museum. Dieser Bereich, der zu Lebzeiten des Ehepaars André nur wenigen Privilegierten zugänglich war, versammelt die bedeutendste private Sammlung italienischer Malerei in Paris. Die Vierge à l'Enfant de Botticelli (Madonna mit Kind von Botticelli) steht neben Werken von Paolo Uccello und Skulpturen von Donatello. Auch die flämischen Primitiven sind mit Les Pèlerins d'Emmaüs de Rembrandt (Die Emmausjünger von Rembrandt) und Arbeiten von Van Dyck vertreten.
Venezianische Meister und ihre monumentalen Fresken
Während einer Reise nach Venedig im Jahr 1893 entdeckte das Paar zwei spektakuläre Fresken von Giambattista Tiepolo in der Villa Contarini. Sie erwarben die Stücke und ließen sie Paneel für Paneel demontieren. Die Aktion dauerte acht Monate. Heute schmücken diese Meisterwerke das Treppenhaus und das heutige Café, das ehemalige Esszimmer.
Eine theatralische Architektur, die begeistert
Die doppelläufige Treppe ist das Prunkstück des Hauses. Diese technische Glanzleistung von Henri Parent vereint Marmor, Stein, Eisen und Bronze zu einer überraschenden Leichtigkeit. Die beiden Treppenläufe winden sich in sich selbst und werden durch die Spiegel an den Wänden des Wintergartens unendlich vervielfacht.
Dieser jardin d'hiver (Wintergarten), eine Modeerscheinung aus England unter Napoléon III, ermöglichte es den Gästen, sich zwischen den prunkvollen Salons zu erfrischen. Die Glasdecke flutet den Raum mit Licht und lässt antike Skulpturen sowie exotische Pflanzen erstrahlen. Im Jahr 1876 zeigte sich die Zeitschrift L'Illustration begeistert von diesem architektonischen Wunder.
Ein Tipp vom Experten: Buchen Sie Ihr Ticket online, um Warteschlangen zu vermeiden, und bevorzugen Sie einen Besuch am Vormittag unter der Woche. Der kostenlose Audioguide bereichert das Erlebnis erheblich. Verpassen Sie nicht das Café im ehemaligen Esszimmer unter dem Tiepolo-Fresko, das auch ohne Museumsticket zugänglich ist.
Ein Besuch zwischen Intimität und Pracht
Der Rundgang führt Sie durch die Privatgemächer des Paares: das Schlafzimmer von Madame im Louis-XV-Stil, das Vorzimmer, in dem sie umgeben von Familienporträts frühstückten, die Bibliothek von Édouard und sein Raucherzimmer mit Erinnerungsstücken an ihre Reisen.
Die Wechselausstellungen, zwei bis drei pro Jahr, ziehen jährlich fast 400.000 Besucher an. Im Jahr 2024 gaben umfangreiche Restaurierungsarbeiten dem historischen Denkmal seinen vollen Glanz zurück, insbesondere dem monumentalen Treppenhaus und den Fresken von Tiepolo.
Nicht verpassen:
- Die doppelläufige Treppe und die Fresken von Tiepolo
- Die Vierge à l'Enfant von Botticelli im italienischen Museum
- Les Pèlerins d'Emmaüs von Rembrandt
- Der Wintergarten unter seinem hellen Glasdach
- Die Prunksäle mit ihrem Mobiliar aus dem 18. Jahrhundert
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Weniger bekannt als seine riesigen nationalen Konkurrenten, ist das Musée Jacquemart-André eines meiner Lieblingsmuseen in Paris. Der Rahmen des ehemaligen Stadtpalais ist prachtvoll, egal ob es um die Fassade oder den erstaunlichen Ehrenhof in Halbkreisform geht. Im Inneren lässt uns das Museum in eine sublime Kulisse eintauchen, besonders in die reich möblierten Salons, einen Wintergarten und eine faszinierende doppelläufige Treppe. Es bietet schöne ständige Sammlungen, die sich auf italienische Malerei konzentrieren, aber vor allem fabelhafte Ausstellungen. Leider erlauben die relativ kleinen Räume bei großem Andrang nicht immer, die Werke in vollen Zügen zu genießen. Nach dem Besuch hält man gerne im Teesalon an, der köstliches Gebäck serviert.