Odeon des Herodes Atticus: Wenn die Antike zur Sommerbühne wird
Das Licht geht aus. Fünftausend Zuschauer halten in der lauen Athener Nacht den Atem an. Über den Rängen aus pentelischem Marmor wacht das beleuchtete Parthenon über die Bühne. Seit fast zwei Jahrtausenden bietet das Odeon des Herodes Atticus diesen einen, besonderen Moment: das Gefühl, auf dem exakt gleichen Platz zu sitzen wie ein Zuschauer im Jahr 161 nach Christus.
Warum ein Besuch im Odeon ein Muss ist
Herodes Atticus, ein wohlhabender römischer Senator und Mäzen von Athen, ließ dieses Theater im Gedenken an seine Ehefrau Regilla errichten, die im Jahr 160 verstarb. Die Bauarbeiten nahmen etwa zehn Jahre in Anspruch. Ursprünglich war der Bau mit einem Zedernholzdach überspannt, was ihn im klassischen Sinne zu einem Odeon machte: einem Ort für Konzerte und Lesungen statt eines reinen Freilufttheaters.
Nach der Zerstörung durch die Heruler im Jahr 267 lag das Monument über lange Zeit im Dornröschenschlaf, bevor es zwischen 1952 und 1953 umfassend restauriert wurde. Seit 1955 ist es der Hauptspielort des Festival d'Athènes-Épidaure (Athen-Epidaurus-Festival), eines der traditionsreichsten Festivals für darstellende Kunst in Europa. Berühmtheiten wie Maria Callas, Frank Sinatra, Luciano Pavarotti, Elton John und in jüngerer Zeit Sting standen hier bereits auf der Bühne.
Die Architektur: 5000 Plätze direkt im Fels
Die halbrunde Cavea mit ihrem Durchmesser von 81 Metern schmiegt sich perfekt an den Südwestabhang der Akropolis. Die Sitzreihen aus weißem Marmor ragen bis zu 28 Meter in die Höhe. Die Bühne selbst ist über 35 Meter breit, und die Überreste der dreistöckigen Fassade lassen die einstige Pracht des Projekts erahnen.
Die Akustik bleibt bis heute beeindruckend. Selbst in den obersten Reihen kommt jede Geigensaite und jedes Wort glasklar an. Die Athener haben dafür ein Sprichwort: Egal wo du sitzt, der Klang findet dich.
Das Erlebnis: Vor, während und nach der Vorstellung
Vor dem Auftritt
Der Weg zum Odeon ist Teil des Erlebnisses. Die Fußgängerzone Dionysiou Areopagitou verläuft entlang des Akropolis-Südhangs. Händler mit handgefertigtem Schmuck, Straßenmusiker und der Duft von gerösteten Maiskolben oder Zuckerwatte begleiten deinen Spaziergang unter dem tiefroten Athener Abendhimmel.
Tipp vom Experten: Um den antiken Marmor zu schonen, sind Absätze in der Spielstätte verboten. Trage flache Schuhe. Da die Sitzplätze keine Rückenlehne haben und sich über den Tag stark aufheizen, ist ein faltbares Sitzkissen, das am Eingang geliehen werden kann, Gold wert.
Während der Vorstellung
Die Vorstellungen beginnen meist um 21:00 Uhr, wenn die ärgste Hitze des Tages nachlässt. Die meisten Stücke dauern zwei bis drei Stunden, oft ohne Pause. Vermeide Plätze in der Mitte der Reihen, wenn du zwischendurch aufstehen musst. Die Tore schließen mit Vorstellungsbeginn und Einlass ist, falls überhaupt vorgesehen, nur in der Pause möglich.
Nach der Vorstellung
Die Athener lassen den Abend gerne bei einem späten Abendessen im Viertel Koukaki ausklingen, das nur wenige Gehminuten entfernt liegt. Die Restaurants dort haben oft bis Mitternacht oder länger geöffnet.
Programm: Was gibt es zu sehen?
Das Festival d'Athènes-Épidaure bietet jeden Sommer von Juni bis Oktober eine Mischung aus Oper, Ballett, antiken Tragödien, symphonischen Konzerten und zeitgenössischen Künstlern. Die Griechische Nationaloper präsentiert hier regelmäßig ihre großen Produktionen. Im Jahr 2025 feiert das Festival sein 70-jähriges Bestehen mit einem besonders umfangreichen Programm.
Gut zu wissen:
- Tickets für große Namen sind oft innerhalb weniger Stunden ausverkauft.
- Der Vorverkauf startet in der Regel Ende April über die offizielle Festival-Website.
- Die Preise liegen je nach Vorstellung und Platzkategorie zwischen 15 Euro und über 100 Euro.
- Opern und Tragödien werden in der Regel mit griechischen und englischen Untertiteln aufgeführt.
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Ich habe dieses Denkmal bei meinem Besuch der Akropolis entdeckt. Es ist zwar nicht das am besten erhaltene Bauwerk auf dem Gelände, aber die Mauer hinter der Bühne ist trotzdem beeindruckend. Die halbkreisförmigen Ränge, die rekonstruiert wurden, wirken allerdings überhaupt nicht mehr authentisch. Leider muss man zwingend ein Ticket für eine Vorstellung kaufen, um hineinzukommen. Schade, wenn man nicht die Gelegenheit dazu hat, denn ich kann mir vorstellen, dass die Akustik dort außergewöhnlich ist.