Die Kathedrale von Lissabon: 3.000 Jahre Stadtgeschichte unter einem Dach
Wer das dunkle, schlichte Kirchenschiff betritt, könnte meinen, der Rundgang sei in wenigen Minuten erledigt. Doch der wahre Schatz liegt tiefer. Im Kreuzgang unter den gotischen Arkaden offenbaren Grabungen, die seit 1990 laufen, eine gepflasterte Römerstraße, Ladenfronten aus dem 1. Jahrhundert und die Fundamente einer almoravidischen Moschee aus dem 12. Jahrhundert. Der Boden dieser Kathedrale ruht auf sieben übereinander gelagerten Zivilisationen.
Warum die Kathedrale von Lissabon besuchen?
Die Sé de Lisboa, offiziell Igreja de Santa Maria Maior genannt, ist das älteste Gotteshaus der portugiesischen Hauptstadt. König Afonso Henriques ließ sie 1147 errichten, unmittelbar nachdem er die Stadt während der Reconquista mit Unterstützung englischer, flämischer und germanischer Kreuzfahrer von den Mauren zurückerobert hatte. Der erste ernannte Bischof war der Engländer Gilbert de Hastings, ein Weggefährte des Königs.
Das Bauwerk entstand auf dem Gelände der Hauptmoschee von al-Ushbuna, dem islamischen Lissabon. Dieser für die mittelalterliche Iberische Halbinsel typische Akt verleiht dem Ort eine seltene symbolische Tiefe. Erdbeben in den Jahren 1321, 1531 und vor allem 1755 beschädigten die Struktur mehrfach, was zu ständigen Wiederaufbauten führte. Das Ergebnis ist ein architektonisches Palimpsest, in dem sich Elemente der Romanik, Gotik, des Barocks und des Neoklassizismus ablesen lassen.
Eine Festungskathedrale mit täuschender Optik
Von außen betrachtet wirkt die Sé eher wie eine Burg als wie eine Kirche. Die beiden Zinnentürme, die Schießscharten und das wuchtige Mauerwerk zeugen von der Entstehungszeit, als Lissabon noch eine bedrohte Grenzstadt war. Die große Fensterrose zwischen den Türmen, die nach dem Beben von 1755 rekonstruiert wurde, mildert diese militärische Strenge durch einen Lichtkreis, der das Mittelschiff erhellt.
Das Innere ist nüchtern und fast karg. Die Tonnengewölbe des Hauptschiffs erzwingen eine besondere Stille. Das Licht fällt nur spärlich durch schmale Fenster ein, was den ernsten Eindruck verstärkt. Es ist ein auffälliger Kontrast zu den barocken Kathedralen im restlichen Portugal. Links vom Eingang befinden sich die Taufbecken, in denen Antonius von Padua im Jahr 1195 getauft worden sein soll. Sie sind mit Azulejo-Fliesen geschmückt, die erst im 18. Jahrhundert hinzugefügt wurden.
Der Kreuzgang und die archäologische Krypta
3.000 Jahre unter Ihren Füßen
Der Kreuzgang von D. Dinis, erbaut zwischen dem späten 13. und frühen 14. Jahrhundert, ist der eigentliche Höhepunkt der Besichtigung. Eine Bodensenkung im Jahr 1990 löste Ausgrabungen aus, die eine vollständige Stratigraphie von der Eisenzeit bis zum Mittelalter freilegten. Ein Detail fasziniert Archäologen besonders: Die Chronologie ist dort umgekehrt. Römische Überreste liegen weiter oben, islamische weiter unten, was auf die sukzessiven Aufschüttungen zurückzuführen ist, die den Hügel im Laufe der Zeit nivellierten.
Man erkennt eine gepflasterte römische Straße in Nord-Süd-Ausrichtung, die von kleinen Ladenräumen gesäumt wird. Darunter liegen die Mauern eines monumentalen Komplexes, der als Moschee-Kathedrale von al-Ushbuna aus der Almoraviden-Zeit gedeutet wird. Ein Restaurierungsprojekt des Architekten Adalberto Dias zwischen 2018 und 2025 schuf ein museales Zentrum, das diese Funde präsentiert und gleichzeitig den oberen sowie unteren Kreuzgang renovierte.
Der Domschatz
Vier Säle im Obergeschoss beherbergen den Domschatz: illuminierte Manuskripte, sakrale Goldschmiedekunst, liturgische Gewänder und eine Monstranz aus dem 18. Jahrhundert, die mit Edelsteinen besetzt ist. Auch der silberne Reliquienschrein mit den Gebeinen des Sankt Vinzenz, dem Schutzpatron von Lissabon, wird hier aufbewahrt. Fotografieren ist streng verboten und wird von Aufsichtspersonal streng kontrolliert.
Tipp vom Experten: Die Kathedrale ist sonntags und an kirchlichen Feiertagen für Touristen geschlossen. Kommen Sie unter der Woche am Vormittag, um die Warteschlange an der Einlasskontrolle zu umgehen. Der Aufstieg zum Hochchor bietet einen Blick auf das Kirchenschiff aus der Vogelperspektive und einen seltenen Winkel auf die Fensterrose mit den zwölf Aposteln. Es ist das am häufigsten fotografierte Motiv im Inneren, das jedoch nur wenige Besucher tatsächlich ansteuern.
- Sehenswert: Die Taufbecken des Heiligen Antonius, die Krippe von Machado de Castro aus dem Jahr 1766 im Chorraum, die Gräber von König Afonso IV. und seiner Gemahlin Beatriz in den gotischen Kapellen sowie die Sonnenuhr am rechten Turm.
- Gut zu wissen: Die Beschilderung im Inneren ist fast ausschließlich auf Portugiesisch. Das digitale Zusatzangebot „Sé Digital“ für 3 Euro bietet einen Audioguide per Smartphone in sechs Sprachen an, darunter auch in Deutsch.
Öffnungszeiten
*Angaben können sich ändern
Ich habe schon eine ganze Reihe von Kathedralen besucht. Die in Lissabon ist elegant, aber nichts Besonderes. Da der Eintritt etwas kostet, hatte ich erwartet, mehr Kunstwerke und historische Erklärungen zu sehen. Der Kreuzgang hat mir gut gefallen, er erinnert ein bisschen an den vom Hieronymus-Kloster, nur weniger schön, und auch die Glasfenster waren gut. Ansonsten nichts Außergewöhnliches. Der Schatz präsentiert einige traditionelle Gewänder und Reliquien. Wenn Sie wenig Zeit haben, ist der Besuch nicht unbedingt notwendig.