Stuttgart, die deutsche Stadt, die ihre Weinberge mitten im Stadtgebiet versteckt
Die meisten deutschen Landeshauptstädte haben ihr Schloss, ihren Weihnachtsmarkt und ihre Würste. Stuttgart hat all das auch, bietet aber noch etwas in Europa Einzigartiges: städtische Weinberge, die sich an den Hängen direkt im Stadtgebiet erstrecken. Vom Kessel aus, jener 250 Meter tiefen Senke, in der sich die Stadt entwickelt hat, schlängeln sich die Trollinger- und Riesling-Reben bis an die Hausfassaden heran.
Ein Bild, das den Charakter dieses Ortes perfekt beschreibt: fleißig, wohlhabend und überraschend für alle, die es nicht erwarten.
Ein Reiseziel, das seine besten Seiten für Neugierige bereithält
Die Automobilmuseen ziehen Massen an. Doch wer sich nur auf Mercedes und Porsche beschränkt, verpasst eine vielschichtige Stadt: alternative Viertel, modernistische Architektur der UNESCO-Welterbeliste, römische Mineralbäder und eine solide schwäbische Kulinarik.
Geeignet für:
- Automobilfans: Das Mercedes-Benz Museum und das Porsche Museum gehören zu den besten der Welt
- Architektur- und Stadtplanungsinteressierte: Die UNESCO-gelistete Weissenhofsiedlung und die kubische Stadtbibliothek
- Weinliebhaber: Stuttgart liegt im Herzen des größten Weinanbaugebiets Deutschlands
- Familien: Dank dem Killesbergpark, der Wilhelma und interaktiven Museen
- Reisende, die eine deutsche Großstadt abseits der Touristenströme von München oder Berlin suchen
- Liebhaber deftiger und großzügiger regionaler Küche
Weniger geeignet für:
- Reisende, die direkt ein Ziel am Meer oder in den Hochalpen suchen
- Reisende mit sehr knappem Budget: Stuttgart ist eine wohlhabende Stadt mit entsprechenden Lebenshaltungskosten
- Menschen, die weder Englisch noch Deutsch sprechen: Außerhalb der touristischen Zentren kommt man mit Französisch kaum weiter
Budget: Angemessen für eine Großstadt in Westeuropa
Stuttgart ist deutlich günstiger als das nahegelegene Zürich oder München, liegt aber preislich über dem Niveau vieler vergleichbarer Städte in Frankreich. Die Automobilmuseen können bei einem Besuch beider Häuser ins Gewicht fallen, doch das restliche kulturelle Angebot bleibt bezahlbar.
| Ausgabenposten | Richtwert |
|---|---|
| Einfache Unterkunft (Jugendherberge, 2-Sterne-Hotel) | 35 bis 70 Euro / Nacht |
| Komfortable Unterkunft (3-4 Sterne Hotel, zentrale Wohnung) | 90 bis 160 Euro / Nacht |
| Snack für zwischendurch (Brezel, Markthalle) | 8 bis 15 Euro |
| Restaurantbesuch (schwäbische Küche, Brauhaus) | 20 bis 40 Euro |
| Aktivitäten (Mercedes-Benz Museum: 18 Euro, Porsche Museum: 12 Euro) | 12 bis 20 Euro je nach Museum |
| Öffentliche Verkehrsmittel (Stuttgart Card 24h) | ca. 11 Euro |
| Tagesbudget Backpacker | 70 bis 100 Euro |
| Tagesbudget komfortabel | 160 bis 250 Euro |
Praktische Tipps: Eine gut vernetzte Stadt
Das öffentliche Verkehrsnetz ist exzellent: S-Bahn, U-Bahn und Busse decken das Stadtgebiet und die Vororte effizient ab. Die Stuttgart Card beinhaltet die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und gewährt Rabatte in Museen, was sich bei einem Aufenthalt von zwei oder drei Tagen schnell lohnt.
Englisch ist in Museen, Hotels und im Stadtzentrum weit verbreitet. Abseits der touristischen Pfade helfen ein paar Grundkenntnisse in Deutsch beim sozialen Kontakt. Zur lokalen Etikette: Sei pünktlich bei Verabredungen, überquere die Straße nur an Fußgängerampeln (die Stuttgarter nehmen das sehr genau) und grüße in Geschäften mit einem freundlichen Guten Tag.
Stuttgart-Mitte: Die Schlossplatz-Umgebung und das barocke Herz
Alles beginnt auf dem Schlossplatz, dem größten Platz der Stadt. Das barocke Neues Schloss aus dem 18. Jahrhundert und der neoklassizistische Königsbau rahmen diese grüne Oase ein, auf der die Einheimischen an den ersten warmen Tagen des Jahres entspannen. Es ist vielleicht nicht der malerischste Platz Deutschlands, aber seine Weitläufigkeit ist beeindruckend.
Direkt dahinter liegt die intimere Schillerplatz. Das Altes Schloss, dessen Ursprünge bis ins 10. Jahrhundert zurückreichen, beherbergt heute das Landesmuseum Württemberg mit seinen beachtlichen archäologischen Sammlungen. Nur wenige Schritte entfernt bietet die Markthalle, ein denkmalgeschützter Bau aus dem frühen 20. Jahrhundert, eine Auswahl an Käsespezialitäten, mediterranen Delikatessen und handwerklichen Fleischwaren in einer lebhaften Atmosphäre.
Insider-Tipp: Die Staatsgalerie bietet mittwochs und samstags freien Eintritt zu ihren ständigen Sammlungen. Sie beherbergt eine der bedeutendsten Picasso-Sammlungen Deutschlands sowie Werke von Matisse und Schlemmer. Ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis.
Das Bohnenviertel und Stuttgart-West: Die alternative Seite
Das Bohnenviertel ist das älteste Viertel von Stuttgart. Seine engen Kopfsteinpflastergassen und Fachwerkhäuser wirken wie eine kleine Anomalie in der ansonsten stark modernisierten Stadt. Hier finden sich viele unabhängige Cafés, Galerien und Restaurants mit traditioneller schwäbischer Küche.
Zu den festen Größen vor Ort zählt das Weinhaus Stetter, eine seit Generationen geführte Weinstube, die ideal ist, um den lokalen Trollinger in Begleitung eines Zwiebelrostbratens zu probieren. Das Restaurant Fröhlich, seit über zwei Jahrzehnten von zwei Schwestern geführt, serviert schwäbische Spezialitäten mit Saucen, die drei Tage lang eingekocht werden.
Stuttgart-West ist etwas bohemischer und bietet zahlreiche unabhängige Cafés, Nischenbuchhandlungen und alternative Kunsträume. Die Atmosphäre ist hier deutlich entspannter als im historischen Zentrum.
Die Stäffele und Weinberge: Stuttgart von oben
Das ist die Seite der Stadt, die nur wenige Besucher erkunden, obwohl sie die wohl charakteristischste ist. Die Stäffele, jene über 200 Außentreppen, die die Viertel mit den Weinbergen auf den Höhen verbinden, dienten früher den Winzern für den Transport ihrer Ernte.
Der Weinwanderweg führt durch die Lagen von Uhlbach, Rotenberg und Untertürkheim. Unterwegs trifft man auf Besenwirtschaften, temporäre Weinkneipen, die durch einen Besen an der Tür gekennzeichnet sind. Hier schenken Winzer für einige Wochen im Jahr ihren eigenen Wein zu rustikalen Gerichten aus. Eine lokale Institution, die man bei Gelegenheit unbedingt erleben sollte.
Insider-Tipp: Die Grabkapelle auf dem Württemberg, eine neoklassizistische Grabkapelle, die König Wilhelm I. für seine Frau erbaute, bietet den spektakulärsten Panoramablick über Stuttgart und das Neckartal. Sie wird in Standardführern selten erwähnt und ist daher meist angenehm leer. Der Fußweg vom Zentrum dauert etwa eine Stunde.
Automobilmuseen: Kult oder Kultur?
Ehrlich gesagt dachten wir, das Mercedes-Benz Museum und das Porsche Museum seien nur etwas für Mechanik-Fans. Wir haben uns geirrt. Das Mercedes-Benz Museum mit seiner Architektur in Form einer Doppelhelix ist ein architektonisches Werk für sich. Die Inszenierung auf neun Ebenen führt durch die Geschichte der Mobilität, vom ersten Motor bis hin zu den Formel-1-Boliden von Lewis Hamilton.
Das Porsche Museum ist kompakter und setzt auf eine reduzierte Szenografie und radikales Design. Der Eintritt kostet 18 Euro für Mercedes-Benz und 12 Euro für Porsche. Beides an einem Tag zu schaffen, ist sportlich. Wähle nach deinen persönlichen Interessen.
Wo man in Stuttgart essen und trinken kann
Die schwäbische Küche ist deftig und unkompliziert. Maultaschen, quadratische Teigtaschen gefüllt mit Fleisch, Spinat und Kräutern, sind der regionale Klassiker schlechthin. Man findet sie überall, vom Stand in der Markthalle bis zum gehobenen Restaurant. Auch Spätzle, die oft als Käsespätzle überbacken serviert werden, sind ein fester Bestandteil der Speisekarten.
Was den Wein angeht: Die trockenen Rieslinge und der Trollinger von den Stuttgarter Hängen haben eine überraschende Qualität. Das Stuttgarter Weindorf, ein Weinfest im Freien Anfang September, bietet die Gelegenheit, an wenigen Tagen fast 500 verschiedene Weine zu probieren.
Konkrete Adressen: Das Weinhaus Stetter im Bohnenviertel für Weinkarte und Tradition, die Auberge Bären nahe des Feuersees für schwäbische Tapas und die Markthalle für ein hochwertiges Picknick.
Wo man in Stuttgart übernachten kann
Das praktischste Viertel für einen Aufenthalt ist Stuttgart-Mitte, von wo aus Schlossplatz, Markthalle und die meisten Museen zu Fuß erreichbar sind. Es gibt dort eine große Auswahl in allen Preiskategorien. Das Jaz in the City ist ein modernes Designhotel mit Bar-Terrasse und bietet eine lebendigere Atmosphäre als klassische Hotelketten.
Für ein kleineres Budget bieten die Viertel Stuttgart-West und Bad Cannstatt günstigere Unterkünfte, mit einer schnellen S-Bahn-Anbindung an das Zentrum. Bad Cannstatt ist zudem das Viertel der Mineralbäder, die zu den bedeutendsten in Westeuropa zählen.
Wie man nach Stuttgart kommt
Der Flughafen Stuttgart bietet Direktverbindungen zu vielen europäischen Städten. Er ist mit der S-Bahn in etwa 30 Minuten vom Stadtzentrum aus erreichbar. Aus Richtung Frankreich oder der Schweiz ist die Anreise mit dem TGV oder ICE komfortabel möglich.
Von Zürich aus bieten die SBB Direktverbindungen in etwa 2:40 Stunden an. Von Basel sind es weniger als 2 Stunden mit dem Zug. Die Stadt ist zudem über die Autobahn A5 an das europäische Fernstraßennetz angebunden.
Wie man sich in Stuttgart fortbewegt
Das städtische Nahverkehrsnetz ist hervorragend. Die Stadtbahn bedient fast alle Sehenswürdigkeiten im Zentrum. Die Stuttgart Card für 11 Euro für 24 Stunden deckt den Nahverkehr ab und bietet Museumsrabatte, was sich ab mehr als einer Besichtigung pro Tag lohnt.
Für das Zentrum ist ein Auto nicht erforderlich. Es ist nützlich, um das Porsche Museum zu erreichen oder die Weinberge an der Peripherie zu erkunden. Parkplätze in der Innenstadt sind kostenpflichtig und oft begrenzt. Uber ist in Stuttgart ebenfalls verfügbar.
Wann ist die beste Reisezeit?
Frühling (April bis Juni) und Herbst (September bis Oktober) bieten das angenehmste Klima mit milden Temperaturen und moderatem Touristenaufkommen. Der September ist besonders lebendig durch das Stuttgarter Weindorf und das Cannstatter Volksfest, das als zweitgrößtes Volksfest der Welt nach dem Oktoberfest gilt. Der Dezember lohnt sich für den Weihnachtsmarkt, einen der ältesten und schönsten in Deutschland.
Juli und August sind weniger empfehlenswert, wenn man hitzeempfindlich ist, da sich die Stadt im Kessel stark aufheizen kann.