Xi'an besuchen: Hüterin kaiserlicher Geheimnisse und authentischer Aromen
Was empfindet man, wenn man 8.000 Terrakotta-Soldaten gegenübersteht, die seit über zwei Jahrtausenden in der Zeit eingefroren sind? Diese stumme Armee, die die Ewigkeit von Kaiser Qin bewacht, erwartet dich in Xi'an, der ehemaligen Hauptstadt von dreizehn chinesischen Dynastien.
Doch diese Stadt in Zentralchina ist weit mehr als nur ihr weltbekannter archäologischer Schatz. Zwischen perfekt erhaltenen Stadtmauern, muslimischen Vierteln mit ihrem Duft nach Gewürzen und Nachtmärkten voller Xiaochi offenbart Xi'an eine Echtheit, die den modernen Küstenmetropolen oft abhandengekommen ist.
Xi'an: Eine Zeitreise für Geschichtsbegeisterte
Eines vorab: Xi'an spricht vor allem Liebhaber der chinesischen Geschichte und Tradition an. Wer die hypermoderne Energie von Shanghai oder die futuristischen Wolkenkratzer von Shenzhen sucht, wird hier kaum fündig. Die Stadt mit ihren 13 Millionen Einwohnern pflegt ihr Erbe ganz bewusst, was sich teilweise in einer eher konservativen Architektur niederschlägt.
Reisende, die es eilig haben oder Menschenmassen meiden, könnten sich an der Stadt stören. Die Terrakotta-Armee zieht jährlich Millionen Besucher an, und die Warteschlangen können zermürbend sein. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, entdeckt in Xi'an einen tiefen Einblick in die Seele der chinesischen Zivilisation, fernab von westlich geprägten Klischees.
Die ewige Armee: Auge in Auge mit der Geschichte
Das archäologische Areal des Mausoleums von Kaiser Qin Shi Huang bleibt das eindrucksvollste Erlebnis in Xi'an. Diese Terrakotta-Krieger, die 1974 eher zufällig von Bauern beim Brunnenbau entdeckt wurden, sind schlichtweg beeindruckend. Jedes Gesicht ist ein Unikat, jede Rüstung fein ziseliert, jedes Pferd mit einer beklemmenden Realität geformt.
Die Grube Nummer 1, die imposanteste von allen, beherbergt etwa 6.000 Statuen in perfekter Schlachtordnung. Es ist ein bewegender Moment, vor dieser Armee zu stehen, die bereit ist, ihren Kaiser im Jenseits zu verteidigen.
Der Insider-Tipp: Sei pünktlich zur Eröffnung um 8:30 Uhr vor Ort, um den Reisebussen zu entgehen. Die Gruben 2 und 3 werden weniger stark frequentiert und zeigen faszinierende Details zu den Fertigungstechniken, während man dort die Gesichtszüge der Soldaten besser betrachten kann.
Die Altstadt: Zwischen uralten Mauern und muslimischen Einflüssen
Die Stadtmauer von Xi'an ist die besterhaltene ihrer Art in China und erstreckt sich über 14 Kilometer um den historischen Kern. Eine Fahrradtour bei Sonnenuntergang bietet eine einzigartige Perspektive auf die Kontraste der Stadt: Hier die traditionellen Ziegeldächer, dort die modernen Türme, die in den Himmel ragen.
Im Herzen der Altstadt pulsiert das muslimische Viertel zum Rhythmus der Gebetsrufe und der lebhaften Garküchen. Die Große Moschee, erbaut in traditioneller chinesischer Architektur, überrascht durch ihre harmonische kulturelle Verschmelzung. Ihre ruhigen Gärten bilden einen starken Kontrast zum Trubel der umliegenden Gassen.
Die Straße Beiyuanmen und ihre kulinarischen Schätze
Diese Fußgängerzone ist das Zentrum des Streetfood in Xi'an. Hier stehen Stände mit Yangrou Paomo (Lammfleischsuppe mit Brotstücken) direkt neben den Anbietern von Roujiamo, diesen lokalen "chinesischen Burgern", die mit geschmortem Schweinefleisch gefüllt sind.
Der Insider-Tipp: Meide die touristisch geprägten Restaurants an der Hauptstraße. Wage dich in die Seitenstraßen wie Xiyang Shi, wo auch die Einheimischen essen. Die Preise sind dort oft um den Faktor drei niedriger und die Qualität ist deutlich authentischer.
Tempel und Pagoden: Das spirituelle Erbe der alten Hauptstadt
Die Große Wildganspagode thront wie ein Leuchtturm über der modernen Skyline. Dieser 64 Meter hohe Ziegelturm aus dem Jahr 652 beherbergte einst buddhistische Texte, die der Mönch Xuanzang aus Indien mitbrachte. Der Aufstieg zur Spitze belohnt mit einem Panoramablick über das gesamte Wei-Tal.
Der Daxingshan-Tempel, weniger überlaufen als seine berühmten Pendants, bewahrt eine Atmosphäre echter Einkehr. Die Innenhöfe, geschmückt mit kalligrafierten Stelen, laden fernab des städtischen Lärms zur Meditation ein.
Wo man in Xi'an essen und trinken kann
Die Küche von Xi'an spiegelt die Rolle der Stadt als Knotenpunkt der alten Seidenstraße wider. Muslimische Einflüsse vermischen sich mit han-chinesischen Traditionen zu Geschmackserlebnissen, die in China einzigartig sind. Biang Biang Noodles, die breiten, gürtelartigen Nudeln mit scharfem Öl, sind das absolute Aushängeschild der Stadt.
Das Defachang Restaurant, eine jahrhundertealte Institution in der Nähe des Glockenturms, serviert in einem traditionellen Ambiente die besten Jiaozi (Teigtaschen) der Stadt. Für ein moderneres Erlebnis bietet das Brewery & Spice eine kreative Fusion aus lokaler Küche und internationalen Einflüssen, serviert mit hausgebrauten Bieren.
Wo man in Xi'an und Umgebung übernachtet
Das Viertel am Glockenturm konzentriert das gehobene Hotelangebot und bietet schnellen Zugang zu den wichtigsten historischen Stätten. Boutique-Hotels wie das Shuyuanmen befinden sich in restaurierten alten Wohnhäusern und bieten einen Einblick in die traditionelle chinesische Architektur.
Für mittlere Budgets bietet die Gegend nahe dem Südbahnhof moderne Unterkünfte mit guter Verkehrsanbindung. Rucksacktouristen schätzen die Herbergen im muslimischen Viertel, die zwar lebhaft sind, aber einen direkten Anschluss an das lokale Leben schon beim Frühstück ermöglichen.
Anreise und Fortbewegung in Xi'an
Der Internationale Flughafen Xi'an Xianyang wird von Paris aus per Direktflug mit Air China angeflogen (Flugzeit 11:30 Uhr). Der Hochgeschwindigkeitszug verbindet Xi'an mit Peking in 4:30 Uhr und mit Shanghai in 6:00 Uhr, was eine bequeme Alternative zum Flugzeug darstellt, um die Landschaften Zentralchinas zu sehen.
Innerhalb der Stadt erschließt die U-Bahn die wichtigsten Sehenswürdigkeiten effizient. Die Linien 1 und 2 decken den Großteil der Ziele ab. Taxis sind preiswert, doch zu Stoßzeiten sollte man Staus einplanen. Um zur Terrakotta-Armee zu gelangen, fahren alle 15 Minuten Touristenbusse vom Bahnhof Xi'an ab.
Wann ist die beste Reisezeit?
Der Frühling (April bis Mai) und der Herbst (September bis Oktober) bieten mit milden Temperaturen und oft klarem Himmel ideale Bedingungen. Meide unbedingt die erste Oktoberwoche (Golden Week), in der der Ansturm der Touristen, besonders an der Terrakotta-Armee, unerträgliche Ausmaße annimmt.