Liverpool, die Stadt, die den Sound der Welt prägte
Im Jahr 1962 betrat ein Plattenladenbesitzer einen Kellerclub in der Mathew Street. Drinnen spielten vier Jungs in Lederjacken Rock'n'Roll vor einer Handvoll Leuten. Brian Epstein hatte gerade die Beatles entdeckt. Sechzig Jahre später produziert diese Hafenstadt im Nordwesten Englands immer noch mehr Nummer-eins-Hits als jede andere Stadt im Vereinigten Königreich.
Musik liegt hier in der Luft, doch Liverpool ist weit mehr als nur die Heimat seiner vier berühmtesten Söhne. Es ist eine Stadt aus rotem Backstein und geschmiedetem Eisen, mit Docks, die heute Museen beherbergen, zwei Kathedralen, die aus völlig verschiedenen Epochen zu stammen scheinen, und Einheimischen, deren Herzlichkeit jeden Besucher überrascht.
Ein Ziel für Neugierige und Nachtschwärmer
Beatles-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten, doch die Stadt auf ihr musikalisches Erbe zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Liverpool begeistert Architektur-Fans mit seinen Industriebauten, Fußballbegeisterte, Vinyl-Sammler und Nachtschwärmer, die bis in die frühen Morgenstunden durch die Pubs ziehen. Die Stadt besitzt mehr Kunstgalerien als jede andere britische Metropole außerhalb von London. Der Großteil der Museen ist zudem kostenlos.
Wer allerdings mediterranes Sonnenwetter sucht, wird enttäuscht. Es regnet oft, manchmal mehrmals täglich. Feinschmecker finden hier weniger Auswahl als in London oder Manchester. Und die Strände, selbst jene mit berühmten Skulpturen, sind typische Strände der Irischen See: windig und kühl.
Günstiges Reisen in England
Plane mit etwa 80 bis 150 Euro pro Tag für zwei Personen, was für das Vereinigte Königreich sehr moderat ist. Übernachtungen in soliden Hotels beginnen bei 60 GBP (ca. 72 Euro), die wichtigsten Museen kosten keinen Eintritt und ein Fish and Chips im Pub schlägt mit etwa 12 GBP (ca. 14 Euro) zu Buche. Das Tagesticket für den Nahverkehr liegt bei 5,10 GBP (ca. 6 Euro).
Das Waterfront-Viertel und die Docks
Die Uferpromenade von Liverpool gehört zum UNESCO-Welterbe. Drei Gebäude dominieren den Pier Head: das Royal Liver Building mit seinen legendären Vögeln auf dem Dach, das Cunard Building, das an einen italienischen Palast erinnert, und das Port of Liverpool Building. Dieses Trio, bekannt als die "Three Graces", erinnert an die Zeit, als die Stadt einer der wichtigsten Häfen der Welt war.
Das Albert Dock, ein ehemaliges Warenlager aus dem Jahr 1846, beheimatet heute die Tate Liverpool, das Merseyside Maritime Museum und die Beatles Story. Letztere zeichnet den Aufstieg der Band mit zahlreichen Objekten, Nachbauten und einem Audioguide nach, der von John Lennons Schwester gesprochen wird. Der Eintritt liegt bei 20 GBP (ca. 24 Euro), plane etwa zwei Stunden für den Besuch ein.
Insider-Tipp: Nimm die Fähre über den Mersey, um die Skyline vom Wasser aus zu bestaunen. Die 50-minütige Überfahrt kostet etwa 12 GBP (ca. 14 Euro) und bietet bei Sonnenuntergang den besten Blick auf die drei Graces.
Vom Cavern Quarter zur historischen Mitte
Die Mathew Street ist heute ein Zentrum der Beatles-Nostalgie. Der Cavern Club, in dem die Band zwischen 1961 und 1963 insgesamt 292 Mal auftrat, wurde nach seinem Abriss teilweise wiederaufgebaut. Die Stimmung ist mit den Konzerten an jedem Abend weiterhin elektrisierend. Eine Mauer mit den Namen aller Bands, die jemals in diesen Gewölben gespielt haben, zeugt von der Geschichte des Ortes.
Jenseits der Beatlemania lohnt sich ein Blick in die Innenstadt. Die St George's Hall, ein neoklassizistisches Meisterwerk, verbirgt einen Mosaikboden aus 30.000 Fliesen, der Neptun und die Liver Birds zeigt. Diese sind zum Schutz nur wenige Male im Jahr zu sehen. Die Bombed Out Church, die St Luke Kirche, die während des Blitzkriegs 1941 zerstört wurde, steht heute ohne Dach als Open-Air-Kulturraum da.
Das Chinatown von Liverpool ist das älteste in ganz Europa. Sein Tor, das größte außerhalb Chinas, markiert den Eingang zu einem Viertel, in dem kantonesische und sichuanesische Restaurants bis spät in die Nacht Nudeln servieren.
Das Baltic Triangle und die alternative Szene
Dieses Industrieviertel südlich der Docks hat sich zum kreativen Epizentrum gewandelt. Alte Lagerhallen beherbergen heute Brauereien, Kunstgalerien und Clubs. Der Baltic Market, untergebracht in der ehemaligen Higson's Brauerei, vereint Street-Food-Stände aus aller Welt. Hier gibt es thailändische, mexikanische oder libanesische Gerichte für unter 10 GBP (ca. 12 Euro).
Abends wird das Viertel lebendig. Das Cains Brewery Village bietet Minigolf mit Cocktails, eine Bar im Stil von Peaky Blinders und DJ-Sets bis zum Morgengrauen. Hier zeigt sich das junge, trendige Liverpool abseits der klassischen Touristenpfade.
Insider-Tipp: Das Woolton Picture House ist das älteste unabhängige Kino der Stadt. Es zeigt Filme in einem Saal aus den 1920er-Jahren, der noch völlig im Originalzustand ist. Ein seltenes Erlebnis.
Auf den Spuren der Beatles in Woolton
Echte Fans pilgern in die südlichen Stadtteile. In Woolton begegneten sich John Lennon und Paul McCartney 1957 bei einem Gemeindefest. Das Strawberry Field, ein ehemaliges Waisenhaus, in dem der junge John gerne spielte, inspirierte einen der berühmtesten Songs der Band. Das originale rote Tor steht dort noch immer.
Die Elternhäuser von John Lennon und Paul McCartney gehören heute dem National Trust. Besichtigungen sind nur in kleinen Gruppen nach Voranmeldung möglich. Man sieht das Wohnzimmer von Tante Mimi, in dem John Gitarre lernte, und die Küche der McCartneys, in der die ersten Lieder entstanden. Der Eintritt kostet 30 GBP (ca. 36 Euro) pro Person.
Ausflüge in die Umgebung
Nur 20 Minuten nördlich überrascht der Crosby Beach mit den 100 Bronzestatuen von Antony Gormley, die direkt im Wasser stehen. Diese lebensgroßen Silhouetten, die bei Flut teilweise unter Wasser stehen, wirken bei Sonnenuntergang fast unwirklich. Der Zugang ist frei.
Auf der anderen Seite des Mersey ist das Dorf Port Sunlight einen Abstecher wert. Diese Modellsiedlung für Arbeiter, die Ende des 19. Jahrhunderts von einem Seifenindustriellen erbaut wurde, wirkt mit ihren Arts-and-Crafts-Häusern wie eine Filmkulisse. Die Lady Lever Art Gallery beherbergt dort eine beeindruckende Sammlung präraffaelitischer Kunst.
Wo essen und trinken in Liverpool?
Das wichtigste Gericht der Stadt ist der Scouse, ein Fleisch-Gemüse-Eintopf, der den Einwohnern auch ihren Spitznamen gab. Man findet ihn in traditionellen Pubs wie den Philharmonic Dining Rooms, einem viktorianischen Pub mit prächtiger Ausstattung. Die Herrentoiletten aus Art-Nouveau-Marmor sind alleine schon einen Besuch wert.
Für modernere Küche ist die Bold Street die erste Adresse. Mowgli Street Food serviert indische Gerichte in Tiffin-Boxen, während man auf Schaukeln sitzt. Reservierungen sind empfehlenswert. Das Panoramic 34 in der 34. Etage des West Tower bietet einen spektakulären Ausblick zum Afternoon Tea oder Abendessen.
Die Brauereiszene boomt. Baltic Brewing im Baltic Triangle und Love Lane Brewery in der Nähe der Docks bieten lokale Biere und Besichtigungen ihrer Anlagen an.
Wo übernachten in Liverpool und Umgebung?
Das Viertel um das Albert Dock bietet Museen und Restaurants in direkter Nähe. Hotelketten sind hier gut vertreten, mit Preisen ab 80 GBP (ca. 96 Euro) pro Nacht. Das Hard Day's Night Hotel in der Mathew Street begeistert Beatles-Fans mit seiner thematischen Einrichtung, doch an Wochenenden ziehen die Preise deutlich an.
Für ein kleineres Budget bietet das Baltic Triangle Design-Hotels wie das Baltic Hotel. Die Viertel Ropewalks und das Georgian Quarter sind ein guter Kompromiss zwischen zentraler Lage und Nachtleben. Airbnb-Unterkünfte im Wohnviertel Aigburth ermöglichen es, ein authentischeres Liverpool kennenzulernen.
Anreise und Fortbewegung in Liverpool
Der John Lennon Airport liegt 12 km vom Zentrum entfernt und wird von vielen Billigfliegern angeflogen. Der Bus 500 bringt Reisende in 30 Minuten für 3 GBP (ca. 3,60 Euro) in die Stadt. Der Flughafen Manchester, der international besser angebunden ist, liegt 40 km entfernt. Die Fahrt mit dem Zug oder Shuttle dauert etwa 1,5 Stunden.
Von London aus fahren Züge ab Euston Station zur Lime Street in etwa 2 Stunden und 15 Minuten. Tickets kosten im Voraus zwischen 30 und 70 GBP (ca. 36 bis 84 Euro). Busse von National Express benötigen etwa 5,5 Stunden und kosten rund 20 GBP (ca. 24 Euro).
Vor Ort ist das Merseyrail-Netz effizient für das Zentrum und die Vororte. Die Innenstadt ist kompakt und gut zu Fuß zu erkunden. Für entlegenere Orte wie Anfield oder Woolton fahren die Busse 26 und 27 in regelmäßigen Schleifen.
Wann ist die beste Reisezeit?
Von Mai bis September herrschen die besten Wetterbedingungen, wobei ein leichter Nieselregen immer möglich ist. Im Sommer finden zahlreiche Musikfestivals statt, darunter das Liverpool Sound City im Mai. Der Winter ist kalt und feucht, doch die Stadt wirkt während der Weihnachtsmärkte sehr festlich. Vermeide Fußballwochenenden, falls du nicht im Voraus gebucht hast, da Hotels dann meist ausgebucht sind und die Preise stark ansteigen.
Ich war von meinem Besuch in Liverpool angenehm überrascht. Die Stadt ist viel lebendiger und quirliger, als ich gedacht hätte, mit unzähligen Pubs. Es gibt außerdem ein tolles kulturelles Angebot und viele Museen zu besichtigen. Wenn ihr Beatles-Fans seid, müsst ihr die Stadt unbedingt besuchen.