Cheverny, das Schloss, das Moulinsart erfand
Hergé hat nie einen Fuß nach Cheverny gesetzt. Er entdeckte das Schloss aus dem 17. Jahrhundert auf einem Foto, entfernte in seiner Vorstellung die beiden Seitenflügel und erschuf so den Wohnsitz von Kapitän Haddock. Seither kommen Generationen von Tintin-Lesern in diesem Dorf im Loir-et-Cher an und haben ein seltsames Déjà-vu-Gefühl. Die Fassade aus weißem Stein, die perfekte Symmetrie, die grauen Schieferdächer: Alles ist da, nur die Flüche des Seemanns fehlen.
Ein perfekter Zwischenstopp an der Loire
Dieser kleine Ort in der Sologne eignet sich ideal für Kulturliebhaber, die Intimität den Warteschlangen von Chambord vorziehen. Das Schloss von Cheverny ist das am reichsten möblierte Schloss im Loiretal und das einzige, das seit sechs Jahrhunderten von derselben Familie bewohnt wird. Die Innenräume atmen noch immer das tägliche Leben eines aristokratischen Hauses.
Für Familien begeistert die Ausstellung Les Secrets de Moulinsart die Kinder, während das im Zwinger versammelte Jagdhunderudel die Erwachsenen fasziniert. Wer städtisches Leben oder nächtliche Partys sucht, wird hier weniger glücklich. Das Dorf ist zurückhaltend und die Geschäfte schließen früh. Es ist ein Ziel für einen Tagesausflug oder ein idealer Ausgangspunkt, um die anderen Schlösser zu erkunden.
Ein angemessenes Budget für die Region
Plane 15 bis 20 Euro für den Eintritt in das Schloss ein, je nach gewählten Optionen. Eine Unterkunft in einer Pension (Chambre d'hôtes) beginnt bei etwa 80 Euro pro Nacht, während ein Essen auf einer Terrasse im Dorf zwischen 15 und 25 Euro kostet. Wer ein größeres Budget hat, gönnt sich einen Aufenthalt in den Les Sources de Cheverny, einem 5-Sterne-Hotel mit Michelin-Stern-Restaurant.
Das Schloss: weit mehr als eine Comic-Kulisse
Das Schloss von Cheverny unterscheidet sich von anderen Anwesen an der Loire. Zwischen 1624 und 1630 im klassischen Louis-XIII-Stil erbaut, wurden an dem Gebäude nie bauliche Veränderungen vorgenommen. Die Südfassade, die vom Palais du Luxembourg inspiriert wurde, weist eine strenge Symmetrie auf, die einen Kontrast zu den Renaissance-Fantasien von Chambord oder Chenonceau bildet.
Im Inneren bieten die möblierten Gemächer einen Einblick in den Alltag einer großen französischen Familie. Das Esszimmer bewahrt seine bemalten Wandverkleidungen, die Don Quichotte darstellen. Die Ehrentreppe zeigt prähistorisches Geweih, das in Sibirien entdeckt wurde. In den Kinderzimmern erinnern Familienfotos daran, dass die Hurault de Vibraye noch immer den rechten Flügel bewohnen.
Tipp vom Experten: Besuche das Schloss am späten Nachmittag, um den Reisegruppen zu entgehen, und schaue dir gegen 17:00 Uhr die Fütterung der Hunde an. Die etwa einhundert Anglo-Französischen Laufhunde bilden eines der letzten Meutejagdrudel in Frankreich.
Die sechs Gärten: ein Spaziergang durch die Jahreszeiten
Der Park von Cheverny erstreckt sich über mehr als 100 Hektar. Sechs thematische Gärten prägen den Rundgang: der Garten der Liebe mit seinen zeitgenössischen Skulpturen von Gudmar Olovson, das Lorbeerlabyrinth, der Gemüsegarten, der Obstgarten, der Lehrlingsgarten und der süße Garten. Jeder Bereich bietet eine eigene Atmosphäre.
Eine Fahrt mit dem Elektroboot auf dem Kanal ermöglicht es, die Allee mit ihren 157 Atlas-Zedern und die Sumpfzypressen zu bewundern, deren Wurzeln im Wasser stehen. Im Herbst schmücken mehr als 10.000 Kürbisse das Anwesen, begleitet von Tausenden von Chrysanthemen. Im Winter verwandeln Illuminationen das Schloss in eine märchenhafte Kulisse.
Troussay: das kleinste Schloss der Loire
Drei Kilometer von Cheverny entfernt ist das Schloss von Troussay einen Abstecher wert. Dieses Renaissance-Herrenhaus, das ganzjährig von der Familie de Sainte-Marie bewohnt wird, vereint architektonische Elemente, die im 19. Jahrhundert aus sieben Schlössern der Region gerettet wurden. Das Ergebnis ist eine Miniatur-Zusammenfassung des Loiretals.
Die Führung erzählt die Geschichte von Louis de la Saussaye, einem Freund von Prosper Mérimée, der diese Dekors vor der Zerstörung bewahrte. Der englische Park beherbergt jahrhundertealte Bäume und einen Gemüsegarten aus dem 19. Jahrhundert, der noch immer bewirtschaftet wird. In den Nebengebäuden befindet sich ein Vintage-Laden, in dem lokale Produkte auf Antiquitäten treffen.
Die Weine von Cheverny: ein unterschätztes Anbaugebiet
Die AOC Cheverny, die 1993 anerkannt wurde, umfasst 500 Hektar in 24 Gemeinden. Die Weißweine vereinen Sauvignon und Chardonnay zu frischen Weinen mit Zitrusnoten. Die Rotweine kombinieren Pinot Noir und Gamay und bieten Aromen von Kirsche und Waldbeeren.
Das Maison des Vins de Cheverny im Dorfzentrum bietet Verkostungen ab 7 Euro an. Der interaktive Bereich erklärt die Weinbergsarbeit mithilfe von 360-Grad-Projektionen. Für Liebhaber von Naturweinen produziert die Domaine Villemade in Cellettes seit 1995 Weine ohne Zusätze.
Eine lokale Besonderheit: Die AOC Cour-Cheverny ist das einzige Anbaugebiet der Welt, das ausschließlich die Rebsorte Romorantin produziert, die 1519 von Franz I. eingeführt wurde. Diese seltenen und eleganten trockenen Weißweine sollte man direkt bei den Winzern entdecken.
Wo kann man in Cheverny essen und trinken?
Das Dorf bietet einige einfache Adressen für ein Mittagessen zwischen zwei Besichtigungen. La Cour aux Crêpes serviert Galettes auf der schattigen Terrasse. Für ein aufwendigeres Essen bietet L'Auberge des Sources eine gepflegte Brasserie-Küche in einer renovierten Scheune, mit Drehspieß am Kamin und Produkten aus dem Loiretal.
Gourmets reservieren einen Tisch im Favori, dem gastronomischen Michelin-Stern-Restaurant der Sources de Cheverny. Küchenchef Pierre Frindel veredelt dort Produkte aus der Region: Spargel aus Mont-près-Chambord, Erdbeeren aus der Sologne und blaufüßiges Geflügel. Rechne mit 110 bis 260 Euro für ein Degustationsmenü.
Wo kann man in Cheverny und Umgebung übernachten?
Die Auswahl an Unterkünften im Dorf selbst ist begrenzt. Die erste Adresse bleibt Les Sources de Cheverny, ein 45 Hektar großes Anwesen mit Spa, Pool und zwei Restaurants. Die 49 Zimmer verteilen sich auf ein Schloss aus dem 18. Jahrhundert, renovierte Scheunen und Lodges mit Blick auf den Teich. Die Preise beginnen bei 220 Euro pro Nacht.
Das Schloss von Troussay bietet drei Suiten als Pension für ein intimeres Erlebnis. In Blois, das 15 Kilometer entfernt liegt, ist das Hotelangebot deutlich größer, vom modernen Beelodge bis hin zu charmanten Häusern in der Altstadt.
Wie kommt man nach Cheverny und wie bewegt man sich fort?
Cheverny liegt zwei Stunden von Paris über die Autobahn A10, Ausfahrt Blois. Drei kostenlose Parkplätze stehen Besuchern am Schloss zur Verfügung. Ohne Auto kannst du den Zug bis Blois-Chambord von Paris-Austerlitz in 1:30 Uhr nehmen und dann den Azalys-Shuttle zum Schloss für 6 Euro hin und zurück nutzen.
Das Dorf ist an die Route der Loire à Vélo angeschlossen. Fahrradverleiher in Blois ermöglichen es, Cheverny in einer Stunde Fahrt durch Weinberge und Wälder zu erreichen. Das Schloss verfügt über kostenlose Fahrradstellplätze am Eingang des Anwesens.
Wann ist die beste Reisezeit?
Der Frühling bietet blühende Gärten und angenehme Temperaturen zum Radfahren. Der Sommer zieht viele Besucher an: Besuche das Schloss am besten früh am Morgen oder am späten Nachmittag. Der Herbst verwandelt den Park in ein Gemälde aus warmen Farben, mit der berühmten Kürbisdekoration von Oktober bis November.
Neben dem berühmten Schloss hat Cheverny auch ein hübsches Stadtzentrum. Obwohl dieses nicht sehr groß ist, findet man dort einige schöne Bauwerke, besonders eine tolle Kirche. Bei schönem Wetter ist mehr los und somit auch mehr Stimmung. Man kann dort nach der Schlossbesichtigung ganz entspannt etwas trinken oder essen gehen.