Saint-Pierre, die Stadt, die ihrem Vulkan trotzte
Fischer kehren mit ihrem nächtlichen Fang zurück, während sich der Gipfel der montagne Pelée langsam aus seiner Wolkenhaube schält. Diese friedliche Szene erlebten tausende Einwohner von Saint-Pierre am Morgen des 8. Mai 1902, ohne zu ahnen, dass es ihr letzter Sonnenaufgang sein würde. Innerhalb von drei Minuten vernichtete eine 3600 Grad heiße Glutwolke die damals modernste Stadt der Karibik und riss 30.000 Menschen in den Tod. Nur drei Überlebende entkamen der Katastrophe.
Heute erwacht diese Stadt mit ihren weniger als 5000 Einwohnern erneut zu neuem Leben und bewahrt dabei eine einzigartige Erinnerung sowie eine melancholische Schönheit, die kein anderes Ziel auf den Antillen zu bieten hat.
Ein Reiseziel für Individualisten
Wer nach Martinique kommt, um tagelang an weißen Sandstränden zu liegen und Cocktails am Pool zu schlürfen, wird in Saint-Pierre vielleicht nicht fündig. Die Stadt richtet sich an neugierige Reisende, Geschichtsinteressierte, Taucher auf der Suche nach besonderen Erlebnissen und all jene, die den Charakter eines Ortes mehr schätzen als touristische Infrastruktur. Die Strände bestehen hier aus schwarzem Vulkansand, das Tempo ist gemächlich und die Spuren der Katastrophe von 1902 prägen jedes Straßenbild.
Für Familien mit kleinen Kindern, die organisierte Unterhaltung suchen, ist die Stadt eher weniger geeignet. Das Übernachtungsangebot ist im Vergleich zum Süden der Insel überschaubar und die Restaurants schließen früh. Doch wer bereit ist, einen Gang zurückzuschalten, findet in Saint-Pierre ein ursprüngliches Stück Martinique, fernab vom Massentourismus der südlichen Strände.
Wichtige Informationen vor der Reise
Da Martinique ein französisches Übersee-Département ist, benötigen deutsche Staatsangehörige für die Einreise lediglich einen gültigen Personalausweis oder Reisepass. Reisende aus Österreich oder der Schweiz prüfen am besten die Bestimmungen für ihre Staatsangehörigkeit. Kreolisch und Französisch sind allgegenwärtig, mit Englisch kommt man in touristischen Kontexten meist gut zurecht. Öffentliche Verkehrsmittel sind vorhanden, aber unzuverlässig, weshalb ein Mietwagen für die Erkundung der Region nahezu unerlässlich ist. Beim Klima solltest du dich auf feuchte Hitze und plötzliche tropische Regenschauer einstellen, besonders zwischen Juni und November.
Ein moderates Budget für die Antillen
Saint-Pierre ist ein preiswerteres Reiseziel als der Süden Martiniques. Plane für eine Unterkunft in einem Gîte oder bei Einheimischen etwa 60 bis 120 Euro pro Nacht ein. Eine Mahlzeit im Restaurant kostet zwischen 15 und 25 Euro, und die meisten historischen Stätten sind kostenfrei zugänglich. Die distillerie Depaz kann ohne Eintritt besichtigt werden, lediglich für das Schloss wird eine Gebühr von 5 Euro erhoben.
Auf den Spuren der Geisterstadt
Das Zentrum von Saint-Pierre lässt sich in wenigen Stunden zu Fuß erkunden, verdient aber durchaus einen ganzen Tag. Die Ruinen des théâtre, das nach dem Vorbild des Hauses in Bordeaux erbaut wurde, ragen noch heute als offenes Denkmal in den Himmel. Etwas weiter entfernt erzählt das cachot de Cyparis die außergewöhnliche Geschichte eines Gefangenen, dessen steinerne Zelle ihn vor der Glutwolke rettete. Louis-Auguste Cyparis wurde später zur Attraktion des Zirkus Barnum und dort als einziger Überlebender des Vulkanausbruchs zur Schau gestellt.
Tipp vom Experten: Der Cyparis Express, eine kleine Touristenbahn, bietet eine einstündige Führung zu den wichtigsten Orten an. Das ist praktisch, wenn die Hitze zu stark wird, aber denke daran, unter 0596 55 50 92 zu reservieren, da die Bahn nicht täglich fährt.
Das Mémorial de la Catastrophe de 1902, untergebracht in der ehemaligen Batterie d'Esnotz zur Verteidigung der Stadt, bewahrt Gegenstände, die durch die Hitze verformt wurden. Die geschmolzene und verbogene Bronzeglocke der Kathedrale bleibt eines der eindrücklichsten Zeugnisse der Eruption. Nicht weit entfernt bietet das Centre de Découverte des Sciences de la Terre einen wissenschaftlicheren Einblick in den karibischen Vulkanismus.
Eintauchen in die versunkene Geschichte
Die Bucht von Saint-Pierre birgt ein Geheimnis, das nur Taucher entdecken können: ein Dutzend Schiffswracks, die am Morgen der Katastrophe sanken. Diese Handelsschiffe aus aller Welt warteten auf ihre Ladung aus Zucker und Rum, als die Glutwolke sie in Brand setzte und auf den Meeresgrund schickte.
Die Roraima, ein 120 Meter langer Frachter der Quebec Steamship Company, ist das spektakulärste dieser Wracks. Jacques Cousteau nannte es wegen der wirbelnden Algen, die es bedecken, das Wrack mit dem Engelshaar. Es liegt in einer Tiefe zwischen 36 und 55 Metern und ist für Taucher ab dem zweiten Brevet zugänglich. Für Anfänger bietet die Amélie, die auf nur 9 Metern Tiefe liegt, einen ersten bewegenden Tauchgang in diesem maritimen Friedhof.
Tipp vom Experten: Der Tauchclub A Papa D'lo gegenüber dem Markt an der Uferpromenade bietet Ausflüge für alle Niveaus an. Die Briefings sind ausführlich und die Tauchlehrer kennen jeden Winkel der historischen Wracks. Reserviere am besten einen Tag im Voraus, besonders zwischen Februar und Juni, wenn die Sicht am besten ist.
Die Rumstraße und die Höhen der Pelée
Die distillerie Depaz ist allein schon eine Reise wert. Die Allee aus Königspalmen, die zum Anwesen führt, bietet einen der schönsten Ausblicke auf Martinique: Zuckerrohrfelder im Vordergrund, das koloniale Schloss in der Mitte und die montagne Pelée im Hintergrund. Victor Depaz, der einzige Überlebende seiner Familie, die durch den Ausbruch ausgelöscht wurde, während er in Bordeaux studierte, baute das Anwesen ab 1917 wieder auf. Ein Akt des Glaubens und des Trotzes gegenüber dem Vulkan, der alles zerstört hatte.
Die Besichtigung ist kostenlos und gut ausgeschildert. QR-Codes ermöglichen den Zugriff auf Audioguides über dein Smartphone. Von Februar bis Juni läuft die Brennerei auf Hochtouren und der Duft von frisch gepresstem Zuckerrohrsaft erfüllt das Gelände. Das restaurant Le Moulin à Cannes, das in einer alten Mühle mit Meerblick untergebracht ist, bietet eine hervorragende Gelegenheit, die kreolische Küche, interpretiert durch Küchenchef Gilles Malidor, zu genießen.
Für Wanderer beginnt der Aufstieg zur montagne Pelée in Morne-Rouge, etwa zwanzig Minuten von Saint-Pierre entfernt. Der 2 km lange Pfad bis zum Gipfel auf 1397 Metern ist technisch nicht anspruchsvoll, erfordert aber eine gute Kondition. Starte früh, da die Wolken den Gipfel meistens am späten Vormittag einhüllen.
Die wilden Strände des Nordens
Die Strände von Saint-Pierre haben nichts mit den Postkartenmotiven aus dem Süden der Insel zu tun. Der Sand ist grau oder schwarz und vulkanischen Ursprungs. Die plage de l'Anse Turin, direkt südlich der Stadt, bietet ruhiges Wasser, das ideal zum Schnorcheln ist. Weiter nördlich belohnt die Anse Couleuvre diejenigen, die eine holprige Piste in Kauf nehmen: schwarzer Sand, kristallklares Wasser, geneigte Kokospalmen und eine fast garantierte Einsamkeit.
Der Markt von Saint-Pierre, unter einer Halle direkt am Meer gelegen, belebt jeden Morgen die Uferpromenade. Tropische Früchte, Gewürze und frischer Fisch machen ihn zum idealen Ort, um den Puls der lokalen Bevölkerung zu spüren. An genau dieser Stelle befand sich früher der Sklavenmarkt, ein mahnendes Zeichen für die dunkle Seite der kolonialen Geschichte der Antillen.
Wo kann man in Saint-Pierre essen und trinken?
Das kulinarische Angebot in Saint-Pierre ist bescheiden, aber authentisch. Chez Arlette, seit über dreißig Jahren eine lokale Institution, serviert kreolische Küche ohne Schnörkel: colombo de poulet, boudin créole und fricassée de chatrou. Das Restaurant La Vague, das seit 1951 direkt an der Bucht liegt, bietet ein Menü für 18 Euro inklusive eines Ti-Punch zur Begrüßung. Das Ambiente ist einfach, aber die Lage und die großzügigen Portionen machen das mehr als wett.
Für ein raffinierteres Erlebnis ist das Moulin à Cannes auf dem Depaz-Anwesen die erste Adresse der Gegend. Der Küchenchef verarbeitet lokale Produkte: titiris als Accras, gegrillte balaous oder lambi als Frikassee. Reservierungen sind empfohlen, besonders sonntags, wenn lokale Musiker den Mittag begleiten. Das Créole Arts Café, untergebracht in einem der ersten wiederaufgebauten kreolischen Häuser nach dem Vulkanausbruch, bietet eine gemütliche Alternative für den Tag.
Wo übernachten in Saint-Pierre und Umgebung?
Das klassische Hotelangebot in Saint-Pierre ist auf wenige Adressen beschränkt. Die Villa Saint-Pierre ist die erste Wahl für alle, die direkt im Ort wohnen möchten. Doch der wahre Reichtum der Region liegt in den Gîtes und Ferienwohnungen bei Einheimischen. Die Résidence Roxelle, 1,5 km vom Zentrum entfernt, bietet Apartments mit Pool gegenüber des Flusses Roxelane. Die martiniquischen Besitzer heißen Gäste herzlich willkommen und geben wertvolle Tipps für Wanderungen in der Umgebung.
Das Nachbardorf Carbet, zehn Autominuten entfernt, bietet mehr Möglichkeiten. Die Höhen um das Habitation Morne Étoile inmitten einer Zuckerrohrplantage werden all jene begeistern, die kreolische Authentizität suchen. Für kleinere Budgets bietet Airbnb Studios ab 50 Euro pro Nacht an, oft mit Blick auf die Pelée oder das Meer.
Wie kommt man nach Saint-Pierre und wie bewegt man sich fort?
Der aéroport international Aimé Césaire in Le Lamentin bedient Martinique mit Direktflügen von Paris aus, die Flugzeit beträgt etwa 8,5 Stunden. Saint-Pierre liegt 45 Autominuten nördlich. Ein Mietwagen ist unverzichtbar: rechne mit etwa 30 bis 50 Euro pro Tag, je nach Saison. Die Taxis-co, lokale Minibusse ohne festen Fahrplan, verbinden Fort-de-France mit Saint-Pierre für etwa 5 Euro, ihre unregelmäßigen Abfahrtszeiten machen sie jedoch wenig praxistauglich.
Von Fort-de-France führt die Straße entlang der Karibikküste durch mehrere Fischerdörfer. Die alternative Route über die Route de la Trace, die sich durch den tropischen Regenwald schlängelt, verlängert die Fahrtzeit um eine Stunde, bietet aber spektakuläre Landschaften und Möglichkeiten für Stopps am Jardin de Balata oder an der Basilique du Sacré-Cœur, einer Miniaturkopie der Basilika von Montmartre.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die Trockenzeit von Dezember bis April bietet die besten Bedingungen: weniger Regenschauer, ein ruhiges Meer zum Tauchen und angenehme Temperaturen zum Wandern. Die Zeit der Zuckerrohrernte von Februar bis Juni erlaubt es, die Brennerei Depaz bei voller Aktivität zu erleben. Meide September und Oktober, den Höhepunkt der Hurrikan-Saison, in der einige Betriebe schließen und Wanderwege unpassierbar sein können.
Willkommen in Saint-Pierre, der ehemaligen Wirtschafts- und Kulturhauptstadt von Martinique.
Zwischen dem Vulkanologiemuseum, den Ruinen des Theaters (einst eine Nachbildung des Theaters von Bordeaux), dem Kerker von Cyparis (einer der 2 Überlebenden des Vulkanausbruchs von 1902) und den Ruinen des Bethléem-Asyls werden Kulturliebhaber, Freunde schöner alter Mauern und geschichtsträchtiger Anekdoten voll auf ihre Kosten kommen.
Aber seien wir ehrlich... auch die Besichtigung der Distillerie Depaz hat ihre Anhänger. Und für Feinschmecker gibt es das Restaurant "la fromagerie" (das ist der Name des hundertjährigen Baumes vor Ort). Zur Info: donnerstags gibt es dort einen kleinen Tanzabend mit karibischen Klängen.
Kurz gesagt, St. Pierre ist nicht schlecht, vor allem weil es natürlich auch einen Strand gibt, an dem man sich nach der Besichtigung, dem Restaurantbesuch und der Verkostung (bzw. dem Kauf) von Rhum Agricole ausruhen kann :-)