Sainte-Marie: Wo Martinique seine Ursprünge erzählt
Der Klang der Trommeln schwingt über die Hügel, die hier als Mornes bekannt sind. Irgendwo oberhalb des Ortes flicht eine Korbflechterin Aroman, so wie es die Kariben bereits vor fünf Jahrhunderten taten. Unterhalb der Küste erscheint eine schmale Sandbank, die je nach Strömung kommt und geht und das Festland mit einem Inselchen verbindet, das tief in der Geschichte des Zuckerrohranbaus verwurzelt ist. Sainte-Marie ist keine Postkartenidylle für den Strandurlaub. Es ist das schlagende Herz der martiniquischen Identität, ein Ort, an dem kreolische Traditionen noch heute von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Sainte-Marie: Der vergessene Ausgangspunkt für Reisende
Diese Gemeinde mit 17.500 Einwohnern an der Atlantikküste zieht nicht die Massen an, die sich an den Stränden im Süden drängen. Das ist auch gut so. Sainte-Marie richtet sich an neugierige Reisende, die Martinique verstehen möchten, anstatt nur am Strand zu liegen. Man kommt hierher für den Saint-James Rum, den bèlè und eine koloniale Geschichte in all ihrer Komplexität. Wer nur zum Baden hierherkommt, wird enttäuscht sein: Der Atlantische Ozean ist an den meisten Stränden zu rau.
Wenn du nach perfekt ausgerichteten Sonnenliegen und klassischen Kokospalmen suchst, wirst du andernorts auf Martinique eher fündig. Wenn dich jedoch die Vorstellung reizt, bei Ebbe über einen Tombolo zu laufen, das Flechten der Kariben-Strohhalme zu erlernen oder auf den Spuren von Père Labat zu wandeln, bist du hier genau richtig.
Ein Ziel ohne Schnickschnack
Sainte-Marie ist eine ländliche und bodenständige Gemeinde. Die Menschen sind herzlich, doch die touristische Infrastruktur bleibt überschaubar. Es gibt nur wenige Hotels, dafür umso mehr Ferienunterkünfte von Privatpersonen. Geschäfte schließen früh und manche Restaurants akzeptieren ausschließlich Bargeld. Französisch ist die Hauptsprache, doch Kreol ist allgegenwärtig. Ein Mietwagen ist unerlässlich, um die Umgebung zu erkunden.
Ein vernünftiges Budget für Martinique
Plane mit 60 bis 120 Euro pro Nacht für eine ordentliche Unterkunft und 15 bis 30 Euro für ein herzhaftes kreolisches Essen. Die Hauptattraktionen sind kostenlos oder sehr preiswert: Das Musée du Rhum kostet keinen Eintritt, der Train des Plantations liegt bei 8 Euro. Finanziell gesehen ist dies eine der zugänglichsten Gegenden der Insel.
Der Tombolo und das Inselchen Sainte-Marie
Dieses Naturphänomen macht den Ort berühmt. Von Januar bis April taucht ein etwa 200 Meter langer Sandstreifen aus dem Wasser auf und ermöglicht es, das Inselchen Sainte-Marie zu Fuß zu erreichen. Den Rest des Jahres verschwindet dieser Tombolo wieder aufgrund der Strömungen. Das Schauspiel erinnert an den Mont Saint-Michel, nur eben in einer karibischen Version.
Das Inselchen selbst bewahrt die Überreste eines alten Zuckerhafens, von wo aus zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fässer mit Rum per Eisenbahn verschifft wurden. Ein markierter Pfad führt in einer Stunde einmal rundherum. Achtung: Von Juli bis November ist der Zugang untersagt, um die Nistplätze der Dougall-Seeschwalbe zu schützen.
Freundschaftlicher Rat: Das Baden rund um den Tombolo ist strengstens untersagt. Die Strömungen sind tückisch und haben bereits Menschenleben gefordert. Frage vor der Überquerung sicherheitshalber beim Tourismusbüro oder bei den lokalen Fischern nach.
Die Rumstraße: Saint-James und Père Labat
Die Distillerie Saint-James thront im Herzen von Sainte-Marie in einem eleganten Kolonialhaus aus dem Jahr 1875. Ihr Museum zeichnet die Geschichte des martiniquischen Agrar-Rums nach, mit alten Stichen, historischen Destillierapparaten und einem Weinkeller mit Jahrgängen bis zurück ins Jahr 1885. Der Zugang ist kostenlos, ebenso wie die Verkostung. Während der Erntezeit von März bis Juni werden für 5 Euro geführte Touren durch die aktive Fabrik angeboten.
Nur wenige Kilometer entfernt erzählt die Habitation Fonds Saint-Jacques ein weiteres Kapitel dieser Geschichte. Dieses Dominikanerkloster wurde 1658 gegründet und von Père Labat verwaltet, dem Missionar, der die Destillationstechniken für Rum perfektionierte. Das Gelände, das als historisches Monument gelistet ist, beherbergt heute ein Kulturzentrum und einen seltenen Sklavenfriedhof, der 1992 bei Ausgrabungen entdeckt wurde. Eintritt: 2,50 Euro.
Freundschaftlicher Rat: Der Train des Plantations, der die Brennerei mit den Zuckerrohrfeldern verbindet, ist einen Ausflug wert, aber prüfe die Fahrpläne vorab. Die Züge fahren nur vormittags und die Strecke ist kürzer, als die offizielle Werbung vermuten lässt.
Lebendige Kultur und Traditionen
Sainte-Marie gilt als Wiege des bèlè, eines traditionellen Tanzes, der auf den Zuckerrohrplantagen entstand. Das Maison du Bèlè, das 2003 im Viertel Reculée eröffnet wurde, bewahrt diese Kunst, die Trommelmusik, kreolischen Gesang und Quadrille-Tanz vereint. Auf Voranmeldung werden Einführungsworkshops angeboten und über das Jahr verteilt finden Vorführungen statt.
Im Morne des Esses pflegt die Vannerie Paille Caraïbe ein Wissen, das von den Kalinago-Indianern stammt. Zwei lokale Pflanzen, Cachibou und Aroman, werden nach jahrhundertealten Techniken geflochten. Nur noch eine Handvoll Korbflechter übt diese Kunst aus. Du kannst ihnen bei der Arbeit zusehen und dich selbst im Flechten versuchen.
Das Musée de la Banane, das auf der Habitation Limbé untergebracht ist, rundet dieses kulturelle Panorama ab. In den vier Hektar großen Gärten sind 55 Bananensorten zu sehen, und eine Ausstellung beleuchtet die Geschichte dieser Frucht, die nach dem Niedergang des Zuckers zur wirtschaftlichen Säule der Region wurde.
Wo essen und trinken in Sainte-Marie?
Die Gastronomie von Sainte-Marie ist auf der ganzen Insel bekannt. Das Restaurant Le Point de Vue an der Anse Charpentier serviert seit fast 30 Jahren kompromisslose kreolische Küche: Colombo vom Huhn, Chatrou-Frikassee und Flusskrebse in kreolischer Soße. Das karibische Carbet mit seinem begrünten Dach und der Blick auf den Pain de Sucre machen den Besuch lohnenswert.
Auf dem Gelände der Destillerie bietet das Restaurant Le Saint-James gehobene antillische Küche, sonntags sogar mit Tanz. Das North Beach Tombolo direkt gegenüber dem Tombolo setzt auf neu interpretierte kreolische Küche in einem modernen Ambiente. Eine Reservierung wird empfohlen.
Wo schlafen in Sainte-Marie und Umgebung?
In Sainte-Marie gibt es praktisch keine klassischen Hotels. Die Übernachtungsmöglichkeiten bestehen fast ausschließlich aus privaten Ferienwohnungen. Du findest Studios und Apartments ab 60 Euro pro Nacht, oft mit Meerblick und Poolzugang. Die Viertel Morne des Esses und Fonds Saint-Jacques bieten eine ländliche Umgebung.
Für mehr Auswahl kannst du dich im weniger als 15 Autominuten entfernten La Trinité oder Tartane umsehen. Das Hotel French Coco in La Trinité bietet gehobenen Standard, wenn du mehr Komfort suchst.
Anreise und Fortbewegung in Sainte-Marie
Vom Flughafen Aimé Césaire dauert die Fahrt etwa 45 Minuten über die Nationalstraße N1 Richtung Trinité und weiter nach Sainte-Marie. Louer un véhicule (ein Mietwagen) ist nahezu unerlässlich: Öffentliche Verkehrsmittel existieren zwar, sind aber wenig frequentiert. Die Linien 21, 22 und 25 des Netzwerks Martinique Transport verbinden die Gemeinde von Fort-de-France aus für etwa 2 Euro pro Fahrt.
Von Paris aus dauert der Direktflug 8:30 Stunden. Martinique ist von großen europäischen Städten wie Brüssel oder Genf mit Zwischenstopp in weniger als 5 Flugstunden erreichbar. Zeitverschiebung: 5 Stunden im Winter, 6 Stunden im Sommer gegenüber dem französischen Festland.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die Trockenzeit von Dezember bis April ist ideal. Es ist zudem die einzige Zeit, in der der Tombolo begehbar ist. Wer die Destillerie Saint-James in Betrieb sehen möchte, sollte zwischen März und Juni kommen. Meide die Zyklonzeit von August bis Oktober: Häufige Regenfälle, raue See und einige geschlossene Geschäfte machen das Reisen schwieriger. Der Karneval von Sainte-Marie im Februar oder März bietet einen festlichen Einblick in die lokalen Traditionen.
Wenn Sie einen kleinen Einblick in die Geschichte von Martinique, die Kultur und die kulinarischen Spezialitäten bekommen möchten, bietet Ihnen Sainte-Marie eine angenehme Möglichkeit. Eine Stadt mit viel Freiraum, sehr grün und sowohl auf die Landwirtschaft als auch auf den Tourismus ausgerichtet.