Der Tempel der Athena Pronaia, stille Wächterin am Nabel der Welt
Jenseits der gorge de Castalie (Kastalia-Schlucht), unterhalb der heutigen Straße, ragen drei dorische Säulen in einer mineralischen Stille empor. Sie markieren die Silhouette des Tholos, jener rätselhaften Rundhalle, die seit über einem Jahrhundert Archäologen beschäftigt und Fotografen fasziniert. Der Marmor aus Paros und Pentelikon leuchtet hier unter der griechischen Sonne und rechtfertigt den lokalen Beinamen Marmaria, was so viel wie Marmorbruch bedeutet.
Der Kontrast zum regen Treiben im sanctuaire d'Apollon (Apollon-Heiligtum) ist sofort spürbar. Die Terrasse wirkt intimer und fast andächtig, als würde Athena noch immer in Stille über ihren göttlichen Halbbruder wachen.
Warum das Heiligtum der Athena Pronaia besuchen?
Dieses Heiligtum war keineswegs nur ein Anhang des großen Apollon-Komplexes. Für Pilger, die aus dem Osten über die antike Straße von Kirra kamen, war es der erste heilige Ort, den sie erreichten. Der Name Pronaia bedeutet wörtlich diejenige, die vor dem Tempel steht, und unterstreicht die Schutzfunktion, die Athena für Apollon und sein Orakel ausübte.
Ausgrabungen belegen, dass der Kult an diesem Ort bis in die mykenische Zeit zwischen 1500 und 1100 vor unserer Zeitrechnung zurückreicht. Unter den Fundamenten des ersten Tempels wurden hunderte Terrakottafiguren einer Muttergöttin entdeckt, bei der es sich vermutlich um Gaïa handelt. Die kultische Kontinuität über mehr als drei Jahrtausende macht diesen Ort zu einem außerordentlichen Zeugen der griechischen Religionsgeschichte.
Das Rätsel des Tholos: Schönheit ohne Funktion
Der unbestrittene Star des Heiligtums bleibt der Tholos, der um 380 bis 360 vor unserer Zeitrechnung vom Architekten Théodore de Phocée errichtet wurde. Seine kreisförmige Gestalt ist untypisch für die klassische griechische Architektur, die sonst von rechteckigen Tempeln dominiert wird. Einst umgaben zwanzig dorische Säulen den Bau und trugen einen Fries mit skulptierten Metopen, die Kämpfe zwischen Giganten und Amazonen darstellten.
Im Inneren lehnten sich zehn korinthische Pilaster an die Mauer der Cella und erzeugten ein architektonisches Spiel von seltener Raffinesse. Doch bis heute weiß niemand, wozu dieses Monument diente. Einige vermuten ein Reliquiar für eine wertvolle Statue, andere ein Ehrenmonument. Das Rätsel bleibt bestehen.
Der Tipp vom Experten: Komm am späten Nachmittag, wenn die Reisebusse wieder abgefahren sind. Das flache Licht der untergehenden Sonne bringt den Marmor zum Leuchten und du hast den Ort fast für dich allein. Die drei im Jahr 1938 rekonstruierten Säulen zeichnen sich dann wunderschön vor dem Abendhimmel ab.
Die drei Tempel der Athena: Drei Jahrhunderte Geschichte
Der archaische Tempel (7. Jahrhundert v. Chr.)
Der erste Tempel, erbaut aus grauem, porösem Stein, zählte zu den ältesten dorischen Bauwerken Griechenlands. Zwölf Säulen gliederten seine schlichte Struktur. Er wurde im 6. Jahrhundert zerstört, vermutlich durch ein Erdbeben.
Der klassische Tempel (510 v. Chr.)
Dieser zweite Tempel wurde im Rahmen des Restaurierungsprogramms der Alcméonides errichtet und maß 13,25 Meter mal 27,46 Meter. Noch 1905 standen fünfzehn Säulen, bevor ein Felssturz sie zu Boden riss. Die mit mythologischen Figuren verzierten Tonmetopen sind heute im archäologischen Museum zu sehen, ebenso wie der Kopf der Athena, der einst den Giebel schmückte.
Der spätere Tempel (um 360 v. Chr.)
Nach dem verheerenden Erdbeben von 373 vor unserer Zeitrechnung wurde dieser dritte Tempel vorsorglich weiter westlich aus lokalem Kalkstein neu aufgebaut. Sechs Säulen an der Fassade führten zu einem Vorraum und einer Cella. Er war auffallend schlicht und verzichtete auf skulptierten Schmuck an den Metopen, möglicherweise um nicht mit dem benachbarten, reliefreichen Tholos zu konkurrieren.
Schätze und Altäre: Zeugen antiken Reichtums
Zwei Schatzhäuser prägen die Terrasse. Das Trésor dorique (dorische Schatzhaus) aus der Zeit um 490 bis 460 vor unserer Zeitrechnung konnte bisher nicht eindeutig zugeordnet werden. Spektakulärer ist das Trésor des Massaliotes (Schatzhaus der Massalioten), das um 530 vor unserer Zeitrechnung von der Stadt Marseille zur Feier ihres Sieges über die Etrusker errichtet wurde. Seine zwei äolischen Säulen aus parischem Marmor zeugten von der aufstrebenden Wirtschaftskraft der phokäischen Kolonie.
Südlich des Heiligtums dienten mehrere Altäre für Opfergaben. Inschriften aus dem 5. Jahrhundert belegen, dass sie Athena, Zeus, Hygie (Göttin der Gesundheit) und Ilithyie (Göttin der Geburt) gewidmet waren. Diese kultische Vielfalt unterstreicht die Rolle des Heiligtums als Ort des umfassenden Schutzes für die Gläubigen.
Zwischen dem Tholos und der Straße erinnern die Überreste des gymnase (Gymnasiums) daran, dass Delphi die Pythischen Spiele ausrichtete. Die Athleten trainierten dort im xystos, einer langen überdachten Säulenhalle, in der sie bei schlechtem Wetter liefen, bevor sie sich in den von der Kastalia-Quelle gespeisten Bädern reinigten.
Öffnungszeiten
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Ich habe den Ort direkt nach der Besichtigung der Hauptausgrabungsstätte besucht. Planen Sie etwa zehn Minuten zu Fuß ein, um dorthin zu gelangen, und ziehen Sie gutes Schuhwerk an, da der Weg uneben ist. Ich fand diesen Ort ziemlich rätselhaft, besonders den Tholos. Dank der drei wiederaufgebauten Säulen kann man sich sehr gut vorstellen, wie imposant das ursprüngliche Bauwerk war. Es ist gleichzeitig beeindruckend und faszinierend anzusehen, weil man sich fragt, wozu der Ort genau diente. Der Platz bietet zudem ein schönes Panorama über das Tal unterhalb.