Scilla besuchen: Das Juwel, in dem die Legende noch immer grollt
Es ist nicht nur das Rauschen der Wellen, die gegen den massiven Felsen prallen, der das Meer überragt. Wer in Scilla ankommt, an dieser Küste von Kalabrien mit direktem Blick auf Sizilien, der hält unwillkürlich inne. Man versucht, im Tosen des Wassers das Kreischen jenes mythologischen Ungeheuers zu erahnen, das dem Dorf seinen Namen gab. Hier, mehr als an vielen anderen Orten in Italien, ist die Legende greifbar und in den Stein sowie das tiefe Blau des Tyrrhenischen Meeres eingeschrieben.
Scilla: Postkartenidylle für poetische Seelen?
Scilla ist ein Ziel für Menschen, die eine poetische Ader haben und das authentische Italien suchen, das noch immer im Rhythmus der heimkehrenden Fischer lebt. Der Ort ist perfekt für alle, die steile Gassen lieben, in denen jede versteckte Treppe zu einem neuen, atemberaubenden Ausblick führt. Es ist ein Paradies für Fotografen und Romantiker.
Wer hingegen große Hotelkomplexe, ein pulsierendes Nachtleben oder Strände sucht, die bequem mit dem Auto erreichbar sind, wird hier vermutlich nicht fündig.
Die Geografie des Ortes ist extrem vertikal, was ihn für Menschen mit eingeschränkter Mobilität schwierig macht. Zudem ist es im Hochsommer eine echte Herausforderung, einen Parkplatz zu finden. Das ist eben der Preis, den man für einen Ort zahlt, der seinen einzigartigen Charakter so gut bewahrt hat.
Chianalea, das kleine Venedig des Südens
Das Herz und die Seele von Scilla schlagen hier, in diesem Fischerviertel von unwirklicher Schönheit. In Chianalea gibt es keine Bürgersteige, nur eine schmale Gasse zwischen den Häusern und dem Meer. Die Gebäude stehen nicht einfach nur am Wasser, sie tauchen förmlich hinein. Ihre Fundamente sind direkt in den Fels gebaut und werden von den Wellen umspült.
Man schlendert zum Klang des plätschernden Wassers durch die Gassen, begegnet bunten Fischerbooten, die vor den Türen an Land gezogen wurden, und sieht Netze, die in der Sonne trocknen. Die Atmosphäre wirkt zeitlos, wie ein tiefes Eintauchen in ein maritimes, traditionsreiches Italien.
Ein kleiner Tipp: Reserviere unbedingt einen Tisch zum Abendessen in einem der Restaurants in Chianalea. Viele verfügen über sogenannte Palafitte, kleine Holzterrassen, die auf Pfählen über dem Wasser errichtet wurden. Ein frisches Schwertfischgericht zu genießen, während das Meer direkt unter deinen Füßen rauscht, ist ein unvergessliches Erlebnis.
Marina Grande, der Strand am Fuße des Felsens
Auf der anderen Seite des Felsvorsprungs zeigt sich eine völlig andere Seite von Scilla: die Marina Grande. Dies ist der Hausstrand des Dorfes, ein langer und schöner Abschnitt aus Sand und Kieselsteinen, an dem Einheimische und Besucher die Sonne und das kristallklare Wasser genießen. Im Sommer herrscht hier reges Treiben in den Strandbädern, die Liegestühle und Sonnenschirme vermieten.
Der Blick vom Strand ist spektakulär und wird von der imposanten Silhouette des Schlosses dominiert, das wie ein Wächter über den Badenden thront. Für einen schönen Spaziergang lohnt es sich, dem Strand bis zum Felsvorsprung von Punta Pacì zu folgen, einem bei Spaziergängern beliebten Aussichtspunkt, um den Sonnenuntergang zu bewundern.
Das Castello Ruffo und das Viertel San Giorgio
Der absolute Orientierungspunkt von Scilla ist das Castello Ruffo, das auf einem Felssporn zwischen Chianalea und Marina Grande thront. Der Ursprung des Bauwerks liegt weit zurück, und es wurde über die Jahrhunderte immer wieder umgestaltet. Ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen der Geschichte, sondern auch für das außergewöhnliche Panorama über die Straße von Messina und die sizilianische Küste.
Direkt hinter dem Schloss erstreckt sich das Wohnviertel San Giorgio. Hier befindet sich der Hauptplatz mit der Kirche, die dem Schutzpatron des Dorfes gewidmet ist, der Chiesa di San Rocco, sowie weitere religiöse Gebäude wie die Chiesa dello Spirito Santo, die mehrere Erdbeben überstanden hat.
Ein kleiner Tipp: Gehe am späten Nachmittag zum Aussichtspunkt an der Piazza San Rocco. Bei klarem Wetter erlebst du ein magisches Schauspiel: die Sonne versinkt hinter den Liparischen Inseln, während sich die rauchende Silhouette des Stromboli am Horizont abzeichnet.
Auf den Spuren des Odysseus-Mythos
Man kann Scilla nicht besuchen, ohne die Legende zu erwähnen, die den Ort berühmt gemacht hat. Homer hat es in seiner Odyssee verewigt, diesen furchteinflößenden Meeresabschnitt. Auf der einen Seite der Meerenge lauerte das Seeungeheuer Scylla (der Fels von Scilla) mit seinen sechs Köpfen, das Seeleute verschlang; auf der anderen Seite riss der Strudel Charybdis (auf der Seite Siziliens) ganze Schiffe in die Tiefe.
Das Dilemma des Odysseus, der zwischen zwei tödlichen Gefahren wählen musste, brachte den Ausdruck vom Regen in die Traufe kommen (ursprünglich: zwischen Skylla und Charybdis geraten) hervor. Ein Spaziergang hier bedeutet, auf den Spuren einer der größten Epen der Mythologie zu wandeln.
Wo kann man in Scilla essen und trinken?
Der unbestrittene Star der lokalen Küche ist der pesce spada, der Schwertfisch. Er wird in der Straße von Messina traditionell an Bord spezieller Boote, der sogenannten passerelle, gefangen. Du findest ihn auf jeder Speisekarte, ob einfach gegrillt, als Involtini (Röllchen) oder in einem Nudelgericht. Dazu passt am besten ein trockener Weißwein aus Kalabrien.
Wo kann man in Scilla und Umgebung übernachten?
Für eine romantische und einzigartige Erfahrung suchst du dir am besten ein B&B oder eine kleine Ferienwohnung im Viertel Chianalea, damit du mit dem Rauschen der Wellen einschlafen kannst. Wer direkten Strandzugang bevorzugt, ist im Viertel Marina Grande ideal aufgehoben. Für mehr Ruhe und eine beeindruckende Aussicht sind die Unterkünfte im höher gelegenen Viertel San Giorgio eine hervorragende Wahl.
Wie kommt man nach Scilla und wie bewegt man sich fort?
Der nächstgelegene Flughafen befindet sich in Reggio de Calabre, etwa zwanzig Kilometer entfernt. Eine weitere Option ist der Flughafen Lamezia Terme, der zwar größer ist, aber rund einhundert Kilometer entfernt liegt. Scilla verfügt über einen gut angebundenen Bahnhof, was die Anreise sehr praktisch macht. Wenn du mit dem Auto kommst, stelle dich darauf ein, es auf einem (meist kostenpflichtigen) Parkplatz am Ortseingang abzustellen, da das Zentrum und Chianalea ausschließlich zu Fuß erkundet werden können.