Annecy, wenn das Postkartenmotiv Wirklichkeit wird
Das Wasser ist so klar, dass man Fische noch in drei Metern Tiefe erkennt. Der See, gespeist von den Gebirgsbächen der umliegenden Gipfel, besitzt eine Reinheit, die in Europa ihresgleichen sucht. Die Einheimischen baden direkt im Stadtzentrum, springen von den Stegen oder paddeln auf dem türkisfarbenen Wasser, während die Alpen im Hintergrund aufragen. Diese Stadt mit ihren 130.000 Einwohnern lebt so sehr mit ihrem See, wie andere Städte mit dem Meer. Und ja, es ist tatsächlich so schön wie auf den Fotos.
Ein Ziel, das jedem gefällt, im Guten wie im Schlechten
Die Schönheit von Annecy hat ihren Preis. Die Altstadt ist von Mai bis September von Besuchern überlaufen, und die Preise klettern so hoch wie die umliegenden Gipfel. Dennoch ist es schwer, der Stadt zu widerstehen. Die Kulisse vereint ein gut erhaltenes mittelalterliches Erbe, einen kristallklaren See und Berge, die in wenigen Minuten erreichbar sind.
Annecy ist ideal für romantische Paare, sportliche Familien und Wanderfreunde. Wer Menschenmassen meidet, wird in der Hochsaison enttäuscht sein. Nachtschwärmer werden feststellen, dass die Stadt nach Mitternacht zur Ruhe kommt. Ein Auto ist unverzichtbar, um die Berge und die Dörfer am See zu erkunden, auch wenn man das Stadtzentrum mühelos zu Fuß durchqueren kann.
Vorsicht, das Budget ist beachtlich
Plane für ein Paar im Sommer 120 bis 180 Euro pro Tag ein. Ordentliche Hotels im Zentrum beginnen bei 100 Euro pro Nacht, und Unterkünfte mit Seeblick kosten schnell über 200 Euro. Eine Mahlzeit auf einer Terrasse kostet 25-40 Euro pro Person. Wassersportaktivitäten schlagen leicht mit 30 bis 50 Euro pro Tag zu Buche.
Die Altstadt: Kanäle und bunte Fassaden
Der Thiou, der natürliche Abfluss des Sees, durchquert das historische Zentrum in mehreren Armen. Diese von pastellfarbenen Häusern gesäumten Kanäle haben der Stadt den Beinamen Venedig der Alpen eingebracht. Das Bild ist zwar etwas abgenutzt, aber nicht ganz unberechtigt. Das Palais de l'Île, ein ehemaliges mittelalterliches Gefängnis mitten im Kanal, bleibt das meistfotografierte Bauwerk der Region.
Die Arcades der rue Sainte-Claire beherbergen den Markt an den Dienstagen, Freitagen und Sonntagmorgen. Die Stände quellen über vor Tomme de Savoie, Nusswürsten und Obst aus den umliegenden Obstgärten. Schon ab 9:00 Uhr drängen sich hier die Leute, aber die Stimmung ist den Besuch wert. Meide den Sonntag, wenn du Menschenmengen nicht magst.
Tipp vom Experten: Der passage de l'Île direkt unter dem Palais bietet die beste Perspektive auf die Kanäle. Komm um 7:00 Uhr morgens für Fotos ohne Menschenmassen, bevor die Terrassen ihre Tische aufstellen.
Das Seeufer: Strände und Promenaden
Die promenade Jacquet verläuft kilometerweit am Nordufer entlang. Die Rasenflächen der Jardins de l'Europe laden zum Picknick und Joggen ein. Der Pont des Amours, ein metallischer Steg über den Kanal du Vassé, bietet einen freien Blick auf den See und die Berge. Paare posieren dort für Fotos, im Sommer manchmal mit Warteschlange.
Mehrere Strände erlauben das kostenlose Baden. Der plage d'Albigny im Norden ist vom Zentrum aus am besten erreichbar. Der plage des Marquisats im Süden bietet mehr Platz. Das Wasser erreicht im Sommer 22 bis 24 Grad, erfrischend, aber nach ein paar Sekunden erträglich.
Das Schloss und die Höhen
Das château d'Annecy überragt die Altstadt von seinem Felsvorsprung aus. Als ehemalige Residenz der Grafen von Genf beherbergt es heute ein Regionalmuseum. Der Aufstieg durch die steilen Gassen lohnt sich genauso wie die Besichtigung selbst. Die Schlossterrassen bieten ein komplettes Panorama über die Dächer und den See.
Um höher hinaus zu gelangen, bietet der mont Veyrier eine Wanderung, die gut in einem halben Tag zu schaffen ist. Rechne mit 2:30 Stunden Gehzeit bis zum Gipfel. Der Tiefblick auf den See rechtfertigt die Anstrengung.
Tipp vom Experten: Die Seilbahn zum Semnoz ist zwar außer Betrieb, aber die Straße zum Gipfel bleibt offen. Mit dem Auto erreichst du die Almen in zwanzig Minuten für einen unvergesslichen Sonnenuntergang über der Aravis-Kette.
Die Umrundung des Sees und seine Dörfer
Das Ostufer des Sees hat sich einen wilderen Charakter bewahrt. Das Dorf Talloires, das mit dem Auto oder Boot erreichbar ist, besticht durch seine Ruhe. Das réserve naturelle du Roc de Chère bietet Waldwege mit Blick auf den See.
Die komplette Umrundung des Sees mit dem Fahrrad umfasst etwa 40 Kilometer. Ein gesicherter Radweg deckt den Großteil der Strecke ab. Plane einen entspannten halben Tag mit Badestopps ein.
Wo kann man in Annecy essen und trinken?
Die savoyische Küche ist ein Muss. Die Tartiflette, mit Reblochon-Käse überbacken, bleibt das klassische Nationalgericht. Diots, lokale Würste in Weißwein geschmort, werden oft mit Crozets serviert. Suche nach Restaurants, die reblochon fermier (bäuerlichen Reblochon) auf ihrer Karte ausweisen.
Am quai des Cordeliers reihen sich die Terrassen mit Blick auf den Thiou aneinander. Für eine lokalere Atmosphäre versteckt sich im Viertel rund um den gare (Bahnhof) das eine oder andere Bistro, das von Annecy-Einheimischen besucht wird. Die eher unbekannten vins de Savoie verdienen es, entdeckt zu werden, besonders der rote Mondeuse und der weiße Roussette.
Wo kann man in Annecy und Umgebung übernachten?
Das historische Zentrum garantiert das volle Erlebnis, verlangt aber hohe Preise. Das Viertel um den gare bietet einen guten Kompromiss, nur zehn Gehminuten vom See entfernt. Für mehr Ruhe bieten die Dörfer am Ostufer wie Veyrier-du-Lac oder Menthon-Saint-Bernard charmante Unterkünfte.
Campingplätze säumen das Westufer in Richtung Saint-Jorioz. Diese Option erlaubt es, den See kostengünstiger zu genießen. Eine Reservierung ist im Juli und August zwingend erforderlich.
Wie kommt man nach Annecy und wie bewegt man sich vor Ort?
Der TGV verbindet Paris-Gare de Lyon in 3:40 Stunden mit Umstieg in Lyon. Der aéroport de Genève, 45 Autominuten entfernt, bietet die besten internationalen Verbindungen. Regelmäßige Shuttlebusse verbinden Genf und Lyon-Saint-Exupéry mit dem Busbahnhof.
Innerhalb der Stadt bedient das Busnetz Sibra die wichtigsten Viertel und Strände. Das Fahrrad bleibt das angenehmste Mittel, um am See entlangzufahren. Die Parkplätze im Zentrum sind im Sommer schon ab dem Morgen belegt.
Wann ist die beste Reisezeit?
Juni und September kombinieren angenehmes Wetter mit einer erträglichen Besucherzahl. Juli und August garantieren Badewetter, aber auch volle Straßen und Höchstpreise. Das Festival international du film d'animation belebt die Stadt Anfang Juni. Vermeide die Brückentage im Mai, wenn du Trubel vermeiden möchtest.
Annecy ist eine wunderschöne Stadt. Ein Spaziergang um den See ist natürlich ein absolutes Muss, aber am besten haben mir die kleinen Gassen in der historischen Altstadt gefallen. Für einen Pariser wie mich war das eine willkommene Abwechslung. Ich empfehle jedoch, außerhalb der Saison zu kommen, da im Sommer sehr viele Touristen unterwegs sind. Wenn Sie in der Gegend sind, schauen Sie unbedingt in Annecy vorbei, auch wenn es nur für einen Nachmittag ist, denn es lohnt sich!