Rüsselsheim: Die Stadt, die Deutschland auf Räder brachte
Im Jahr 1862 richtete ein 25-jähriger Schlosser in der Werkstatt seiner Eltern ein bescheidenes Unternehmen ein. An seiner ersten Nähmaschine arbeitete er monatelang. Heute beschäftigt das Werk, das Adam Opel auf diesem Grundstück gründete, noch immer Tausende Mitarbeiter. Rüsselsheim ist kein Postkartenidyll. Es ist ein direktes Stück deutscher Industriegeschichte, gelegen zwischen den Ufern des Mains und den Start- und Landebahnen des Flughafens Frankfurt.
Ein unerwarteter Zwischenstopp
Ehrlich gesagt bucht niemand einen Flug, um Rüsselsheim zu besuchen. Die 65.000-Einwohner-Stadt zieht vor allem Geschäftsreisende auf der Durchreise und Automobilfans an, die auf den Spuren von Opel wandeln möchten. Wer sich jedoch Zeit nimmt, findet einige Überraschungen. Ein vom Europarat ausgezeichnetes Museum, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst in ehemaligen Industrievillen und ein romantischer Garten aus dem 19. Jahrhundert zeigen, dass das lokale Erbe durchaus beachtlich ist.
Wer jedoch eine malerische Altstadt oder Fachwerkhäuser sucht, sollte weiterreisen. Das Stadtzentrum ist zweckmäßig und die Architektur stark von der Nachkriegszeit geprägt. Die Umgebung des Bahnhofs kann auf Besucher etwas trist wirken. Der Wert von Rüsselsheim liegt in seiner Sozial- und Technikgeschichte, nicht in seiner optischen Idylle.
Ein angemessenes Budget für die Region Rhein-Main
Die Nähe zum Frankfurter Flughafen beeinflusst die Hotelpreise, die meist zwischen 60 und 100 Euro pro Nacht für ein solides Haus liegen. Für eine herzhafte Mahlzeit in einem traditionellen Gasthaus solltest du mit 15 bis 25 Euro rechnen. Die Museen sind sehr erschwinglich, oft unter 5 Euro, und der Verna-Park ist kostenlos zugänglich. Inklusive Transport ermöglicht ein Tagesbudget von 80 bis 120 Euro einen entspannten Aufenthalt.
Die Festung und das Industriemuseum
Das Stadt- und Industriemuseum befindet sich in einer Festung aus dem 15. Jahrhundert, einem der wenigen erhaltenen militärischen Renaissance-Bauwerke in Hessen. Die Dauerausstellung dokumentiert 100.000 Jahre Lokalgeschichte, vom Feuerstein der Neandertaler bis zu den Robotern der Opel-Fertigung. 1979 erhielt das Museum den Preis des Europarates für seine Pionierarbeit, Technik- und Sozialgeschichte miteinander zu verknüpfen.
Die Wälle und Gräben können frei erkundet werden, ein Audioguide ist auf Deutsch und Englisch verfügbar. Gelegentlich finden nächtliche Fackelführungen statt. Der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der zum Schutz der Opel-Arbeiter vor Luftangriffen errichtet wurde, kann nach Voranmeldung besichtigt werden.
Geheimtipp: Das Museum bietet kombinierte Besichtigungen mit einem Werksbesuch bei Opel an. Hierfür ist eine Buchung mehrere Wochen im Voraus erforderlich und ein gültiger Personalausweis ist zwingend mitzuführen.
Die Opelvillen: Kunst am Mainufer
Gegenüber der Festung befinden sich zwei Villen, die Fritz Opel in den 1930er Jahren erbauen ließ und die seit 2003 ein Kunst- und Kulturzentrum beherbergen. Die Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen präsentiert Wechselausstellungen zu moderner und zeitgenössischer Kunst. Das einstige Wohnhaus des Sohnes von Adam Opel, von ihm selbst als sein Schloss am Main bezeichnet, zeigt heute Werke von Niki de Saint Phalle bis hin zu Dokumentarfotografie.
Das Gebäude selbst ist sehenswert: Klare Linien, helle Räume und eine Terrasse mit Blick auf die Mainwiesen. Das angeschlossene Restaurant in der Villa Wenske serviert gehobene italienische Küche in einem eleganten Ambiente und zählt zu den besten Adressen der Stadt.
Der Verna-Park: Ein Miniatur-Englischer Garten
Nur wenige Schritte von den Opelvillen entfernt liegt der Verna-Park, ein Kleinod romantischer Gartenkunst. Zwischen 1850 und 1865 von Baronin Wilhelmine von Verna angelegt, vereint dieser 4,6 Hektar große Garten alle klassischen Elemente: künstliche Ruinen, einen Rundtempel, einen Obelisken, eine Grotte und einen Teich. Die früh verwitwete Baronin ließ zudem einen gebrochenen Turm und eine Ruinenkapelle errichten, die als Symbole der Erinnerung und der Vergänglichkeit dienen.
Der Park ist von einer Steinmauer umgeben, die ihm bis heute die Atmosphäre eines weltlichen Klosters verleiht. Der Eintritt ist frei. Im Juli findet hier unter den alten Bäumen ein Weinfest statt.
Das Mainufer und die Mainspitze
Rüsselsheim liegt am Zusammenfluss von Main und Rhein, einem strategischen Knotenpunkt seit der Antike. Die Mainspitze, nur wenige Kilometer nördlich, markiert die Stelle, an der sich beide Flüsse vereinen. Dies ist auch der Startpunkt des Main-Radwegs, einer 500 km langen Strecke, die bis zur Mainquelle in Franken führt.
Die Mainufer um Rüsselsheim sind gut für Spaziergänge und Radtouren ausgebaut. Das Bootshaus des örtlichen Ruderclubs verfügt über ein Restaurant mit Terrasse direkt am Wasser. Ein idealer Ort für eine Pause am späten Nachmittag.
Wo essen und trinken in Rüsselsheim?
Die lokale Küche folgt hessischer Tradition: Handkäs mit Musik, mariniert in Essig und Zwiebeln, Grüne Soße mit ihren sieben Kräutern, serviert zu hartgekochten Eiern oder Tafelspitz, und natürlich der Apfelwein, der traditionell im blauen Steingutkrug auf den Tisch kommt. Das Weinhaus Schaab-Louis, 1886 von einem Metzgermeister gegründet, pflegt diese Tradition in einem Ambiente voller Geschichte.
Das Rüsselsheimer Bräu braut eigenes Bier und serviert deftige Gerichte wie Brauhausgulasch oder hessischen Flammkuchen. Wer moderner speisen möchte, findet im Restaurant Wellenlänge im Hotel Höll am Main Kamado-Grillgerichte und eine sorgfältig kuratierte Weinkarte. Der Jägerhof setzt auf Nostalgie und bietet eine Karte, die an die gute alte Hausmannskost erinnert.
Wo übernachten in Rüsselsheim und Umgebung?
Die Stadt bietet rund ein Dutzend Hotels, die primär auf Geschäftsreisende und Passagiere auf dem Weg zum Flughafen Frankfurt ausgerichtet sind. Das Garner Hotel Rüsselsheim bietet moderne Zimmer und praktische Parkmöglichkeiten für Reisende, die ihr Auto dort abstellen möchten. Das Michel Hotel Frankfurt Airport verfügt über ein Restaurant mit regionaler Küche und eine angenehme Terrasse.
Für eine zentralere Lage empfiehlt sich das Trip Inn Frankfurt Airport Rüsselsheim, das nur fünf Gehminuten vom Bahnhof und der Fußgängerzone entfernt liegt. Die Ausstattung ist funktional und die Lage gut. Hinweis: Fluglärm kann die Nachtruhe hin und wieder beeinträchtigen, was jedoch in der gesamten Region üblich ist.
Wie erreicht man Rüsselsheim?
Der Flughafen Frankfurt liegt nur 15 Kilometer entfernt. Die S-Bahn-Linien S8 und S9 verbinden das Terminal in etwa zwölf Minuten direkt mit dem Bahnhof Rüsselsheim. Aus Frankreich kommend dauert die Fahrt mit dem TGV nach Frankfurt etwa 4 Stunden, gefolgt von einer kurzen Weiterfahrt mit dem Regionalzug. Mit dem Auto führt die Ausfahrt Rüsselsheim-Mitte der Autobahn A60 direkt in das Stadtzentrum.
Vor Ort ist alles fußläufig erreichbar. Museum, Opelvillen und Verna-Park liegen in einem Radius von wenigen hundert Metern um die Festung. Um die Mainufer zu erkunden oder die Mainspitze zu erreichen, ist ein Mietfahrrad die beste Option. Das lokale Busnetz ergänzt das Angebot.
Wann ist die beste Reisezeit?
Im Frühling und Sommer zeigt sich der Verna-Park mit seinen blühenden Magnolien und 500 alten Bäumen von seiner besten Seite. Das Weinfest im Juli belebt den Park über mehrere Tage. Der Herbst bietet schönes Licht am Main. Im Winter ist es in der Stadt ruhiger, doch die Museen bleiben geöffnet und die Hotelpreise sinken von Dezember bis Februar spürbar.
Ich war als Kind dort, im Rahmen einer Klassenfahrt... Und das, was ich am direktesten mit dieser Stadt verbinde, ist die Farbe Rosa: Einer der Hauptplätze der Stadt ist nämlich in diesen Tönen gehalten. Ich kann Sie beruhigen, das hat nichts mit Barbie zu tun, es ist sehr dezent.
Auch wenn Rüsselsheim für das Opel-Werk bekannt ist, sollte man die Festung nicht vergessen, die man ebenfalls besichtigen kann, sowie die angelegten Ufer des Mains, an denen man spazieren gehen kann. Es ist insgesamt eine angenehme Stadt, die zudem recht nah an der französischen Grenze liegt.