Israel: Wo dreitausend Jahre Geschichte im Jetzt lebendig sind
Der Duft von geröstetem Zaatar steigt aus den kleinen Läden der Altstadt von Jerusalem auf, während der Gebetsruf vom Felsendom herüberschallt. Nur wenige Stunden später nippst du auf einer Terrasse in Tel Aviv an einem Cocktail mit Blick auf das Mittelmeer, während die DJs sich für die Nacht warmlaufen.
Dieser ständige Kontrast zwischen heilig und profan, zwischen jahrtausendealtem Wüstenboden und futuristischen Start-ups, prägt den Alltag in einem Land, das flächenmäßig in etwa mit zwei deutschen Bundesländern vergleichbar ist.
Eine Reise, die niemanden unberührt lässt
Dieses Land ist etwas für Neugierige, für Liebhaber komplexer Geschichte und für Genießer, die auf der Suche nach mediterranen und levantinischen Aromen sind. Wanderer finden hier Landschaften von erstaunlicher Vielfalt: die mondähnlichen Krater des Negev, die grünen Oasen in Galiläa oder die steilen Klippen, die zum Toten Meer abfallen. Nachtschwärmer kommen in der Partyszene von Tel Aviv auf ihre Kosten, die weltweit als eine der dynamischsten gilt.
Diese Reise ist allerdings nichts für Urlauber, die einen unbeschwerten Badeurlaub suchen. Strände gibt es zwar, aber die regionalen Spannungen, der allgegenwärtige geopolitische Kontext und die häufigen Sicherheitskontrollen erfordern eine gewisse Anpassungsfähigkeit.
Ist eine Reise nach Israel gefährlich?
Die Frage muss man offen stellen. In normalen Zeiten sind die touristischen Hauptgebiete sicher. Tel Aviv, Haifa, die Mittelmeerküste und die meisten historischen Stätten bieten ein Sicherheitsniveau, das mit dem in Westeuropa vergleichbar ist. Die Situation kann sich jedoch schnell ändern.
Von Grenzgebieten zu Gaza, dem Libanon und Syrien ist dringend abzuraten. Im Westjordanland können Zugänge ohne Vorwarnung eingeschränkt werden, und von nächtlichen Reisen in diese Gebiete ist abzuraten. Prüfe vor und während deiner Reise unbedingt die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes. Die App Pikud HaOref des israelischen Heimatfrontkommandos ermöglicht es, Warnungen in Echtzeit zu empfangen.
Den Rhythmus des Schabbat verstehen
Jeden Freitag ab etwa 14:30 Uhr verlangsamt sich das Land. Öffentliche Verkehrsmittel stehen still, Geschäfte schließen, und in religiösen Vierteln wirken Restaurants wie ausgestorben. Der Schabbat dauert bis Samstagabend. In Jerusalem und den ultraorthodoxen Vierteln solltest du auf Fotografieren, Autofahren oder freizügige Kleidung verzichten. In Tel Aviv bleibt die Stadt zwar offener, plane deine Wege dennoch voraus. Diese Umstellung mag anfangs überraschen, bietet aber auch eine einzigartige Erfahrung: Eine ganze Stadt in einer ungewöhnlichen Stille zu erleben, hat etwas Faszinierendes.
Ein höheres Preisniveau als bei den Nachbarn
Plane als Backpacker mit Jugendherbergen und Street Food etwa 60 bis 100 Euro pro Tag ein. Ein mittleres Budget liegt bei 150 bis 250 Euro täglich für 3-Sterne-Hotels und solide Restaurants. Die Unterkunft schlägt am stärksten zu Buche: Eine Nacht im Mittelklassehotel kostet 100 bis 150 Euro, Hostels beginnen bei 25 Euro. Die gute Nachricht: Street Food ist reichhaltig und günstig, eine komplette Mahlzeit kostet zwischen 4 und 8 Euro. Öffentliche Verkehrsmittel sind bezahlbar, so kostet ein Bus von Tel Aviv nach Jerusalem etwa 5 Euro.
Jerusalem, die dreifach Heilige
Keine Stadt der Welt vereint so viel religiöse Inbrunst auf so wenigen Quadratkilometern. Die Klagemauer bebt vor jüdischen Gebeten, während nur wenige hundert Meter entfernt die Grabeskirche christliche Pilger empfängt, die den Stein berühren wollen, auf dem Christus gelegen haben soll. Darüber glänzt der Felsendom in der Sonne, das drittwichtigste Heiligtum des Islam. Diese Überlagerung ist manchmal explosiv, immer intensiv und mit nichts anderem zu vergleichen.
Die Altstadt ist in vier Viertel unterteilt: jüdisch, muslimisch, christlich und armenisch. Verliere dich in den Gassen des Souks, wo sich Gewürze mit religiösen Artefakten aller Konfessionen mischen. Der Mahane-Yehuda-Markt außerhalb der Stadtmauern bietet ein zeitgemäßeres Erlebnis: Tagsüber ein lebendiger Lebensmittelmarkt, verwandeln sich die Stände nachts in Bars.
Tipp vom Experten: Besuche den Tempelberg früh am Morgen, um Warteschlangen und Spannungen zu vermeiden. Der Zugang für Nicht-Muslime ist zeitlich begrenzt und kann ohne Vorankündigung geschlossen werden.
Tel Aviv, die Stadt, die niemals schläft
1909 auf Sanddünen gegründet, verkörpert Tel Aviv das andere Gesicht des Landes: säkular, hedonistisch und zukunftsgewandt. Die Weiße Stadt, ein UNESCO-Welterbe, vereint über 4.000 Bauhaus-Gebäude mit klaren Linien. Das Viertel Neve Tzedek, die erste jüdische Vorstadt außerhalb von Jaffa, ist heute von Kunstgalerien und Szenecafés geprägt.
Die feinen Sandstrände erstrecken sich über 14 Kilometer. Gordon Beach zieht Familien an, Hilton Beach die LGBT-Community und Banana Beach die Surfer. Bei Sonnenuntergang erwachen die Bars am Rothschild Boulevard und im renovierten Hafen zum Leben. Das Nachtleben startet spät, sehr spät: Clubs öffnen kaum vor Mitternacht und schließen erst bei Tagesanbruch.
Das alte Jaffa und seine Geheimnisse
Direkt an Tel Aviv angeschlossen ist Jaffa, einer der ältesten Häfen der Welt. Die gepflasterten Gassen, Künstlerateliers und der Flohmarkt bilden einen Kontrast zur modernen Nachbarschaft. Der Levinsky-Markt, weniger touristisch als der Carmel-Markt, ist voll von Gewürzen und orientalischem Gebäck. Die jemenitische Bäckerei Asaluf im Arbeiterviertel HaTikva serviert heiße Malawachs direkt aus dem Ofen.
Die Negev-Wüste und das Tote Meer
Der Süden Israels nimmt mehr als die Hälfte des Staatsgebiets ein. Der Ramon-Krater bei Mitzpe Ramon zieht sich 40 Kilometer lang und 500 Meter tief in die Erde. Es ist kein Einschlagkrater, sondern ein Makhtesh, eine weltweit einzigartige geologische Formation. Wanderungen offenbaren dort bunte Gesteinsschichten und eine scheue Tierwelt: Steinböcke, Wüstenfüchse und Greifvögel.
Weiter im Norden liegt das Tote Meer, 430 Meter unter dem Meeresspiegel. Das schwerelose Treiben im salzgesättigten Wasser ist eine surreale Erfahrung. Die Festung Masada auf einem Felsplateau erzählt vom Widerstand der Zeloten gegen die römischen Legionen. Der Aufstieg zum Sonnenaufgang, wenn die Wüste in tiefem Rot erglüht, ist das frühe Aufstehen wert.
Tipp vom Experten: In der Region am Toten Meer kann es im Sommer bis zu 45°C heiß werden. Reise bevorzugt zwischen Oktober und April und nimm bei Wanderungen mindestens 3 Liter Wasser pro Person mit.
Galiläa und der verkannte Norden
Der grüne Norden überrascht nach der Trockenheit des Südens. Der See Genezareth bewässert eine fruchtbare Region, in der christliche Pilger den Spuren Christi folgen. Kafarnaum, Tabgha, der Berg der Seligpreisungen: Biblische Stätten reihen sich entlang des Ufers aneinander.
Safed, auf 900 Metern Höhe gelegen, ist eine der vier heiligen Städte des Judentums. Blaue Gassen, alte Synagogen und ein Künstlerviertel machen den Ort zu einer meditativen Station. Weiter nördlich bietet der Golan Landschaften mit grünen Hügeln, Weinbergen und drusischen Dörfern, in denen Gastfreundschaft bei einer großzügigen Mahlzeit großgeschrieben wird.
Unbekannte Schätze
Für Wege abseits der Touristenpfade:
- Ein Hod: Künstlerdorf im Carmel-Gebirge mit für Besucher offenen Ateliers
- Zichron Yaakov: Weinberge und Architektur der Pioniere aus dem 19. Jahrhundert
- Rosh Hanikra: Meeresgrotten, die von den Wellen geformt wurden, erreichbar mit der Seilbahn
- Caesarea: Römische Ruinen direkt am Mittelmeer, das antike Theater wird noch heute für Konzerte genutzt
Israel auf dem Teller: Ein Knotenpunkt der Aromen
Die israelische Küche an sich gibt es kaum, sie ist die Summe aller zurückgekehrten Diasporas. Aus dem Jemen kommt das Malawach, ein blättriges Fladenbrot zum Frühstück. Aus Marokko die Dafina, ein Schmortopf für den Schabbat. Aus Polen der gefüllte Karpfen. Aus dem Irak das Kubbeh in Bouillon. Was sie alle eint? Hummus, Falafel, Tahina und eine kollektive Besessenheit für frische Produkte.
Das israelische Frühstück ist eine Institution: Rührei, Salate, Käse, Labneh, Oliven, warmes Fladenbrot. Shakshuka, Eier in einer würzigen Tomatensauce, gibt es zu jeder Tageszeit. Bei den Süßspeisen konkurrieren das palästinensische Knafeh, ein knuspriger Käseteig mit Sirup, und das türkische Baklava um die süßeste Intensität.
Tipp vom Experten: Für den besten Hummus in Jerusalem schicken dich Einheimische zu Abu Shukri in der Altstadt oder Lina im christlichen Viertel. Sei vor Mittag da, denn die Töpfe sind ab 14 Uhr meist leer.
Wann ist die beste Reisezeit für Israel?
Der Frühling von April bis Mai bietet ideale Bedingungen: milde Temperaturen, Blütenpracht im Negev und ein Meer, das warm genug zum Baden ist. Der Herbst von September bis November bietet ähnliche Vorteile mit weniger Pilgern. Der Sommer von Juni bis August ist im Süden und am Toten Meer erstickend heiß, wenn das Thermometer regelmäßig über 40°C steigt. Der Winter ist an der Küste mild, kann aber in Jerusalem mit nächtlichen Temperaturen um 5°C und häufigem Regen überraschen.
Vermeide große jüdische Feiertage, wenn du nicht auf flächendeckende Schließungen vorbereitet bist: Pessach im Frühjahr, Rosch Haschana und Jom Kippur im September/Oktober. Chanukka in Jerusalem im Dezember oder Purim in Tel Aviv im März bieten hingegen unvergessliche festliche Momente.
Wie kommt man nach Israel?
Der Flughafen Ben Gurion zwischen Tel Aviv und Jerusalem empfängt fast alle internationalen Flüge. Von Paris aus dauert ein Direktflug etwa 4,5 Stunden. Air France, El Al, Transavia und Easyjet bieten regelmäßige Verbindungen an. Die Preise schwanken je nach Saison zwischen 200 und 600 Euro für Hin- und Rückflug, mit günstigeren Tarifen im Februar und November. Auch Nizza, Lyon und Marseille bieten Direktflüge an.
Seit Januar 2025 müssen alle Reisenden vor Abflug eine elektronische Reisegenehmigung ETA-IL einholen, auch wenn sie eigentlich visumbefreit sind. Der Reisepass muss mindestens 6 Monate über das Rückreisedatum hinaus gültig sein. Die Sicherheitskontrollen am Flughafen sind streng, plane bei Flügen ab Israel drei Stunden vor Abflug ein.
Wie bewegt man sich in Israel fort?
Das Egged-Busnetz deckt das gesamte Land ab, mit modernen, klimatisierten Bussen und WLAN. Eine Fahrt von Tel Aviv nach Jerusalem kostet etwa 5 Euro, Tel Aviv nach Haifa rund zehn Euro. Die Bahn verbindet Tel Aviv effizient mit dem Flughafen, Haifa und Jerusalem, inklusive einer kürzlich eröffneten Schnellverbindung. Achtung: Der öffentliche Nahverkehr ruht während des Schabbat.
Ein Mietwagen ist die flexibelste Lösung, um den Negev oder Galiläa zu erkunden. Die Straßen sind exzellent, die Beschilderung erfolgt auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. Rechne mit 30 bis 50 Euro pro Tag je nach Fahrzeug. Sheruts, Sammeltaxis, ersetzen am Samstag die Busse und haben ähnliche Preise. Für Fahrten in der Stadt funktionieren die Apps Gett und Yango wie Uber und bieten transparente Preise.